München Mord – Eine echte Täuschung

Heerwagen, Mittermeier, Alexander Held, Peter Kocyla, Anno Saul. Stille Verzweiflung

13.12.2025 10:00 ZDF-Stream Streaming-Premiere
20.12.2025 20:15 ZDF TV-Premiere
Foto: ZDF / Jürgen Olczyk
Foto Rainer Tittelbach

17 Schläge mit einem Hammer. Zum Glück sieht man nichts davon in „Eine echte Täuschung“ (ZDF / TV60 Film), der 21. Episode aus der etwas anderen ZDF-Krimireihe „München Mord“. Das Opfer ist eine Taxifahrerin, der Fall verzwickt, die letzten Fahrgäste unverdächtig, die Tote ein unbeschriebenes Blatt: leer die Wohnung, leer das Handy, so gut wie leer der PC – bis auf die Website „Suicide Gang“. Raffiniert baut Peter Kocyla das aktuell angesagte Krimi-Motiv Selbstmord-Forum in die Geschichte ein, die ernsthafter ist als üblich, aber die den leicht ironischen Unterton der beliebten Reihe nicht verliert. Das Durchspielen eines Themas, ohne gleich ein Themenkrimi zu sein, ist ein Alleinstellungsmerkmal der Reihe. Diesmal geht es um das Selbstbild, die Zerbrechlichkeit des eigenen Ichs, um Einsamkeit. Der Film ist ein Anti-Whodunit, in dem Flierls sympathische, lebensbejahende Küchenphilosophie – sonst oft belächelt – als Gegenpol zum Fall dient. Denn Schallers autosuggestiven Kräfte versagen.

So etwas sieht man nicht alle Tage. Zum Glück. Angelika Flierl (Bernadette Heerwagen), Harald Neuhauser (Marcus Mittermeier) und Ludwig Schaller (Alexander Held) können kaum hinschauen. Der Mord an einer Taxifahrerin ist das reinste Blutbad. 17 Schläge mit einem Hammer. „Eindeutig eine Männertat“, schlussfolgert die Kommissarin. Der Chef sieht’s ähnlich und ergänzt, eine solche Tat habe „in der Regel psychische oder emotionale Hintergründe“. Die Ermittlungen konzentrieren sich zunächst auf die Befragungen diverser Fahrgäste jener Nacht. Der letzte ist vorbestraft, hat allerdings zum größten Bedauern von Kripochef Zangel (Christoph Süß) ein Alibi. Eine Pilotin, die seit Jahren nur mit jener Emily Hübner gefahren ist, kommt ebenso wenig als Täterin in Frage. Hingegen könnte ein Kollege der Toten (Nicola Mastroberardino) mit jener stillen, zurückhaltenden Frau ein engeres Verhältnis gehabt haben als er zugibt. Vor allem Neuhauser hat sich auf ihn eingeschossen. Aber kann das gepasst haben: dieser mutmaßliche Womanizer, der selbst Flierl unverfroren anflirtet, und diese offensichtlich einsame, orientierungslose, junge Frau, deren Appartement seltsam unbewohnt wirkt? Wenig beitragen zum Fall kann der demente Vater der Toten (Oliver Stokowski), der behauptet, seine Tochter sei schwanger. In dessen Haus findet sich immerhin Emilys Laptop. Der ist ebenso leer wie ihr Handy. Umso markanter die letzte angeklickte Website: „Suicide Gang“.

München Mord – Eine echte TäuschungFoto: ZDF / Jürgen Olczyk
Neuhauser (Marcus Mittermeier) hat den Taxifahrer und Berufs-Flirter Daniel Safaric (Nicola Mastroberardino) auf dem Kieker.

