Covid hält die Welt in Atem: So lange ist das noch gar nicht her; und doch aufgrund der vielen Krisen seit damals fast in Vergessenheit geraten. Angesichts des Prologs zum fünfzehnten „Ostfrieslandkrimi“ ist die Erinnerung jedoch umgehend wieder präsent: Die Sonne scheint, viele Leute gehen spazieren, Kinder lassen Drachen steigen, ein Strandcafé ist gut besucht. Dann ändert sich die Szenerie, Strand und Terrasse sind plötzlich menschenleer, vor den Geschäften stehen Schilder mit Aufschriften wie „Abstand halten“, ein Supermarkt teilt mit: „Toilettenpapier ausverkauft“. Im Radio wird verkündet, die letzten Urlauber hätten die Küstenregion verlassen. Eine Polizeistreife überprüft, ob die Ferienwohnungen wirklich geräumt sind, und entdecken eine Leiche: ein Mann, in Unterwäsche an einen Stuhl gefesselt, getötet durch einen gezielten Stich in den Nacken. Für Rupert (Barnaby Metschurat), den selbstherrlichen Kollegen von Ann Kathrin Klaasen (Picco von Groote), besteht angesichts der grausigen Genitalverstümmmelung kein Zweifel: Diese Tat wurde von einer Frau begangen.
Womöglich hat’s aber auch die kalabrische Mafia nach Ostfriesland verschlagen, mutmaßt die Nordener Kommissarin; der Modus Operandi legt die Vermutung nahe, dass einem Verräter buchstäblich das Maul gestopft werden sollte. Bei dem Toten handelt es sich jedoch um einen Gymnasiallehrer aus Leer, eine Verbindung zur N’Drangheta scheint höchst unwahrscheinlich. Kurz darauf wird im Tierpark eine weitere Leiche entdeckt, auch sie ist posthum entmannt worden. Beim ersten Mord führte eine Spur zu Studentin Rena (Paula Schramm), sie hatte den Lehrer einst wegen sexueller Belästigung angezeigt, was Ruperts These zu bestätigen scheint, und auch für die zweite Tat hätten Rena und ihre Mitbewohnerinnen ein Motiv: Die WG ist politisch sehr aktiv; der Mann war ein Rechtsextremist, der an der Uni fremdenfeindliche Flyer verteilt hat und sich für den „Volkssturm“ gerüstet hat.
Foto: ZDF / Michael Ihle
Die „Ostfriesland“-Premiere des bewährten Krimi-Duos Sönke Lars Neuwöhner und Sven S. Poser, unter anderem Schöpfer der ARD-Reihe „Wolfsland“, offenbart jedoch früh, wer hier sein Unwesen treibt. Eigentlich wäre die Rolle wie geschaffen für den Österreicher Andreas Lust, aber Jakob Diehl versieht den Killer ebenfalls mit einer reizvollen Mischung aus professioneller Präzision, eisiger Kälte und verblüffender Empathie. Er nistet sich bei einer übrig gebliebenen Urlauberin (Nadja Becker) ein, ihre Ferienwohnung befindet sich im Haus von Familie Wewes in Klaasens Nachbarschaft. Nun rückt die wie alle Filme der Reihe auf einem Roman von Klaus-Peter Wolf basierende Geschichte ins Zentrum, was bislang wie ein überflüssiger Nebenstrang wirkte: Uwe Spix (Jürg Plüss), der beste Freund von Clemens Wewes (Andreas Anke), hat jeden Montag ein erzwungenes Sex-Rendezvous mit dessen Frau (Anja Schneider). Damit ist nun Schluss: Der eklige Uwe ist augenscheinlich das dritte Opfer des Killers.
Es dauert eine ganze Weile, bis Marcus O. Rosenmüller, nicht nur dank seiner „Taunus-“ und „Schwarzwaldkrimis“ eigentlich ein Spannungsspezialist, zur Sache kommt. Gerade die in gedeckten Farben gefilmten Szenen im Haus von Familie Wewes wirken wie ein freudloses Familiendrama: der Vater ein Trinker, seine Frau eine stille Dulderin, der halbwüchsige Niklas (Juri Winkler) ein Muttersöhnchen, das in eindrucksvollen Comiczeichnungen seine düsteren Fantasien auslebt. Jedes Bild trägt den Stempel „Bonjour Tristesse“, ein Bezug zur eigentlichen Krimihandlung ist nicht zu erkennen. Das ändert sich komplett, als der Killer den Teenager zu seinem Gehilfen macht: Auf seiner Todesliste steht ein weiterer Name, aber der Lockdown macht es ihm echt schwer, seine Arbeit zu erledigen. Der Mann ist ohnehin die mit Abstand faszinierendste Figur des Films.
Foto: ZDF / Michael Ihle
Anders als zuletzt rücken diesmal auch wieder Klaasens übersinnliche Fähigkeiten in den Vordergrund, was zu einem für ihren Mann (Tom Radisch) recht schmerzlichen Moment führt, als sie sich nach dem dritten Mord in die Persönlichkeit des Täters versetzt und dem Gatten an die Gurgel geht. „Ostfriesensturm“ hätte zwar auch ohne die parapsychologischen Elemente funktioniert, aber sie bereichern den Krimi um einige überraschende und stellenweise auch filmisch interessante Momente. Spätestens der Epilog verdeutlicht, dass die Ereignisse eine ganze Weile zurückliegen, weshalb ein Poster in der WG für eine kleine Irritation sorgt: Das Plakat ruft zur Friedens-Demo am 15. März auf; allerdings im Jahr 2025.

