Ostfriesensturm

Picco von Groote, Radisch, Metschurat, Diehl, Neuwöhner, Poser, Rosenmüller. Mörder haben’s auch nicht leicht

25.04.2026 10:00 ZDF Streaming-Premiere
02.05.2026 20:15 ZDF TV-Premiere
Foto: ZDF / Michael Ihle
Foto Tilmann P. Gangloff

In dem nach langem Anlauf doch noch ziemlich fesselnden Covid-Krimi „Ostfriesensturm“ (ZDF / Schiwago Film) aus der Reihe mit Picco von Groote treibt ein Auftragskiller sein Unwesen im beschaulichen Ostfriesland-Städtchen Norden. Gemessen an den früheren Arbeiten von Thriller-Spezialist Marcus Rosenmüller ist die erste Hälfte des Films etwas spannungsarm, aber die zweite entschädigt umso mehr, zumal der Mörder auch dank Jakob Diehl eine faszinierende Figur ist. Eine überdurchschnittliche Episode der Reihe.

Covid hält die Welt in Atem: So lange ist das noch gar nicht her; und doch aufgrund der vielen Krisen seit damals fast in Vergessenheit geraten. Angesichts des Prologs zum fünfzehnten „Ostfrieslandkrimi“ ist die Erinnerung jedoch umgehend wieder präsent: Die Sonne scheint, viele Leute gehen spazieren, Kinder lassen Drachen steigen, ein Strandcafé ist gut besucht. Dann ändert sich die Szenerie, Strand und Terrasse sind plötzlich menschenleer, vor den Geschäften stehen Schilder mit Aufschriften wie „Abstand halten“, ein Supermarkt teilt mit: „Toilettenpapier ausverkauft“. Im Radio wird verkündet, die letzten Urlauber hätten die Küstenregion verlassen. Eine Polizeistreife überprüft, ob die Ferienwohnungen wirklich geräumt sind, und entdecken eine Leiche: ein Mann, in Unterwäsche an einen Stuhl gefesselt, getötet durch einen gezielten Stich in den Nacken. Für Rupert (Barnaby Metschurat), den selbstherrlichen Kollegen von Ann Kathrin Klaasen (Picco von Groote), besteht angesichts der grausigen Genitalverstümmmelung kein Zweifel: Diese Tat wurde von einer Frau begangen.

Womöglich hat’s aber auch die kalabrische Mafia nach Ostfriesland verschlagen, mutmaßt die Nordener Kommissarin; der Modus Operandi legt die Vermutung nahe, dass einem Verräter buchstäblich das Maul gestopft werden sollte. Bei dem Toten handelt es sich jedoch um einen Gymnasiallehrer aus Leer, eine Verbindung zur N’Drangheta scheint höchst unwahrscheinlich. Kurz darauf wird im Tierpark eine weitere Leiche entdeckt, auch sie ist posthum entmannt worden. Beim ersten Mord führte eine Spur zu Studentin Rena (Paula Schramm), sie hatte den Lehrer einst wegen sexueller Belästigung angezeigt, was Ruperts These zu bestätigen scheint, und auch für die zweite Tat hätten Rena und ihre Mitbewohnerinnen ein Motiv: Die WG ist politisch sehr aktiv; der Mann war ein Rechtsextremist, der an der Uni fremdenfeindliche Flyer verteilt hat und sich für den „Volkssturm“ gerüstet hat.

OstfriesensturmFoto: ZDF / Michael Ihle
Wie kam es zur blutigen Schnittwunde von Niklas Mewes (Juri Winkler). Seine Mutter Christina (Anja Schneider) ist besorgt.

