Mit Herz und Hilde

Steffi Kühnert, Brambach, Engel, Gummich, Arriens, Wilke, Herling. Kantine to go statt Praxis mit Meerblick

03.12.2025 10:00 ARD-Mediathek Streaming-Premiere
05.12.2025 20:15 ARD TV-Premiere
11.12.2025 14:05 One
14.12.2025 11:45 One
Foto: Degeto / Conny Klein
Foto Rainer Tittelbach

Hilde, einst Großküchenchefin, anfangs noch zu DDR-Zeiten, scheint es geschafft zu haben. Endlich macht sie ihr eigenes Ding: „Hildes Kantine“. Nach „McLenBurger – 100% Heimat“ gibt es jetzt ein Wiedersehen mit der patenten Frau, die diesmal – auch dank ihrer Liebsten – privat einiges zu verkraften hat. „Mit Herz und Hilde“ (Degeto / Bantry Bay) ist kein Unterhaltungsfilm von der Stange. Das wird bereits deutlich durch die großartige Besetzung, allen voran Steffi Kühnert und Martin Brambach. Bemerkenswert sind auch die klugen, beiläufigen Subtexte. In diesem TV-Drama regelt keine altruistische Super-Heldin die Probleme der anderen wie so häufig im ARD-Freitagsfilm, hier geht es um aktive Selbsthilfe. Die Geschichte vereint – wenn man so will – die besten Errungenschaften beider deutscher Staaten: Solidarität und Einfallsreichtum, Selbstinitiative und den Wert der Gemeinschaft, den Sinn für Freundschaft und den Sinn fürs Geschäftliche. Eine schöne Utopie. Realistischer ist die Machart des Films.

Hilde (Steffi Kühnert), einst Großküchenchefin, anfangs noch zu DDR-Zeiten, scheint es geschafft zu haben. Endlich macht sie ihr eigenes Ding. Gemeinsam mit Angie (Judith Engel) und Lore (Anne-Kathrin Gummich) hat sie sich ihren Traum von der Selbstständigkeit erfüllt: „Hildes Kantine“. Doch im Moment wird ihr alles ein bisschen zu viel: das ewige Gemeckere der beiden Freundinnen wegen fehlender Urlaubstage und den Gratis-Burgern für die, die es gerade nicht so dicke haben. Als Hilde ihre soziale Ader dann auch noch beim Finanzamt auf die Füße fällt, verschweigt sie ihren gastronomischen Mitstreiterinnen die Gründe für die enorme Steuernachzahlung. Wie dem auch sei: Es droht die Pfändung des Betriebskontos. Als dann auch noch eine Frau auftaucht, die behauptet, die Tochter von ihrem Ronnie (Martin Brambach) zu sein, brodelt es in ihr. Denn: Tamara (Kotbong Yang), die ihre Teenagertochter Leonie (Mathilda Young) dabeihat, ist tatsächlich Resultat eines Seitensprungs ihres Göttergatten. Es war im Wendeherbst 1989 – Stichwort: Prager Botschaft. Ronnie blüht durch seine „neue Familie“ emotional richtig auf. Tamara, erfolgreiche Firmenberaterin, hat schon einige Ideen, wie ihr Vater seine Potenziale besser ausschöpfen kann. Und in Hilde kocht es weiter.

Mit Herz und HildeFoto: Degeto / Conny Klein
Hilde (Steffi Kühnert) hat einiges auszuhalten. Erst ist die hohe Steuernachzahlung und dann auch noch die Hiobsbotschaft, dass Ronnie (Martin Brambach) eine Tochter hat – was er selbst nicht wusste. Stichwort Prager Botschaft 89. Natürlich siegt die Liebe.

