Bevor Petra (Ulrike Kriener), frisch in Rente, überlegen kann, was sie mit ihrer freien Zeit anfangen möchte, hat ihr Mann Erik (Rolf Lassgård) schon eine Idee. Sie hat ihm vor Jahren einen Abenteuerurlaub versprochen. Es ist ein Herzenswunsch des passionierten (Lebens-)Künstlers, ohne das Organisationstalent seiner Frau ein paar schöne Wochen mit ihr zu verbringen, ohne Navi, ohne Handy, ohne Hotel, ohne Restaurant, ohne Kreditkarte. Verplant war ihr Leben lange genug; Petra leitete zwanzig Jahre ein großes Unternehmen. Jetzt will Erik ausnahmsweise mal für beide denken, aber er ist nicht Bogart und sie nicht Ingrid Bergman: Petra weigert sich, mitzufahren. Mit einem Oldtimer-Wohnmobil möchte „der alte Schwede“ in Tschechien Lost Places besichtigen und malen. Erst als in ihr einer ihrer Pläne reift, sagt sie zu, obwohl für sie Abenteuer nichts anderes bedeutet als Fiasko. Und so manipuliert sie mit Hilfe ihrer ehemaligen Assistentin Georgette (Lara Mandoki) alsbald die Reise. Petra weiß, was ihren Erik begeistert und womit sie gleichzeitig ihr Sicherheitsbedürfnis befriedigen kann. Doch diese Win-win-Situation durchkreuzt Georgettes Vater Bruno (Philipp Moog), einst Petras Kurzzeit-Lover, heute ihr Arzt und noch immer auf sie fixiert. Er hat nicht nur Erik das Wohnmobil geschenkt, Petra ein Jobangebot gemacht, jetzt reist er ihnen auch noch nach. Einen Wellnessausflug mit Bruno lässt sich Petra noch gefallen, dann aber wird ihr alles zu viel. Außerdem hat Erik was spitzgekriegt.
Foto: ZDF / Stanislav Honzig
Wortwörtlich wird der Titel des ZDF-Fernsehfilms, „Petra geht baden“, erst am Ende eingelöst. Im übertragenen Sinne geht die weibliche Hauptfigur allerdings schon früher baden: Dass ihr Plan, mit einer festgelegten Reiseroute – an ihrem liebenswerten Gatten vorbei – den Urlaub zu bestimmen, nicht über eine Filmstunde hinaus aufgehen kann, sagt einem die Filmerfahrung. In dem Drehbuch von Uli Brée, einem Meister gewitzter, lebenskluger Unterhaltung, wird Erik früh Augenzeuge eines heimlichen Treffens zwischen Petra und seinem Widersacher. In der Folgezeit spricht er sie weder auf Bruno an, noch zeigt er sich sonderlich verletzt oder reagiert eingeschnappt. Das mag psychologisch seltsam erscheinen, doch es passt zu dieser Ehe, in der offenbar nie viel geredet wurde. Sie war stets auf Achse, er lebte gemütlich in seiner Welt. Im Film gibt es die passende Metapher: sie Rennwagen, er Fahrrad. Erik macht sich aber sehr wohl Gedanken. Alles Weitere klärt sich später. Wichtiger ist zunächst, dass der Autor den von Petra an der Nase herumgeführten Ehemann nicht auch noch dramaturgisch zum Opfer macht, indem er ihn im Unwissen über den Betrug lässt. So kann Erik gleichberechtigt seine eigene Agenda verfolgen, während sich der Sympathieträger-Bonus der (manipulierenden) Titelheldin mehr und mehr verbraucht. Auch der Zuschauer ist im Bilde, was langfristig immer effektiver ist, weil es zum Mitdenken und zum Spekulieren anregt. Und doch weiß er nicht alles. So bekommt die Handlung, die anfangs droht, vor sich hinzuplätschern, einen guten Flow.