Geht „Eine echte Täuschung“, die neue Episode aus der etwas anderen ZDF-Krimireihe „München Mord“, nun also auch den Weg von Krimi-Dramen wie „Polizeiruf 110 – Tu es!“ oder „Tatort – Überlebe wenigstens bis morgen“, die von Selbstmord-Foren handeln, in denen sich Lebensmüde mehr oder weniger seriös bis kriminell miteinander austauschen können? Oder ist die Website für das Kellertrio nur eine weitere Spur, die ins Nichts führt? Der verzweifelte junge Mann (Johannes Berzl), mit dem Emily zuletzt gechattet hat, machte ihr jedenfalls ein verlockendes Angebot für jemanden, der tatsächlich nicht mehr leben möchte. „Suicide Gang“ hin oder her – Schaller ist unzufrieden. Verlässt ihn seine Intuition? Die sonst oft so erfolgreiche Methode, mit Hilfe von Suggestion und Konzentration an Stelle logischen Ermittler-Verstands Ereignisse nachzustellen, bei dieser Tatnacht funktioniert es nicht. Kollegin Flierl plädiert für einen frischen Blickwinkel und begibt sich vom Büro aus noch tiefer in den Keller: zu Gerichtsmediziner Dr. Laicher (Michele Cuciuffo); an dem hat sie komischerweise einen Narren gefressen. Ihr Besuch scheint das Herz des sonst eher abweisenden, fast autistisch wirkenden Pedanten, der ihr vorschwärmt von viszeralen Faszien, zu erweichen. „Sie sind hart im Nehmen, Frau Flierl, das mag ich“, sagt er, nachdem er ihr einen buchstäblich tiefen Einblick ins Innenleben der Toten gegeben hat. „Tatort“ Münster lässt grüßen! Höhepunkt: Der Herr Doktor reicht ihr mit den Worten „das schenk ich Ihnen“ ein Stückchen Innerei. Flierl guckt irritiert auf ihren Dr. Frankenstein. Vielleicht doch nicht der Richtige für ein Date … „Nur ein Scherz!“ Der Kerl hat ja doch Humor. Vor allem aber hat er bei der ersten Obduktion etwas übersehen, was dem Fall eine 180-Grad-Wende gibt.

Dem Krimi-Overkill der letzten Jahre begegnen immer mehr Episoden erfolgreicher Reihen mit Mordgeschichten, die um menschliche Dramen kreisen – dysfunktionale Familien, toxische Beziehungen, seelisch kranke Einzelgänger. Auch das kann sich irgendwann totlaufen. „München Mord“ macht es seit gut elf Jahren anders. Die meisten der bislang 21 Filme kreisen um ein Motto, das bereits in einem kurzen Prolog zur Sprache kommt. Manchmal sind es Eigenheiten der weißblauen Metropole, häufiger jedoch universale menschliche Themen, Gefühle, jenseits narzisstischer Befindlichkeiten. In „Eine echte Täuschung“ sinniert Angelika Flierl über das wahre Ich. „Wann sind wir wirklich wir selbst?“, fragt sie sich. „Was macht einen unverwechselbar?“ Lebt man möglicherweise zu sehr nach den Vorstellungen der anderen? Verstellt man sich, um zu gefallen? Der Tonfall der ganzen Reihe und so auch dieser Episode macht diese Art von Küchenphilosophie charmant. Flierls stets etwas naiv wirkende Haltung, ihre Suche nach dem Guten, dem Wahren, ja, der Liebe, ist sympathisch und kombiniert mit diesem leicht ironischen „München Mord“-Touch, ist es ein gelungener Kontrast zum zunehmend negativ verstimmten Ex-Sonnyboy Neuhauser. Der vermag mit seiner ewigen Motzerei nur unzureichend seine offensichtliche Midlife-Crisis zu verdecken. Je verdrießlicher und nörglerischer er, umso positiver gestimmt ist – bei allen Selbstzweifeln – seine Kollegin. „Supi“, schreit sie in den Telefonhörer, winkt freundlich in alle Richtungen und will’s nun endlich wissen, was Dr. Laicher angeht. Ihr Verhalten dient – ähnlich wie Schallers Eskapaden – nicht allein der Komik. Sie ist die helle Erscheinung in diesem Film, das Pendant zu einer tragisch verzweifelten Frau und ein Stück weit auch zu ihrem Kollegen. In den Büro-Szenen steht sie, bestrahlt vom Tageslicht (auffallend gute, kontrastreiche Bildgestaltung: Nathalie Wiedemann), am Fenster, beseelt von innerer Energie und der Suche nach Liebe, während sich Neuhauser im Halbdunkel gelegentlich schon mal dem gesunden Büroschlaf hingibt. Und Schaller kommt wortwörtlich aus der Tiefe des Raums.

