Polizeiruf 110 – Goldraub

Kaczmarczyk, Schröder, Kaufmann, Fliess, Trebs, Durand, Domaschk, Leuther, Karolus. Museumsstück aus Potsdam

Foto: rbb / Christoph Assmann
Foto Martina Kalweit

Das Team von der deutsch-polnischen Grenze in Slubice ermittelt diesmal in Potsdam. Tätersuche zwischen barocken Fassaden und Plattenbau, historischer Innenstadt und Ost-Flair atmender Randbebauung. Wird ein Labyrinth draus? Leider nein. Waghalsige Verfolgungsjagden verbietet schon das Kopfsteinpflaster im Holländischen Viertel. Auch der Plot von „Polizeiruf 110 – Goldraub“ (rbb / Real Film) führt, von ein paar Seitenblicken abgesehen, geradeaus zum Täter. Der wendungsarme Fall konzentriert sich ganz auf Begegnungen und sorgsam gerahmte Filmbilder. Das passt zum feinfühligen Ermittler und gibt historischen Stadt-Ansichten Raum. Reicht für Atmosphäre, aber nicht zu einem überzeugenden Krimi-Fall.

Selten haben Vincent Ross (André Kaczmarczyk) und Karl Rogov (Frank Leo Schröder) einen solch aufgeräumten Tatort betreten. Die Michalskis betreiben eine Goldschmiedemanufaktur in bester Potsdamer Innenstadtlage. Störend wirkt nur die Leiche des erschossenen Inhabers. Zwei Männer mit Clownsmaske haben das Geschäft gestürmt. Nach dem Schusswechsel sind sie – scheinbar ohne Beute – getürmt. Einer der Flüchtigen ist angeschossen. Schwer atmend nimmt Rogov in großen Schritten die Verfolgung auf. Bis dahin führen Blicke die Regie: Die Frau des Opfers starrt ins Leere, ihre Assistentin auf den Blutfleck auf der Auslegeware. Über kurzen Augenkontakt stimmen die Kommissare ihr Vorgehen ab. Zu reden gibt es mit den Schockstarren nicht viel.

Polizeiruf 110 – GoldraubFoto: rbb / Christoph Assmann
Potsdam, hier eine leicht sterile Krimi-Kulisse. Romy Berger (Meira Durand) tröstet die Mutter ihres ehemaligen Lebensgefährten, Bettina Michalski (Deborah Kaufmann), deren Mann bei einem Raubüberfall auf ihr Juweliergeschäft erschossen wurde.

Reden wird Ross später genug. Jede Begegnung auf der Fährte zum Täter offenbart sein psychologisches Geschick. Schön für alle, die den genderfluiden, freundlichen Ermittlertyp von Anfang an mochten. Schwierig für seine Gegenüber in diesem sechsten Fall. Sie bleiben blass. Spannend-starke Widersacher hat „Goldraub“ nicht im Sortiment. Museumsdirektor Henrik Feldmann (Thomas Bading) outet sich als Mann vom alten Schlag, der verdächtige Stiefsohn (Jakob Fliess) hält die Fassade des wackeren Familienvaters aufrecht, seine Freundin (Meira Durand, beeindruckend in „Tatort: Für immer und dich“, 2018) gibt die überforderte junge Mutter. Nur einer sticht aus dem Ensemble der Verdächtigen hervor: Dennis Berger (Theo Trebs), Freund des in den Juwelenraub verwickelten Matti Sobotka, hätte einen verständigen Zuhörer wie Ross schon früher gebraucht. Die Nähe zwischen den beiden spiegelt sich in der Wortwahl des Kommissars wider. Ross befragt den Krankenpfleger nicht einfach oder setzt ihn unter Druck. Stattdessen führt er, wo Berger verstummt, dessen Sätze fort und baut so die Brücke zur Antwort. Ross fragt nicht warum, er sagt „weil“ und hebt dabei fragend die Stimme. Kluge Dialoge, fern von Gut und Böse, dafür nah an den Figuren.

Sonst sieht man viel. Vor allem Fassaden. Brandenburgs Landeshauptstadt wirkt aufgeräumt und Touristen-frei. Im goldenen Schnitt sitzend, blickt Ross aus dem Museum auf das historische Ensemble am Markt. Das Bild ruht ein Weilchen und den Zuschauer beschleicht ein bekanntes Gefühl: Je langweiliger eine Ausstellung, desto lieber schaut man raus. Kann bei Filmen genauso sein. Ebenso ordentlich gerahmt folgen Ansichten auf die Villa der Juweliere und auf Plattenbau-Fassaden mit geometrischen Schmuckelementen. Barock und Sozialismus gleichermaßen wie für die Ewigkeit gebaut. Auch die Fußgängerzone in Potsdam scheint von Strukturwandel und Ladensterben verschont. Wir sehen keine zugeklebten Schaufenster, keinen Leerstand, keine lärmenden Tagesgäste. „Polizeiruf 110 – Goldraub“ macht es dem Publikum einfach, in dieser leicht sterilen Krimi-Kulisse Schlüsselmomente auf Anhieb auszumachen. Um (den richtigen) Verdacht zu schöpfen, braucht es nicht viel Gespür.

Polizeiruf 110 – GoldraubFoto: rbb / Christoph Assmann
Museum mit Aussicht. „Goldraub“ hat visuell so seine Momente, der Whodunit ist eher mau. André Kaczmarczyk & Thomas Bading

Das ist schade, gehen die Drehbuchautoren Peter Domaschk und Ralf Leuther („Polizeiruf 110 – Abgrund“, 2022) wie Regisseur Felix Karolus („Polizeiruf 110 – Der Gott des Bankrotts“, 2023) damit doch einen Schritt zurück. Fünf Jahre nach Ross‘ Erstling schleicht sich bei der Figur Normalität ein. Wünschenswert wäre, dass sich die Eigenheiten des bunten Vogels im Team (zu den Hauptcharakteren gehört neben Frank Leo Schröder auch Gisa Flake) nicht nur äußerlich in Netzhemd, Goldkette und Kajalstrich wiederfindet. Zu schön wäre es, wenn Ross noch eine ganze Weile das Goldstück unter den Kommissaren bliebe.

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Reihe

rbb

Mit André Kaczmarczyk, Frank Leo Schröder, Deborah Kaufmann, Jakob Fliess, Theo Trebs, Meira Durand, Thomas Bading

Kamera: Wolfgang Aichholzer

Szenenbild: Jörg Baumgarten

Kostüm: Majie Pötschke

Schnitt: Florian Leitl

Musik: Andrej Melita

Redaktion: Daria Moheb Zandi

Produktionsfirma: Real Film Berlin

Produktion: Heike Streich

Drehbuch: Peter Domaschk, Ralf Leuther, Felix Karolus

Regie: Felix Karolus

Quote: 7,63 Mio. Zuschauer (30,2% MA)

EA: 29.03.2026 20:15 Uhr | ARD

weitere EA: 29.03.2026 20:15 Uhr | ARD-Mediathek

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