Wer nimmt schon einen Schlagstock mit auf eine Feier? Und was ist das für eine Polizistin, die ihren Kollegen ins Koma prügelt? Annabelle Martinelli (Natalia Wörner) bekommt es mal wieder mit einem hoffnungslosen Fall zu tun. Die Klage gegen Layla Rekabi (Maral Keshavarz) lautet auf gefährliche Körperverletzung, wenn nicht gar versuchter Totschlag. Martinellis Mandantin sieht das völlig anders: Für sie war es Notwehr; Tommy Bockhorn (Merlin Rose) sei nicht das erste Mal bei ihr sexuell übergriffig geworden. Die junge Frau steht mit ihrer Aussage auf verlorenem Posten: Zehn Zeugen, alles Kollegen, unter ihnen Mike Kowalski (Stefan Rudolf) und Abdel Meckdache (Hassan Akkouch), haben gegen Layla ausgesagt. Sie habe während der Feier vor dem Lokal grundlos und brutal auf Tommy eingeschlagen. Auch die Frauenbeauftragte der Polizei (Carmela Bonomi), Abdel Meckdaches Frau, kann Martinelli nicht weiterhelfen. Es gibt allerdings zwei Zeuginnen des nächtlichen Vorfalls: Maria Morales (Amanda da Gloria) und Angela (Katharina Schüttler), die Frau von Mike Kowalski. Die beiden einigen sich jedoch darauf, nichts gesehen zu haben. Und so muss sich Martinelli anhören, was für eine schreckliche Person Layla ist, „eine Street-Fighterin“, gegen die ein Disziplinarverfahren wegen Gewalt im Dienst läuft. John Quante (Fritz Karl), der Anwalt der Gegenseite, erfährt indes, dass auch seine Mandanten keine Chorknaben sind.

„Maria hat Angst“ ist nach „Wahrheit oder Lüge“ (2020) und „Die Macht der Frauen“ (2022) der dritte Einsatz für Natalia Wörner als Annabelle Martinelli, jene Anwältin, die spezialisiert ist auf Sexualstrafrecht und vornehmlich das Mandat für Frauen übernimmt, die Opfer von sexueller, häuslicher oder rassistischer Gewalt geworden sind. Als Zuschauer weiß man zunächst mehr als die Anwältin. Man sieht, wie der Mann die Frau massiv sexuell bedrängt und wie sie ihn nachdrücklich zurückweist. Man sieht aber auch, mit welcher Wut und Brutalität die Frau anschließend zuschlägt, auch noch dann, als der Mann bereits auf dem Boden liegt. Auf den ersten Blick erscheint die Reaktion unverhältnismäßig. Man kann also gespannt sein, was sich Lars Becker hat einfallen lassen für die (Vor-)Geschichte. Um es vorwegzunehmen: Es ist einer der dramaturgisch überzeugendsten Plots, die sich der Autor und Regisseur in Personalunion in den letzten Jahren hat einfallen lassen. Während zuletzt seine „Nachtschicht“ (seit 2000) etwas schwächelte, kombiniert er in „Maria hat Angst“ die Stärken der bisherigen Martinelli-Justizdramen mit der Milieu-Zeichnung seiner KDD-Ausnahme-Reihe und verbindet so noch deutlicher als in „Die Macht der Frauen“ das Anwalts- mit dem Polizeifilm-Genre. Der Fall von Layla & Tommy wird im großen (narrativen) Rahmen von Beamten-Bestechung, Korpsgeist und Clan-Kriminalität verortet. Geschlechterkampf und Metoo-Debatte werden also nicht juristisch im luftleeren Raum verhandelt, sondern in einen gesellschaftlichen Kontext gestellt. Das ist realistisch und gleichsam aufregender, auch, weil sich so Moral nicht auf eine wohlfeile Dichotomie reduzieren lässt.