München Mord – Eine echte Täuschung
Dem Täter auf der Spur oder vielleicht auch nicht. Marcus Mittermeier & Bernadette Heerwagen zum 21. Mal in „München Mord“

Das Alleinstellungsmerkmal von „München Mord“ ist nicht nur das permanente Augenzwinkern, das im Gegensatz zu anderen Krimikomödien nie in Klamauk ausartet, sondern das Durchspielen eines Themas, ohne gleich ein Themenkrimi zu sein. Indem die Reihe, das Alltägliche, die Dinge des Alltags, Beziehungsgeplauder inklusive (warum heißt Puff „Laufhaus“? Wie ist das mit der Freundschaft zwischen Mann und Frau?) neben Mord und Totschlag stellt, rückt sie die Verhältnisse zurecht, die durch den TV-Krimi-Overkill entstanden sind: Lächerlich sind also nicht die Figuren, lächerlich sind diese Krimi-Plots, die einem Woche für Woche ein verzerrtes Bild einer auf Mord reduzierten Wirklichkeit vorgaukeln. Und so entpuppt sich „Eine echte Täuschung“ (Regie: Anno Saul) am Ende als ein Anti-Whodunit. Geschrieben hat Peter Kocyla („Luden – Könige der Reeperbahn“) diese tragische Geschichte über die Verzweiflung, die den Film auch entsprechend enden lässt – mit einem Schallerschen Schlusswort, ungewöhnlich für die Reihe, aber passend und gut. „Ist die Forderung an uns selbst, uns anzunehmen, obwohl wir weder unser Aussehen, noch unseren Charakter, noch unsere Talente, selbst bestimmen konnten, nicht die schwerste und höchste Aufgabe in unserem Leben?“ (Die Moral wird noch konkreter, geht tiefer, würde aber zu viel vom Krimiausgang verraten.)

tittelbach.tv ist mir was wert

Mit Ihrem Beitrag sorgen Sie dafür, dass tittelbach.tv kostenfrei bleibt!

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert

Reihe

ZDF

Mit Bernadette Heerwagen, Marcus Mittermeier, Alexander Held, Christoph Süß, Michele Cuciuffo, Nicola Mastroberardino, Oliver Stokowski, Amy Benkenstein, Johannes Berzl, Thi Le Than Ho, Florian von Manteuffel

Kamera: Nathalie Wiedmann

Szenenbild: Michael Björn Köning

Kostüm: Theresia Wogh

Schnitt: Manuel Reidinger

Musik: Stephan Massimo

Redaktion: Karina Ulitzsch

Produktionsfirma: TV60 Film

Produktion: Sven Burgemeister

Drehbuch: Peter Kocyla

Regie: Anno Saul

EA: 13.12.2025 10:00 Uhr | ZDF-Stream

weitere EA: 20.12.2025 20:145 Uhr | ZDF

tittelbach.tv ist mir was wert

Sie lesen die Seite regelmäßig?

Damit t.tv so bleibt, wie Sie die preisgekrönte Fernsehkritik-Website kennen, also weiterhin unabhängig & frei zugänglich, wäre eine (regelmäßige) Unterstützung hilfreich, gern auch von denen, die die Seite beruflich nutzen und denen sie persönlich zugutekommt, den Kreativen, den Redakteuren, den Journalisten …