Die „Ostfriesland“-Premiere des bewährten Krimi-Duos Sönke Lars Neuwöhner und Sven S. Poser, unter anderem Schöpfer der ARD-Reihe „Wolfsland“, offenbart jedoch früh, wer hier sein Unwesen treibt. Eigentlich wäre die Rolle wie geschaffen für den Österreicher Andreas Lust, aber Jakob Diehl versieht den Killer ebenfalls mit einer reizvollen Mischung aus professioneller Präzision, eisiger Kälte und verblüffender Empathie. Er nistet sich bei einer übrig gebliebenen Urlauberin (Nadja Becker) ein, ihre Ferienwohnung befindet sich im Haus von Familie Wewes in Klaasens Nachbarschaft. Nun rückt die wie alle Filme der Reihe auf einem Roman von Klaus-Peter Wolf basierende Geschichte ins Zentrum, was bislang wie ein überflüssiger Nebenstrang wirkte: Uwe Spix (Jürg Plüss), der beste Freund von Clemens Wewes (Andreas Anke), hat jeden Montag ein erzwungenes Sex-Rendezvous mit dessen Frau (Anja Schneider). Damit ist nun Schluss: Der eklige Uwe ist augenscheinlich das dritte Opfer des Killers.

Es dauert eine ganze Weile, bis Marcus O. Rosenmüller, nicht nur dank seiner „Taunus-“ und „Schwarzwaldkrimis“ eigentlich ein Spannungsspezialist, zur Sache kommt. Gerade die in gedeckten Farben gefilmten Szenen im Haus von Familie Wewes wirken wie ein freudloses Familiendrama: der Vater ein Trinker, seine Frau eine stille Dulderin, der halbwüchsige Niklas (Juri Winkler) ein Muttersöhnchen, das in eindrucksvollen Comiczeichnungen seine düsteren Fantasien auslebt. Jedes Bild trägt den Stempel „Bonjour Tristesse“, ein Bezug zur eigentlichen Krimihandlung ist nicht zu erkennen. Das ändert sich komplett, als der Killer den Teenager zu seinem Gehilfen macht: Auf seiner Todesliste steht ein weiterer Name, aber der Lockdown macht es ihm echt schwer, seine Arbeit zu erledigen. Der Mann ist ohnehin die mit Abstand faszinierendste Figur des Films.

OstfriesensturmFoto: ZDF / Michael Ihle
Offen geführt: Der Auftragskiller Philipp Tatie (Jakob Diehl) erschüttert mit der Mordserie Ostfriesland. Wer hat ihn angeheuert?

Anders als zuletzt rücken diesmal auch wieder Klaasens übersinnliche Fähigkeiten in den Vordergrund, was zu einem für ihren Mann (Tom Radisch) recht schmerzlichen Moment führt, als sie sich nach dem dritten Mord in die Persönlichkeit des Täters versetzt und dem Gatten an die Gurgel geht. „Ostfriesensturm“ hätte zwar auch ohne die parapsychologischen Elemente funktioniert, aber sie bereichern den Krimi um einige überraschende und stellenweise auch filmisch interessante Momente. Spätestens der Epilog verdeutlicht, dass die Ereignisse eine ganze Weile zurückliegen, weshalb ein Poster in der WG für eine kleine Irritation sorgt: Das Plakat ruft zur Friedens-Demo am 15. März auf; allerdings im Jahr 2025.

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Reihe

ZDF

Mit Picco von Groote, Tom Radisch, Barnaby Metschurat, Jakob Diehl, Anja Schneider, Andreas Anke, Juri Winkler, Nadja Becker, Sofie Eifertinger, Marie Schöneburg, Paula Schramm, Wolf Bachofner, Jürg Plüss

Kamera: Stefan Spreer

Szenenbild: Jörg Prinz

Kostüm: Marylin Rammert, Carla-Maria Sanfleber

Schnitt: Raimund Vienken

Musik: Boris Bojadzhiev, Lukas Kiedaisch

Soundtrack: Thirty Seconds To Mars („The Kill“), Cigarettes After Sex („Apocalypse“)

Redaktion: Silvia Lambri

Produktionsfirma: Schiwago Film

Produktion: Martin Lehwald, Simon Grohe, Marcos Kantis

Drehbuch: Sönke Lars Neuwöhner, Sven S. Poser – nach einem Roman von Klaus-Peter Wolf

Regie: Marcus S. Rosenmüller

EA: 25.04.2026 10:00 Uhr | ZDF

weitere EA: 02.05.2026 20:15 Uhr | ZDF

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