Foto: ZDF / Stanislav Honzig
„Petra geht baden“ ist ein gelungenes Drama der leichteren Gangart. Um Lebenswege neu abzustecken, um sich neu zu sortieren, aber auch um Beziehungen auf ihren aktuellen Zustand hin zu testen, können Reisen auch im echten Leben hilfreich sein. Das Film-Ehepaar in ein Roadmovie zu schicken, ist von daher eine psychologisch stimmige Ausgangsidee. Auch filmästhetisch ist das Genre immer reizvoll. Und so führt uns die Fahrt durch Gegenden von einfacher landschaftlicher Schönheit, Blumenwiesen, kleine Flüsse, idyllische Wanderwege, die das Erzählte angenehm telegen begleiten, aber sich nicht übermäßig in den Vordergrund spielen. Ein Blick über die Brücken Prags muss genügen, dann wartet bereits die Handlung mit einem Einbruch ins Wohnmobil auf, der sich zu einem Überfall auswächst und Erik zu einem Krankenhausaufenthalt zwingt. Vor Prag ist es in erster Linie eine alte, verlassene Villa, die vor allem Eric begeistert und ihn zum Malen animiert. Obgleich man als Zuschauer nicht groß die Möglichkeit bekommt, sich die Lebensgeschichten dieses Hauses vorzustellen, diese bezaubernden Räume mit der eigenen Fantasie zu beleben, so spiegelt sich doch in der Situation viel vom Wesen und der Beziehung der beiden wider: Er geht in dieser Welt auf, sie lässt sich lieber auf besagten Wellnessnachmittag ein. Man fragt sich gelegentlich schon, wie es zwei so unterschiedliche Menschen 37 Jahre miteinander ausgehalten haben. Doch das ist eher eine Frage für den Ehetherapeuten. Im Film geht es erst mal darum, raus aus dem Schlamassel zu kommen. „Alle haben alles gewusst – und keiner hat geredet“, bringt Erik das zwischenzeitliche Kommunikationschaos des Quartetts auf den Punkt. Da der Film mit einer einminütigen Sequenz voller Harmonie zwischen Petra und Erik beginnt, dann zwei Wochen zurückspringt, ist allerdings anzunehmen, dass es für die beiden kein verflixtes 38. Jahr geben wird. Er radelt, sie sitzt auf dem Gepäckträger, dazu warmes Licht, sie haben Spaß, sind sich nah, blicken romantisch in die Sterne. So könnte die Liebe der beiden im Alter aussehen. Und so sieht lebenskluges „Herzkino“ aus.
Es ist vor allem die Unaufdringlichkeit der Erzählung, die für diesen Film einnimmt. Dank auch dafür, dass das beliebte, dramaturgisch simple Thema, das in solchen Lebensabend-Plots gern genommen wird, außen vor bleibt: Krankheit. Und die Charaktere sind das, was sie sind, die Geschichte motzt sie nicht auf, sucht keine psychologischen Erklärungen. Petra ist die Frau, die gern alles unter Kontrolle hat und die mit Unsicherheiten schwer leben kann. Sie hat Angst sowohl vor dem Sofa als auch vor dem Abenteuer. Sie redet darüber in einer starken nächtlichen Natur-Szene im Dauerregen. Zu wissen, warum das so ist, würde die Geschichte nicht glaubwürdiger machen. Erik muss sich noch weniger erklären. Er ist der Fels in der Brandung, der schwedische Bär, der in sich ruht. Die Besetzung ist perfekt: Rolf Lassgård ist nicht nur Balu, er kann auch böse gucken. Und den unentspannten Blick von Ulrike Kriener kennt man noch von ihrer Kommissarin Lucas. Die beiden sind der Mittelpunkt der Geschichte. Die Kamera bringt die Beziehung stimmungsvoll zur Geltung, hält sich ansonsten zurück. Ein paar markante Bilder mehr wie das farblich grandiose Panorama eines aufziehenden Gewitters hätte sich der Kritiker noch gewünscht. Großes Lob für den wunderbaren Soundtrack, der durch schöne und schön schräge Variationen bekannter Songs glänzt – und damit das Prinzip des gesamten Films spiegelt: Bekanntes erfrischend „anders“ erzählt.
Foto: ZDF / Stanislav Honzig