Nach „McLenBurger – 100% Heimat“ gibt es nun, drei Jahre später, ein Wiedersehen mit der patenten Hilde, dem bodenständigen Ronnie, der etwas verhuschten Angie und der forschen Lore. In „Mit Herz und Hilde“ werden – wie es der Titel andeutet – die Konflikte ein bisschen privater. Der wilde Herbst 89 hat seine Spuren hinterlassen, ein Seitensprung, den Ronnie beinahe vergessen hatte. Hilde, momentan ohnehin ziemlich durch den Wind, kann nicht einfach zur Tagesordnung übergehen. Bei dem Problem mit dem Finanzamt will sie sich natürlich nicht von Tamara helfen lassen. So bleibt zunächst allein Ronnie Nutznießer von den gutgemeinten Optimierungsideen seiner cleveren Tochter. Rasch hat sie einen Sponsor für dessen Mädchen-Fußballverein zur Hand, und er wird jetzt sogar bezahlt für seine Leidenschaft. Der Einfall mit dem Rübermachen über Prag erweist sich dramaturgisch als klug: So gerät das Thema die Heimat bzw. die DDR gen Westen verlassen sowohl gesellschaftlich als auch Bornowski-spezifisch in den Fokus; Hilde bekam damals kalte Füße, hatte Angst, ihre Existenz aufs Spiel zu setzen, im Gegensatz zu Ronnie. Am Ende ist zwar noch mal alles gut gegangen mit der Liebe ihres Lebens, aber diese Erinnerungen kommen jetzt wieder hoch in ihr, durch Tamara. Von alldem ist in einem klärenden Gespräch zwischen Hilde und Ronnie zwar nur kurz die Rede, aber Steffi Kühnert verleiht Hildes Gefühlen so glaubwürdig Ausdruck, dass diese Backstory mehr als eine clevere Drehbuch-Idee ist. Überhaupt, mit welcher Wärme und Überzeugung in diesem Film Gefühle vermittelt werden, das kann einem schon nahegehen.

Lebt in „Mit Herz und Hilde“ auch nicht mehr ganz so explizit die DDR-Vergangenheit auf – so kommen doch die Unterschiede zwischen Ost und West in Sachen Sozialisation, Wertesystem und Lebensstil zum Tragen. Für die Geschichte werden die besten Errungenschaften beider deutscher Staaten miteinander kurzgeschlossen: Solidarität und Einfallsreichtum, Selbstinitiative und der Wert der Gemeinschaft, der Sinn für Freundschaft und der Sinn fürs Geschäftliche. Es kommt also zu einer geistig-emotionalen, ethisch-moralischen Wiedervereinigung, wie sie in der Realität nur unzulänglich stattgefunden hat. Es fragt sich allerdings, ob dieses Narrativ noch die aktuelle gesellschaftliche Situation abbildet oder ob sie nicht das reinste Degeto-Vorweihnachtsmärchen ist – in Anbetracht dessen, dass selbst in Mecklenburg-Vorpommern die AfD erschreckend auf dem Vormarsch ist. Sieht man davon ab, so unterscheidet sich auch diese zweite MeckPomm-Dramödie wohltuend von den immergleichen Erzählmustern am Freitagabend im Ersten. Hier werden die Charaktere nicht unterschieden in Helfende und Bedürftige, hier geht es um Menschen, die keine Anstellung haben, die von der Hand in den Mund leben, die auf sich allein gestellt sind. Da regelt keine altruistische Super-Heldin die Probleme der anderen, was zumindest im Fernsehen das Idealbild vom Sozialstaat weiterleben lässt und auch an die ökonomische Rundumversorgung à la DDR erinnert: Da geht es um aktive Selbsthilfe. Bei aller Märchenglasur ist Markus Herlings Film nach dem Drehbuch von Klaus Arriens und Thomas Wilke zumindest ästhetisch an Realismus interessiert. Gelebt und geliebt wird abseits von Sommer, Strand und Schönwetter-Urlaubsfeeling. Kantine to go statt Praxis mit Meerblick. Die Situationen bleiben bei aller Vorhersehbarkeit doch in ihrem Kern alltagsnah, ebenso wie die Probleme, die sich daraus ergeben, und die Auflösung der Konflikte inklusive unkonventionelle Arten, sich zu entschuldigen (da wird schon mal ein Sportflugzeug gechartert). Sogar, dass Ronnie über dreißig Jahre nichts von seiner Tochter gewusst hat, erklärt sich (psychologisch) recht plausibel. Auch der Schlussgag sitzt. Es kommt doch noch zur Familienfeier, bei der sich Hilde und Ronnie ihr Eheversprechen erneuern. Beim ersten Versuch hatte Tamara dem Liebeszeremoniell ein Ende gesetzt.

