Das Angebot ist zu verlockend, um es ablehnen zu können: Irgendwann in den Siebzigerjahren wird dem ostdeutschen Wissenschaftler Franz Walter (Lars Eidinger) eine Professur in Aussicht gestellt. Um sich den Aufstieg zu verdienen, soll er einige Jahre für die Hauptverwaltung Aufklärung des Ministeriums für Staatssicherheit (MfS) arbeiten. Er hat in jungen Jahren für den FC Union gekickt. Sein Vorgesetzter, Dirk (Devid Striesow), setzt ihn daher auf einen ehemaligen Mitspieler an, der aus der DDR geflohen ist und nun beim Hamburger SV unter Vertrag steht; die Staatsführung empfindet jedes Tor, das der Stürmer erzielt, als Beleidigung der DDR.
Die wichtigste Regel der eidesstattlichen Verpflichtung, die Walter unterschreiben muss, lautet: kein Wort zu niemandem, auch nicht zu seiner Freundin Corina (Luise Heyer). Anfangs ist er mit großem Eifer bei der Sache. Dass Dirk keine Skrupel hat, sich am Sozialismus zu bereichern und die Spesenabrechnungen fälscht, irritiert ihn zwar, aber Zweifel an der vermeintlich guten Sache kommen ihm erst, als der Fußballer auf perfide Weise in die Heimat zurückgelockt werden soll: Seine in der DDR zurückgebliebene Frau erhält eine falsche Krebsdiagnose. Weil Corina natürlich nicht entgeht, dass sich Walter verändert, weiht er sie ein; dann setzt er sich über das strikte Verbot hinweg, keine Unterlagen mit nach Hause zu nehmen. Das bricht ihm quasi buchstäblich das Genick. Die immer wieder kurz eingeschobene Verhandlung vor dem Militärgericht bildet den roten Faden des Films; Aufstieg und Fall des Agenten werden als lange Rückblende erzählt.
Foto: ZDF / Franziska Stünkel
Franziska Stünkel hat bereits für ihr Regiedebüt „Vineta“ (2008), das Porträt eines arbeitssüchtigen Architekten, ein beachtliches Ensemble zusammenstellen können. Das gilt für „Nahschuss“ nicht minder; zu den Mitwirkenden gehören unter anderem Peter Lohmeyer, Christian Redl und Kai Wiesinger. Der entscheidende Mann stand jedoch hinter der Kamera. Die Werke, an denen Nikolai von Graevenitz bislang beteiligt war, zeichneten sich ausnahmslos durch eine bemerkenswerte Bildgestaltung aus (darunter der Jubiläums-„Polizeiruf“, „An der Saale hellem Strande“). Er hat dem Film gemeinsam mit Stünkel, die auch als Fotokünstlerin arbeitet, eine interessante Anmutung gegeben, die eine besondere Wirkung hat: Die betont nüchterne Optik verleiht der Erzählung den dokumentarischen Charakter einer Fallstudie, sorgt jedoch gleichzeitig für emotionale Distanz. Abgesehen vom Schlussakkord sowie drei Liedern erklingt auch keine Musik.
Über den Bildern liegt zudem eine Art Grauschleier, weshalb die Atmosphäre im Zusammenspiel mit der in erdigen Farben gehaltenen Ausstattung von Beginn an beklemmend ist. Der weitgehende Verzicht auf Tiefenschärfe sowie die Nähe der Kamera zum Hauptdarsteller haben wiederum zur Folge, dass Eidingers Spiel eine enorme Intensität entwickelt. Die famose Leistung des Hauptdarstellers macht ein unübersehbares Manko des Films wett: Da es vermutlich nicht zuletzt aus Kostengründen nur wenige Außenaufnahmen gibt, sieht das Drama sparsamer aus als viele Fernsehfilme.
Foto: ZDF / Franziska Stünkel
Stünkel hat den Stoff sieben Jahre lang entwickelt. Eine wichtige Lektüre während der Vorbereitung war das Buch „Zersetzung der Seele“ (1995), in dem Klaus Behnke und Jürgen Fuchs die psychologischen Methoden der Stasi analysieren; Behnke war auch historischer Berater des Films. Das Drehbuch orientiert sich an der Lebensgeschichte von Werner Teske, einem MfS-Hauptmann, der 1981 wegen angeblicher Spionage zum Tode verurteilt wurde. Die Tatsache, dass es in Ostdeutschland bis 1987 eine Todesstrafe gab, war der Auslöser für das Projekt; in Romanen und Filmen ist dieses Kapitel der DDR bislang nur selten beleuchtet worden. Teske war das letzte Opfer.
Es wird kein Zufall sein, dass die Atmosphäre des Films stark an George Orwells Roman „1984“ erinnert. Walter wird im Grunde für ein „Gedankenverbrechen“ angeklagt, denn sein einziges wirklich strafbares Vergehen ist die Mitnahme der Dokumente. Wie der dystopische Klassiker ist auch „Nahschuss“ der Versuch einer Antwort auf die Frage, wie ein diktatorisches System seine Bürger manipuliert: Walter muss bei seiner Anwerbung gar nicht an seine politischen Pflichten erinnert werden; die versprochene Professur, eine große Wohnung, Reisen in die BRD und andere Privilegien, mit denen er später erpresst werden kann – etwa die Augenoperation seiner Mutter –, genügen völlig, um ihn für die Aufgabe zu gewinnen. Er ist Täter und Opfer zugleich; das macht das Drama so interessant.

