Natürlich gab es auch früher schon hitzige Diskussionen und Themen, die bei Familienfesten lieber gemieden wurden. Seit einigen Jahren ist jedoch eine zunehmende Unversöhnlichkeit zu beobachten. Vernünftige Gespräche zwischen den verschiedenen Lagern scheinen kaum noch möglich zu sein. Das begann bei der sogenannten Flüchtlingskrise (2015), führte während der Corona-Pandemie ab 2020 dazu, dass Freundschaften zerbrachen, und entzündete sich 2022 nach dem russischen Angriffskrieg an der Frage, ob Deutschland der Ukraine Waffen liefern sollte. Jüngstes Beispiel ist die Haltung zum Gaza-Konflikt. Im ZDF-„Herzkino“geht es in der Regel um ganz andere Dinge, aber die Filme bieten schon seit geraumer Zeit weit mehr als bloß die üblichen Liebesgeschichten à la „Rosamunde Pilcher“ und „Inga Lindström“. Mit dem Auftakt zur dritten Staffel von „Neuer Wind im Alten Land“ setzt Reihenschöpferin Kirsten Peters einen Weg fort, den sie und Koautorin Gerlind Becker bereits mit der letzten Episode („Stolz und Vorurteil“, 2025) eingeschlagen haben.
Handlungskern der ersten Filme war die Rückkehr der abgestürzten Star-Journalistin Beke Riper (Felicitas Woll) in ihre altländische Heimat, wo sie nun wieder im einstigen Kinderzimmer ihres Elternhauses lebt und für die Lokalzeitung arbeitet. Motor der Geschichten waren die Beziehung zu Jugendliebe Paul sowie die Bemühungen ihres Mannes, noch mal von vorn anzufangen. Ungleich mehr Relevanz hatte allerdings die zentrale Handlung des vierten Films, als sich die Lokalreporterin einer Lotsin annahm, die sich zwischen lauter Männern behaupten muss. Diesen inhaltlich deutlich höheren Anspruch verfolgt auch „Der Wolf“: Beim Morgenspaziergang am Elbdeich begegnet Beke dem Titeltier. Fürchten muss sie es nicht, wie ein Regenbogen dem Publikum signalisiert. Sie schickt ein Foto an die Redaktion, damit ist die Sache für sie erledigt, zumal sie ohnehin ganz andere Dinge im Kopf hat: Gleich ist ihr Scheidungstermin. Mit diesem Prolog setzen die Autorinnen die beiden wichtigsten Aspekte des Films: Der Wolf sorgt fortan für viel Aufregung. Als er ein Schaf reißt, wird das idyllische Jork zum Schauplatz einer immer aggressiver geführten Debatte: Die Einen verlangen den Abschuss des Tieres, die Anderen wollen der Natur ihren Lauf lassen. Beke steht irgendwo dazwischen, und das gilt auch für den zweiten Handlungsstrang: David (Martin Bretschneider), mittlerweile ihr Ex-Mann, möchte die Scheidung nach neunzehn Ehejahren für einen Beziehungsneustart nutzen und will sich in Jork niederlassen; aber auch Paul (Steve Windolf), ebenfalls geschieden, wirbt mit Hingabe um ihre Gunst.
