Selten haben Vincent Ross (André Kaczmarczyk) und Karl Rogov (Frank Leo Schröder) einen solch aufgeräumten Tatort betreten. Die Michalskis betreiben eine Goldschmiedemanufaktur in bester Potsdamer Innenstadtlage. Störend wirkt nur die Leiche des erschossenen Inhabers. Zwei Männer mit Clownsmaske haben das Geschäft gestürmt. Nach dem Schusswechsel sind sie – scheinbar ohne Beute – getürmt. Einer der Flüchtigen ist angeschossen. Schwer atmend nimmt Rogov in großen Schritten die Verfolgung auf. Bis dahin führen Blicke die Regie: Die Frau des Opfers starrt ins Leere, ihre Assistentin auf den Blutfleck auf der Auslegeware. Über kurzen Augenkontakt stimmen die Kommissare ihr Vorgehen ab. Zu reden gibt es mit den Schockstarren nicht viel.
Foto: rbb / Christoph Assmann
Reden wird Ross später genug. Jede Begegnung auf der Fährte zum Täter offenbart sein psychologisches Geschick. Schön für alle, die den genderfluiden, freundlichen Ermittlertyp von Anfang an mochten. Schwierig für seine Gegenüber in diesem sechsten Fall. Sie bleiben blass. Spannend-starke Widersacher hat „Goldraub“ nicht im Sortiment. Museumsdirektor Henrik Feldmann (Thomas Bading) outet sich als Mann vom alten Schlag, der verdächtige Stiefsohn (Jakob Fliess) hält die Fassade des wackeren Familienvaters aufrecht, seine Freundin (Meira Durand, beeindruckend in „Tatort: Für immer und dich“, 2018) gibt die überforderte junge Mutter. Nur einer sticht aus dem Ensemble der Verdächtigen hervor: Dennis Berger (Theo Trebs), Freund des in den Juwelenraub verwickelten Matti Sobotka, hätte einen verständigen Zuhörer wie Ross schon früher gebraucht. Die Nähe zwischen den beiden spiegelt sich in der Wortwahl des Kommissars wider. Ross befragt den Krankenpfleger nicht einfach oder setzt ihn unter Druck. Stattdessen führt er, wo Berger verstummt, dessen Sätze fort und baut so die Brücke zur Antwort. Ross fragt nicht warum, er sagt „weil“ und hebt dabei fragend die Stimme. Kluge Dialoge, fern von Gut und Böse, dafür nah an den Figuren.
Sonst sieht man viel. Vor allem Fassaden. Brandenburgs Landeshauptstadt wirkt aufgeräumt und Touristen-frei. Im goldenen Schnitt sitzend, blickt Ross aus dem Museum auf das historische Ensemble am Markt. Das Bild ruht ein Weilchen und den Zuschauer beschleicht ein bekanntes Gefühl: Je langweiliger eine Ausstellung, desto lieber schaut man raus. Kann bei Filmen genauso sein. Ebenso ordentlich gerahmt folgen Ansichten auf die Villa der Juweliere und auf Plattenbau-Fassaden mit geometrischen Schmuckelementen. Barock und Sozialismus gleichermaßen wie für die Ewigkeit gebaut. Auch die Fußgängerzone in Potsdam scheint von Strukturwandel und Ladensterben verschont. Wir sehen keine zugeklebten Schaufenster, keinen Leerstand, keine lärmenden Tagesgäste. „Polizeiruf 110 – Goldraub“ macht es dem Publikum einfach, in dieser leicht sterilen Krimi-Kulisse Schlüsselmomente auf Anhieb auszumachen. Um (den richtigen) Verdacht zu schöpfen, braucht es nicht viel Gespür.
Foto: rbb / Christoph Assmann
Das ist schade, gehen die Drehbuchautoren Peter Domaschk und Ralf Leuther („Polizeiruf 110 – Abgrund“, 2022) wie Regisseur Felix Karolus („Polizeiruf 110 – Der Gott des Bankrotts“, 2023) damit doch einen Schritt zurück. Fünf Jahre nach Ross‘ Erstling schleicht sich bei der Figur Normalität ein. Wünschenswert wäre, dass sich die Eigenheiten des bunten Vogels im Team (zu den Hauptcharakteren gehört neben Frank Leo Schröder auch Gisa Flake) nicht nur äußerlich in Netzhemd, Goldkette und Kajalstrich wiederfindet. Zu schön wäre es, wenn Ross noch eine ganze Weile das Goldstück unter den Kommissaren bliebe.


1 Antwort
Ohne Ross wäre es biederer Krimistandard. So bleibt es immerhin skurril.
4 Sterne