Ein Todesfall: Von Deutschen, Polen & Tschetschenen
Olga Lenski (Maria Simon) steht vor neuen Aufgaben. Die ehemalige Potsdamer Kommissarin ermittelt nun im Grenzgebiet nahe Frankfurt/Oder in einem deutsch-polnischen Team. Ihr Partner ist Adam Raczek (Lucas Gregorowicz), ein Deutscher mit polnischen Wurzeln, der schon länger grenzüberschreitend ermittelt. Unverhofft gerät sie noch vor Dienstantritt in ihren ersten Fall. Nach einer Verkehrskontrolle verfolgen zwei polnische Polizisten einen Flüchtigen. Im Fahrzeug zurück bleibt ein schwer Verletzter. Kurz entschlossen fährt Lenski ihn ins nächste Krankenhaus. Doch der junge Mann, der brutal zusammengeschlagen wurde, stirbt wenig später. Der Fahrer des Fahrzeugs, ein tschetschenischer Asylbewerber (Tamer Yigit), schweigt. Der Tote war Student und er schrieb an einer Bachelor-Arbeit über den Tschetschenienkrieg; nebenbei boxte er im Club von Tobias Vogel (Christoph Luser). Dieser mimt tagsüber den vornehmen Anwalt, während er am Abend die Fäuste sprechen lässt. In der Kanzlei, die sein Vater Hans (Manfred Zapatka) leitet, arbeitet auch Marta Nowak (Danuta Stenka), die Mutter des Toten. Alle sind wenig auskunftsfreudig. Auch die Schwester des Toten (Barbara Wysocka) und Frau des festgenommenen Tschetschenen (Nilam Farooq) machen da keine Ausnahme. Und dann wird Raczek bei einem Alleingang niedergeschlagen.
Foto: RBB / Conny Klein
Polnische Filmtradition: das Authentische & das Artifizielle
Der Einstieg in den ersten deutsch-polnischen „Polizeiruf 110“ ist furios. Die Kommissarin, eine Frau, die für gewöhnlich hinter die Dinge schaut & denkt, hat keine Zeit zu überlegen – und ist gleich mittendrin in der ihr fremden Grenzregion. Auf der Suche nach einem „Szpital“ irrt Lenski mit dem Auto durch eine polnische Stadt. Eine Einführung nach Maß, die komprimiert die Stärken vorwegnimmt, die „Grenzgänger“ von Jakob Ziemnicki („Polnische Ostern“), Absolvent der Filmschule Baden-Württemberg, über 90 Minuten auszeichnet. Ästhetisch brillant ist die Bildsprache, eindringlich die Montage, höchst elaboriert die Tonebene, getragen von einer „Musik“, die zwischen mollgetönten Klage-Chorälen und bizarren Klang- und Geräuschkompositionen wechselt. Und auch zwischenmenschlich dominiert die nonverbale Kommunikation – kleine Gesten und Blicke dringen zum Wesen der Beziehungen vor. Hier eine geballte Faust, dort eine sanfte Berührung oder eine zärtliche Umarmung. Dieses stumme Spiel überschreitet gelegentlich die Grenze zum bedeutungsvoll schwerblütigen Kunsthandwerk; doch es dauert nicht lange, dann meldet sich die andere Seite der polnischen Kinematografie: der Hang zum Milieu-Realismus. Und der ist für deutsche Augen besonders evident. Polnische Landstraßen oder Siedlungen in Frankfurt/Oder, diese noch nicht vom Fernsehen zu Tode gefilmten Gegenden, wirken einfach „authentisch“.
Foto: RBB / Conny Klein
Deutsch-polnische Beziehungen, archaische Kräfte – Vergebung
Was für einzelne Szenen wie das dynamische Intro gilt, schreibt sich in der (Krimi-)Handlung fort, deren Elemente parallel aufgefächert werden, aber erst nach und nach ein plausibles Gesamtbild ergeben. Im Großen wie im Kleinen fehlt die orientierende Totale, die Wirklichkeit setzt sich aus vielen Details zusammen. Das entspricht der Wahrnehmung des Potsdamer Neuankömmlings in der neuen Umgebung. Erwartungsgemäß aber fremdelt die seit jeher – trotz des leicht entrückten Spiels von Maria Simon – bodenständig wirkende Kommissarin nicht, sondern nähert sich selbstgewiss und respektvoll, ernsthaft und gleichsam entspannt ihren Kollegen und den in den Fall involvierten Menschen. Auch als Zuschauer gewinnt man zunehmend an Orientierung. Der Kollege ist ein ebenso umgänglicher wie gelegentlich etwas überspannt agierender Zeitgenosse (Gleiches gilt für seinen Darsteller Gregorowicz, der in seinen Filmen oft für eine Überraschung gut ist), und die polnischen Ermittler halten sich bislang im Hintergrund. Unter den Verdächtigen befinden sich Tschetschenen, Polen und Deutsche. Auch das gibt diesem Krimi, der letztlich weniger die europäische Flüchtlingspolitik in den Fokus rückt als vielmehr deutsch-polnische Freund- und Verwandtschaften, eine Aura des Authentischen. Und ins Spiel kommen archaische Kräfte, Männlichkeitsrituale, die an die Zeiten der Gladiatorenkämpfe erinnern. Im hochemotionalen Finale schließlich obsiegt aber die religiöse Sicht auf die mörderischen Dinge: Vergebung aus dem Munde einer Katholikin. Das passt zu diesem Multikulti-Krimi im moderaten Arthaus-Stil. (Text-Stand: 19.11.2015)

