Donnerstags ist Gerd immer auf dem Golfplatz. „Bestimmt locht er gerade irgendwo ein“, vermutet seine Frau. Das tut er in der Tat, wenn auch gänzlich anders, als Gattin Monika glaubt. Die Zote lässt Schlimmes befürchten, und als der Mann schließlich doch noch mit Sexfessel am Handgelenk zur Verabredung im Café erscheint, aber umgehend tot mit dem Gesicht in einer Torte landet, scheint die Botschaft klar: Leute, lässt allen Anspruch fahren, dieser Film wird ein deftiges Lustspiel. Die Schlussfolgerung erweist sich zum Glück als voreilig: „Plötzlich Schwester“ ist eine vorzüglich gespielte Komödie, die immer wieder für Überraschungen sorgt, weil Autorin Svenja Ingwersen einem bekannten Muster eine gänzlich neue Seite abgewinnt.
Filme über verstorbene Bigamisten werden meist aus Sicht der betrogenen Gattin erzählt, doch diesmal steht als Titelfigur die Tochter im Zentrum: In einigen Tagen wird Sandra Giesinger (Klara Lange) heiraten. Die Hochzeitsvorbereitungen werden jedoch nicht nur durch den Tod des Vaters getrübt: Gerd hat Monika (Andrea Sawatzki) seit dreißig Jahren jeden Donnerstag mit Zweitfrau Gabi Koslowski (Anita Vulesica) betrogen. Die beiden haben eine Tochter im gleichen Alter und gleichen Namens wie Sandra. Genannt wird sie allerdings Sandy, womit der Geschichte ein weiterer potenzieller Qualitätsabgrund droht: Die esoterische Gabi und ihre Tochter entstammen einem Milieu, das sich deutlich vom gutsituierten Dasein der Giesingers mit ihrem großzügigen Anwesen samt Pool unterscheidet; und das ist die zweite falsche Fährte.
Foto: ZDF / Michael Kötschau
„Plötzlich Schwester“ ist Ingwersen erstes verfilmtes Drehbuch für einen Neunzigminüter. Die Autorin nutzt zwar nahezu jede Chance, die so ein „Culture Clash“ bietet, aber nicht auf Kosten der Koslowskis, die ohnehin mehr und mehr zu den Sympathieträgerinnen der Geschichte werden; und das liegt vor allem an Cosima Henman. Sie ist einst als Prollmädchen mit Herz in der RTL-Serie „Der Lehrer“ bekannt geworden, hat sich aber nicht zuletzt dank ihrer Hauptrolle in der Bamberger Krimireihe „Behringer und die Toten“ (ebenfalls RTL, seit 2024) längst von diesem Image emanzipiert. Trotzdem resultiert der Comedy-Effekt nicht zuletzt aus dem Kontrast: Sandra hat als „Bonzentochter“, wie die grundsätzlich nabelfrei gekleidete Sandy ganz richtig feststellt, nicht bloß einen Stock, sondern einen ganzen Baum im Arsch. Vermutlich ist es eine echte Herausforderung, sich darstellerisch neben einem derartigen Wirbelwind zu behaupten, zumal Klara Lange die scheinbar undankbarere Rolle hat, weil Sandy wie eine höhere Gewalt in Sandras Lebens platzt. Gerade deshalb ergänzen sich die beiden jedoch fabelhaft, denn Ingwersen erzählt nun eine ganz andere Geschichte, für die das Bigamiemuster bloß der Einstieg ist: Sandy will unbedingt Sandras beste Freundin und Trauzeugin werden, aber die findet die neue Halbschwester vor allem peinlich und will sie auf keinen Fall bei ihrer Hochzeit dabei haben.
Regisseurin Christine Rogoll hat zuvor mit „Rosen und Reis“ (2026) eine nicht minder sehenswerte Komödie inszeniert, die sich gleichfalls um eine Hochzeit mit Hindernissen drehte. Hier wie dort gilt: Tempo, Timing und die Arbeit mit dem Ensemble sind klasse. Dialoge und Ideenreichtum dürften dagegen Ingwersens Verdienst sein. Die Handlung schlägt dank gleich mehrerer Kernelemente ständig neue Haken, in deren Verlauf meist irgendwas zu Bruch geht; und sei es der gute Ruf von Familie Giesinger oder Bräutigam Justus (Yannik Heckmann). Auslöserin der Turbulenzen ist meist Sandy, die gänzlich andere Vorstellungen von einer gelungenen Hochzeit hat als Sandra; selbstverständlich läuft auch der von ihr organisierte Junggesellinnenabschied komplett aus dem Ruder.
Foto: ZDF / Michael Kötschau
Die zweite Bühne des Films gehört den Müttern: Während sich zwischen den Töchtern eine gewisse Annäherung vollzieht, weil Sandra irgendwann Sandys Charme-Offensive erliegt, liefern sich Monika und Gabi einen Kleinkrieg, in dem sie auch zu fiesen Mitteln greifen. Vordergründig geht’s ums Erbe, eigentlich jedoch um die Frage, wer Gerds Nummer eins war. Die gesetzliche Ehefrau zerdeppert zwar hingebungsvoll mit einem Golfschläger sein Büro, wobei das eine oder andere Geheimnis zutage tritt, aber kampflos will sie den Gatten nicht preisgeben. Dessen kremierte Überreste sorgen derweil gleichfalls für allerlei Kurzweil: Gabi hat die Asche in einem unbeobachteten Moment aus der Urne in ihre Brotdose geleert. Fortan riecht Gerd nach Thunfisch und wechselt nicht nur die Behältnisse, sondern auch die letzten Ruhestätten. Der Schluss erfreut durch eine originelle Variation des klassischen Flughafen-Happy-Ends, und da sich wider Erwarten auch die beiden Witwen schließlich vertragen, kommt es zu einem Epilog, in dessen Verlauf Ingwersen ein letztes Ass aus dem Ärmel schüttelt. Der Schluss schreit nach Fortsetzung, die erfreulicherweise bereits abgedreht ist, Arbeitstitel: „Plötzlich Mutter“.

