Bräuche gibt’s, da kann man sich nur wundern. Ein Junggesellenabschied in Handschellen und Unterhose, das ist mal wieder typisch Öd – und Maja Stein (Paula Kalenberg) sieht sich nur einmal mehr bestätigt darin, dass die spinnen, diese Öder. Es könnte ihr, die auf absehbare Zeit zurück nach Hamburg gehen wird, ja eigentlich egal sein, wäre nicht bei dem heiligen Ritual der Bräutigam Benny Klaasen (Eric Cordes) zu Schaden gekommen. Der junge Mann wurde bewusstlos geschlagen und danach ins Wasser geworfen. Verdächtig sind grundsätzlich erst mal alle – und gleichzeitig niemand, denn für Klaus Hansen (Max Hubacher) ist es so gut wie undenkbar, dass jemand von Öd die Tat begangen haben kann. Stein sieht das völlig anders. Paul (Ludwig Brix), der Ex-Freund der Braut, der sie gestalkt haben soll, hat das eindeutigste Tatmotiv. Selbst Ina (Larissa Müller), die Braut, befragt Stein ohne jedes Feingefühl. Irgendwann ist sogar Bennys Bruder Björn (Louis Nitsche) an der Reihe. Und dann ist da ja noch Stripperin Romy (Pauline Angert), die am nächsten Morgen Öd fluchtartig verlassen hat. Für den Inselfrieden wäre sie sicherlich der ideale Täter. Seltsam auch, dass sie nachts ihren Job urplötzlich beendete, bevor er richtig begonnen hatte. Bei diesem seltsamen Ritual war im Übrigen auch Hansen dabei, wie er seiner Kollegin erst spät kleinlaut gesteht, ja, sogar in einer ziemlich aktiven Rolle.
Foto: RTL+ / Manju Sawhney
Die vierte, überzeugend von Ole Zapatka inszenierte Episode der RTL-Reihe „Morden auf Öd – Ein Inselkrimi“ ist ein klassischer Whodunit. Da diesmal – anders als zuvor in „Ödkieker“ – keine Killer vom Festland ihre blutigen Hände im Spiel haben, entwickelt sich der Fall so überschaubar und beschaulich wie die Landschaft auf der fiktiven Nordseeinsel. Dabei deuten die ersten Bilder noch in eine andere Richtung: Statt eines Junggesellenabschieds ist eher ein sadistischer Ritus zu vermuten, ein männerbündisches, geradezu satanisches Zeremoniell, bei welchem einem Opfer viele Täter gegenüberstehen. Gut, dass Autor Mathias Klaschka („Kommissarin Heller“) seine Geschichte nicht im mystizistischen Brimborium verortet. Solchen Unsinn hat man in den öffentlich-rechtlichen Durchschnittskrimi-Reihen schon viel zu oft gesehen, und außerdem wäre es schwierig, einen solchen Plot mit dem lockeren Umgangston des Ermittlerduos zu kombinieren. Denn in „Der Schrei der Möwe“, dem bislang schwächsten Film der mit Abstand besten RTL-Krimireihe, sorgen die Beziehungsspielchen zwischen der Hamburgerin und dem eingefleischten Insulaner für die unterhaltsamsten Momente. Wer gewinnt: Kopf oder Bauch? Darauf kann es – auch im Hinblick auf eine weitere Fortsetzung der Reihe – natürlich nur eine Antwort geben: „Es geht nicht ohne einander.“ Ansonsten gilt: Gegensätze ziehen sich an, besonders auf Öd, wo es nicht gerade viele amouröse Alternativen gibt, ja, wo es eigentlich so gut wie gar nichts gibt außer dem Blöken der Schafe und dem Kreischen der Möwen.
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Besonders bei einem so herunter getunten Krimi-Fall erweist es sich als kluger Schachzug, dass in der vorherigen Episode eine dritte Figur eingeführt wurde, die im gelegentlichen – allerdings im Gegensatz zu anderen Reihen-Formaten nicht nervenden – Beziehungsknatsch vermitteln kann. Tom Mendt, der sich monatelang auf Reisen in aller Herren Länder begeben muss, um Öd zu ertragen, ist absurderweise der Archivar, also ein Kenner der Insel und seiner jahrhundertealten Mythen – und somit ein idealer Übersetzer der spezifischen Insulaner-Codes und das perfekte Medium für die etwas heikle Kommunikation des ungleichen Ermittlerpaars. „Auf Öd kann man nicht vor sich selber weglaufen“, lautet eine seiner Weisheiten. Möglicherweise würde Stein gern so einiges vergessen, die letzten Jahre oder Monate ihrer Ehe beispielsweise, die eigentlich längst geschieden sein müsste, wie sie behauptet. Das könnte künftig Stoff für weitere B-Plots liefern. Jetzt ist da nur dieser einsilbige, sehr eigene Klaus Hansen. Das gegenseitige Vorspielen von Coolness entpuppt sich genregemäß als Tarnung ihres beidseitigen Interesses. Dass sich beide auf eine verquere Art mögen und dem anderen gefallen wollen, zeigt eine Szene, in der sich beide für ein Abendessen, das sie sich nach außen nur zugestehen, weil sie den Besitzer des Restaurants befragen wollen, zurechtmachen und verzweifelt nach dem passenden Outfit suchen, dargestellt in launigen Splitscreen-Einstellungen. Nicht nur in solchen Momenten wird deutlich, was „Morden auf Öd“ an Paula Kalenberg und Max Hubacher hat. Aber auch die von Episode eins an von Holger Karsten Schmidt gesetzte Figurenkonstellation, Maja Stein, Kopf plus Spontaneität versus Klaus Hansen, Bauch plus Nachdenklichkeit, ist keine 08/15-Kombi und – gepaart mit Charme und trockenem Humor – bei ihren Darstellern in besten Händen.
Der Krimi nimmt unerwartet auf der Zielgeraden noch ein bisschen Fahrt auf, entlarvt damit aber nur noch mehr die (finale) Struktur solcher Whodunit-Krimis, die die Kurve kriegen müssen zwischen ernsthaftem Mord, leichtfüßigen Beziehungs-Kabbeleien und ernsthaften Gefühlen, die als Mordmotive infrage kommen, wie Eifersucht, Wut oder Einsamkeit. Das aber kann unter dem Diktat des TV-Realismus im Gegensatz zu den surreal abgedrehten, von Killern bevölkerten Thriller-Western einfach nicht gelingen, genauso wenig, wie es für die Überbringung einer Todesnachricht eine krimidramaturgisch wie psychologisch gleichermaßen überzeugende Darstellung geben kann. Solange Drehbuchautoren weiterhin nach den bestmöglichen Varianten suchen, bleibt den Zuschauern, so in „Der Schrei der Möwe“, statt Mördersuche das Aufspüren ulkiger Sprüche und Dialogwechsel. Wenn Stein und Hansen telefonieren, kann das schon mal so klingen. Sie: „Was machen Sie?“ Er: „Nachdenken.“ Sie: „Und kommt da was bei rum?“ Er: „Ne.“ Quell der Erheiterung sind auch immer wieder die Situationen, in denen ein Öder unter Verdacht gerät. Hansen: „Ich kenn’ Björn schon seit der Schule.“ Stein: „Ich bin sicher, selbst Serienmörder hatten Schulfreunde.“
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