Mit Herz und HildeFoto: Degeto / Conny Klein
Das Finanzamt im Nacken geht es in „Hildes Kantine“ ums Ganze. Bekommt das formidable Ensemble um (v.l.) Anne-Kathrin Gummich, Steffi Kühnert, Martin Brambach und Judith Engel womöglich Zuwachs? Leonie (Mathilda Joung) und Tamara (Kotbong Yang) gefällt es in MeckPomm. Sinn fürs Geschäftliche ist nicht alles; Freundschaft und Gemeinschaft sind Gold wert.

Soundtrack: First Aid Kit („Wolf“), Veronika Fischer („Auf der Wiese“), Dilly („Bataillon d’amour“), Johnny Cash („Further On Up The Road“), Patsy Cline („Back In Baby’s Arms“), Sophie Hunger („Round To Round“), 17 Hippies („Biese Bouwe“), Dan Michaelson and The Coastguards („Evergreen“), Monsters of Folk („His Master’s Voice“), Anna Ternheim („Black Sunday Afternoon“), Dualogic („Sunshine Down“)

„Mit Herz und Hilde“ ist kein Unterhaltungsfilm von der Stange. Während andere Reihen der leichteren Gangart ein dramaturgisches Muster mehrmals pro Jahr durchspielen, wirkt dieser zweite Film mit Hilde & Co wie ein Unikat. Manufaktur statt Massenware – das gilt auch für die Schauspieler:innen. Die bereits lobend erwähnte Steffi Kühnert ist die Idealbesetzung. Wie sie den Dickschädel und die tiefe Verletzung ihrer Hilde in ein- und demselben Moment verbindet, ja, in einen einzigen Satz legt („Es gibt auch noch andere, die Teller an den Tisch tragen können“), ist Schauspielkunst vom Feinsten. Auch Ronnie – ebenfalls einer mit Herz – ist eine Rolle wie gemalt für Martin Brambach. Sein „Wer immer alles besser will, für den ist nie was gut“ ist ein Merksatz – jenseits der üblichen Küchenpsychologie à la „Endlich Freitag“ oder „Herzkino“. Große Klasse, gelebtes Leben, beiläufige Diversität – das gilt gleichermaßen für Judith Engel und Anne-Kathrin Gummich; und obgleich Lore irritiert feststellt, „die sieht dem doch überhaupt nicht ähnlich“, nimmt man auch Kotbong Yang die Tochter-Rolle durchaus ab. Wie gesagt: keine Massenware. Drei Jahre Wartezeit müssen es allerdings bis zum Wiedersehen nicht sein.

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1 Antwort

  1. Ich hatte nicht viel Erwartungen angesichts der Vorschaubilder, aber die Bewegtbilder überzeugten.
    Sympathische Figuren, gute Schauspieler, kreative Geschichte, feiner Humor, Herzenswärme.
    Von mir gerne noch ein Sternchen mehr.

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Reihe

ARD Degeto

Mit Steffi Kühnert, Martin Brambach, Judith Engel, Anne-Kathrin Gummich, Kotbong Yang, Mathilda Young, Andreas Schröders, Tilla Kratochwil, Michael Krabbe, Ulrike Hübschmann

Kamera: Peter Steuger

Szenenbild: Wolfgang Baark

Kostüm: Nicole Stoll

Schnitt: Nils Landmark

Musik: Birger Clausen

Redaktion: Barbara Süßmann

Produktionsfirma: Bantry Bay Productions

Produktion: Ariane Krampe

Drehbuch: Klaus Arriens, Thomas Wilke – nach einer Idee von Markus Herling

Regie: Markus Herling

EA: 03.12.2025 10:00 Uhr | ARD-Mediathek

weitere EA: 05.12.2025 20:15 Uhr | ARD

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