Ein nächtlicher Einbruch in eine Schwanitzer Luxusimmobilie entpuppt sich als ein perfektes Mordszenario. Der Einbrecher Jan Krüger (Tosja Merlin Kruppa) und seine Partnerin Nele Storm (Lana Cooper) dringen in das Haus von Leyla (Janina Elkin) und Malte Spiekermann (Moritz Vierboom) ein. Minuten später sind beide Männer tot. Die Frauen präparieren den Tatort, dann ruft die Hausbesitzerin die Polizei. Hauke Jacobs (Hinnerk Schönemann) und Hannah Wagner (Jana Klinge) kaufen der Frau die Rolle der trauernden Witwe ab, stoßen aber auf Ungereimtheiten: Da ist der nahezu unmögliche Einschusswinkel; außerdem war der Berufseinbrecher bisher immer ohne Schusswaffe unterwegs, und sein „Revier“ liegt eigentlich fernab von Schwanitz. Hatte Krüger also vielleicht einen Komplizen, der ihm den Tipp gegeben hat? Die beiden wollen jedenfalls Leyla Spiekermann verstärkt auf den Zahn fühlen. Die Aufgabe aber hat schon sehr viel effektiver Jule Christiansen (Marleen Lohse) übernommen. Sie kennt nämlich Leyla aus alten Zeiten. Beide spielten in einer Band. Dritte im Bunde war Nele, die Frau, die mit Leyla diesen mörderischen Pakt geschlossen hat. Sie habe Nele seit Jahren nicht mehr gesehen, behauptet Leyla. Noch glaubt Jule ihr. Wer Pferde liebt, kann keine Lügnerin sein. Doch sie weiß bald mehr und könnte sich mal wieder in große Gefahr bringen.
Foto: NDR / Sandra Hoever
„Bei Einbruch Mord“ ist eine außergewöhnliche „Nord bei Nordwest“-Episode in einer Genre-Tonlage, die so bisher noch nicht versucht wurde. Ausgangspunkt des Drehbuchs von Holger Karsten Schmidt ist der nahezu perfekte (Doppel-)Mord, wie ihn Patricia Highsmith sich nicht besser ausgedacht haben könnte. „Am liebsten würd‘ ich ihn umbringen“, sagt in einer Rückblende in der Mitte des Films Nele über ihren Freund Jan. Damit spricht sie Leyla aus der Seele. Gesagt, getan. Solange die Polizei keine Verbindung zwischen Leyla und Nele herstellen kann, ist der Doppelmord-Plan sicher. Doch Jule kommt den beiden auf die Schliche. Die Tonlage, die sich aus dieser Konstellation ergibt, ist weniger von Komik durchsetzt als üblich. Das Trio hat dringlichere Probleme zu lösen, als sich um seine amourösen Befindlichkeiten zu kümmern. Für ein Schmunzeln sorgen allein Herr Töteberg und vor allem Mehmet Ösker, der sein Praktikum am Beerdigungsinstitut nach jener Nacht – und einer grausigen Begegnung mit dem kurzzeitig wiederauflebenden Malte Spiekermann – umgehend wieder aufgibt. Da er zu seinem vorletzten Job als Immobilienmakler zurückkehrt, kann er später noch einmal als komischer Sidekick einen Kontrapunkt zur spannenden Krimi-Thriller-Handlung setzen (ohne dass eine neue Figur eingeführt werden müsste). Die Raffinesse des komplexen Krimiplots, der noch einige Überraschungen in sich birgt, und die dichte Figuren-Psychologie sind zwar nicht ungewöhnlich für die Reihe, waren aber selten so evident.