Foto: ZDF / Georges Pauly
Sicherlich ist der Zwist um den Wolf die ungleich relevantere Ebene, zumal das Motiv der romantischen Szenen – eine Frau, zwei Männer – gerade im „Herzkino“ schon vieldutzendfach erzählt worden ist, aber darstellerisch ist auch dieser Teil des Films sehr ansprechend; selbst wenn Paul auch wegen Steve Windolf in der Gunst des Publikums deutlich besser abscheiden dürfte als der etwas steife David. Eine besondere Rolle spielt Bekes junge Kollegin Zarah. Sie gehört zum „Team Wolf“, das sich mit Vehemenz und Militanz den Abschussbestrebungen entgegenstellt. Als auch Bekes Mutter (Hildegard Schroedter) zur Aktivistin wird, weil sie nicht länger weggucken will, wenn was schiefläuft, geht der Riss mitten durch die Familie, denn Vater Gerd (Volker Meyer-Dabisch) gehört zum „Team Abschuss“. Dass er schließlich feststellt, wie sexy Aktivismus macht, führt zur mit Abstand witzigsten Szene des Films. Die Geschichte ist zudem dank einiger mal heiterer, mal ernster Nebenebenen ausgesprochen handlungsreich. Das vielköpfige Ensemble ist ausnahmslos sehenswert, zumal Safinaz Sattar als engagierte Zarah in der Redaktion für ebenso viel frischen Wind sorgt wie in den ersten Episoden Andrea Guo. Eindrucksvolle Naturbilder mit Vollmond oder einem Sonnenaufgang im Morgennebel runden diese insgesamt fünfte Episode auch dank der unausgesprochenen Botschaft „Versöhnen statt Spalten“ zu einem rundum guten Drama ab.
Foto: ZDF / Georges Pauly
„Miss Altes Land“ ist dagegen ein völlig anderer Film: Beke soll über die regionale Miss-Wahl berichten und meldet sich kurzerhand selbst an, um authentische Einblicke zu bekommen. Erneut ist Peters, die das Drehbuch diesmal allein verfasst hat, eine Quadratur des Kreises gelungen: Es geht um feministische Fragen, doch dieser Kern ist dank witziger Dialoge und vieler situationskomischer Momente als überaus vergnügliche Komödie verpackt, zumal Felicitas Woll ihre Rolle mit viel Selbstironie verkörpert. Nach Bekes Ansicht sind derartige Veranstaltungen frauenfeindlich und anachronistisch; trotzdem lässt sie sich inklusive hochhackiger Schuhe, künstlicher Wimpern und Selbstbräunungscreme mit Haut und Haar auf die Herausforderung ein. Ihre Erfahrungen dokumentiert sie inklusive einiger äußerst unvorteilhafter Momente in einem Videotagebuch. Ausgerechnet Kollegin Zarah hat einen gänzlich anderen Blick auf das Ereignis: Sie hält Bekes Haltung für „Old-School-Feminismus“ und betrachtet Miss-Wahlen als Form von weiblichem Empowerment. Zwei Teilnehmerinnen widersprechen in der Tat dem Klischee: Die junge Nadine (Thekla Hartmann) will unbedingt den Einkaufsgutschein eines Möbelhauses gewinnen, weil sie ihrem kleinen Sohn ein „Raketenbett“ zum Geburtstag versprochen hat, und die doppelt so alte Simone (Nina Gnädig) will endlich wieder gesehen werden. Ihr Gatte ist der Veranstalter; Jan Sosniok hatte garantiert große Freude daran, den Mann als Provinzversion von Dieter Thomas Heck zu verkörpern. Natürlich setzt Peters auch den von Mutter Rieper sogenannten „Liebes-Kuddelmuddel“ fort: Paul und David bekommen erhebliche Konkurrenz, als sich Beke in einen Basketballstar (Theo Trebs) verguckt. Diese Ebene zieht sich bis in den nächsten Film und ist pure romantische Komödie. Bei den Kernthemen bleiben die beiden weiteren Episoden ihrem Relevanzanspruch treu: Im insgesamt siebten Film deckt Beke einen Identitätsdiebstahl im Internet auf, im achten sabotiert ein Umweltaktivist die Stromversorgung im Alten Land.


1 Antwort
Sowohl die Rezension selbst als auch die eigene Bewertung müss(t)en eigentlich auf eine 5-Sterne-Bewertung hinauslaufen. Das Schöne an der Reihe ist neben der gelungenen Kombination von ernsten Themen und witzigen Episoden die Varianz der Themen.