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Die 31. Episode der Reihe verzichtet fast vollständig auf die Momente des Absurden. So köstlich und erheiternd dieser Nonsens sonst auch ist, in „Bei Einbruch Mord“ vermisst man ihn nicht. Denn Schmidt hat den Ermittlungsthriller mit einem exquisiten Melodrama-Ambiente narrativ aufgeladen. Das ist mehr als ein Ersatz. Das ist eine für eine Fernsehkrimi-Reihe höchst seltene Genre-Melange. Da fällt einem unweigerlich Hitchcock („Notorious“, „Vertigo“) ein. Die ungewöhnlich häufige Verwendung von Rückblenden erinnern an den Film Noir und sind ein raffiniertes Stilmittel, das „Bei Einbruch Mord“ – gemessen am TV-Standard – unvergleichlich macht. Denn diese Flashbacks sind hier kein bloßes Mittel zum Zweck, nein, sie schaffen ihre ganz eigene Erzähllogik. Die Abfolge der Rückblenden häuft nicht nur nach und nach relevante Informationen aus der Vergangenheit an, sondern überschreibt teilweise auch das bisher retrospektiv Erzählte – und zieht einen durch das ständige Vor und Zurück zunehmend in die Handlung. Diese ist durch Jules Alleingang ohnehin schon ausgesprochen spannend. Das, was in den Rückblenden erzählt wird, spielt für die Psychologie der Geschichte und die Sympathie-Vergabe auch eine ganz entscheidende Rolle: Malte Spiekermann war alles andere als ein liebenswerter Ehemann; er hat Leyla gedemütigt, betrogen, geschlagen, die Ehe war zerrüttet. Ein weiterer Reiz dieser filmischen Rückschauen: Der Zuschauer bekommt etwas anderes – die wahrhaftige Version – zu sehen als die Kommissare zu hören. Mit diesem Wissen beurteilt man als Zuschauer den kaltblütigen Mord moralisch differenzierter. Apropos Wissen: Erste Voraussetzung für all dies, ist das „Nord-bei-Nordwest“-typische partielle Zuschauer-Mehrwissen, das bereits nach sieben Filmminuten etabliert ist.
Die strukturelle, dramaturgische Klasse des Drehbuchs findet in Judith Kennels Regie ihr filmästhetisches Pendant. Die 23-minütige, dichte Exposition mit ihrer Einheit von Raum, Zeit und Handlung ist elegant inszeniert, clever verschnitten mit Hauke Jacobs, der mit Hund Holly Mensch-ärgere-dich-nicht spielt (zu Beginn also doch noch etwas Absurdes); und die Mordszene setzt auf eine realistische Lichtatmosphäre. Überhaupt, die Nacht macht sich als Handlungszeitraum immer gut. Was typisch (nicht nur) für „Nord bei Nordwest“ ist, sind die parallelen Montagen, die immer dann den Schauplatz wechseln, wenn es besonders spannend wird. In „Bei Einbruch Mord“ gibt es eine ästhetisch geschmackvolle Erweiterung des Parallelmontage-Prinzips (was möglicherweise schon im Drehbuch angelegt ist) in Richtung einer Art inneren Montage: Eine Szene fließt bruchlos in die nächste, der Schauplatz bleibt gleich, nur ein Teil der Figuren ändert sich. Gerade noch ist Jule mit Leyla zugange, da kreuzen plötzlich Jacobs und Wagner auf oder in einer späteren Szene Immobilienmakler Ösker. Ein anderes Mal versucht Nele aus der Telefonzelle Leyla anzurufen, da sieht man ganz im Hintergrund den sich nähernden Polizeiwagen. Das sind Feinheiten, aber genau die machen den Unterschied. Wie auch die Rückbesinnung auf coole Genre-Codes: So umweht Leyla, die wohlhabende Witwe, mit Kopftuch, Sonnenbrille und ein Mercedes-Cabrio aus den Sechzigern, ein Hauch Audrey Hepburn. Und der Score von Stefan Hansen gibt über weite Strecken das musikalische Wiedererkennungsmotiv der Reihe mit Akkordeon im Vordergrund auf, zugunsten eines orchestralen, schicksalhaft wirkenden Sounds, der nicht zufällig an Hitchcock-Krimi-Melodramen erinnert. Auch das Casting muss positiv hervorgehoben werden: Janina Elkin („Call my Agent“) und Lana Cooper („Looping“) sind perfekt besetzt und in ihrem Spiel im Spiel für alle Beteiligten im Film und den Zuschauer gleichermaßen glaubwürdig. Und der Film Noir steht nicht nur beim Finale am Strand stimmungsvoll Pate.
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