Die komplexe Gemengelage webt Becker zu einem engmaschigen Interaktionsnetz. Es gibt sogenannte „Freundschaften“, gegenseitige Abhängigkeiten – und drei Ehepaare. Ein Motor der Dramaturgie ist ein doppeltes Dilemma. Offensichtlich hat die angeklagte Polizistin etwas gegen die Kollegen in der Hand. „Layla weiß mehr von Tommy als er von sich selbst“, sagt Zola Meckdache, die Frauenbeauftragte. Aber auch Tommy selbst, verschrien als süchtiger Kokser, könnte zum „Betriebsrisiko“ werden. Sollte es ihm an den Kragen gehen, würde er womöglich die Kollegen hinhängen. Zu dieser Doublebind-Bedrohung hinzukommt eine Information, die Martinellis Optimismus deutlich bremst: Layla und Tommy waren mal ein Paar; sie spricht sogar von Liebe. Durch diesen Umstand würde der Fall vor Gericht wahrscheinlich als Eifersuchtsdrama verhandelt werden. Ganz schlechte Karten für Martinellis Mandantin. Da ist zwar noch jene Maria, alleinerziehende Kolumbianerin, die sich mit fünf Jobs und wenig Schlaf über Wasser hält, aber die kann sich eine Aussage vor Gericht nicht leisten: Sie hat keine Arbeitserlaubnis, ihre Aufenthaltsgenehmigung läuft bald ab – und das Angebot, das ihre „Freundin“ und Arbeitskollegin Angela ihr im Auftrag der „bösen Jungs“ macht, ist einfach zu verlockend. Und weil offenbar dank Hossein Darwisch (Husam Chadat) sehr viel Geld im Deal zwischen Polizei und libanesischem Clan kursiert, bekommt sogar Layla ein unmoralisches Angebot. Dass ihr Heimatort – wie der der Darwischs – Beirut ist, wird für eine entscheidende Wendung der Geschichte sorgen.
Foto: ZDF, Arte / Alexander Sachs
„Maria hat Angst“ ist kein Themenfilm, der einen typischen Fall von Gewalt zwischen den Geschlechtern beispielhaft verhandelt, sondern der 90-Minüter erzählt einen individuellen, komplexen Fall, der gleichermaßen mit Realität und Genremustern aufgeladen ist. Dazu gehört auch der B-Plot um die übernächtigte Kolumbianerin, deren Nicht-vor-Gericht-aussagen-können zwar clever mit ihrem spezifischen Alltagsleben kurzgeschlossen wird, der allerdings ein bisschen angeklatscht an die narrativ perfekt entwickelte Dynamik der Gruppe wirkt. Dramaturgisch gesehen. Doch Becker geht es mit diesem Nebenstrang, den er sogar durch den Titel noch besonders hervorhebt, nicht um die Funktion, die Maria für den Hauptkonflikt erfüllt, er schildert vielmehr eine andere Episode migrantischer Realität in Deutschland jenseits der Meckdaches, Rekabis oder Darwichs, erzählt von einer Einzelkämpferin ohne Gruppenzugehörigkeit, der es schwerfällt, in der deutschen Wirklichkeit Fuß zu fassen. Maria greift nicht direkt in den Fall ein – und ist doch der moralisch integerste Charakter des Films. Vielleicht hat Becker sie deshalb zur Titelfigur gemacht. Die anderen sind durchweg ambivalent gezeichnet. Die korrupten Bullen versuchen, sich mit Halbwahrheiten aus der Affäre zu ziehen, sind keine absolut „bösen Jungs“, doch in Zeiten finanzieller Engpässe sind sie falsch abgebogen und kommen jetzt nicht mehr raus aus dem Schlamassel. Und Kampfsportlerin Layla mit ihrer Riesenwut ist unter Alkoholeinfluss kaum berechenbarer als ihr drogenabhängiger Ex-Lover. Gewalt gehört zu beider Kommunikationsstil. Doch es gibt eine höhere Gewalt – und das muss nicht immer Justitia sein.


2 Antworten
US amerikanische Verhältnisse in Deutschland! Die scheinbar „Guten“, hier die deutsche Polizei, agiert kaum anders als ein arabischer Clan in Berlin, vor allem aber kaum gesetzestreu und objektiv, sondern eher wie eine Identitären-Kampfsport-Kameradschafts-Gruppe, alle decken sich gegenseitig, außer, man ist ein Außenseiter oder eine Außenseiterin in diesem „Spiel“. Noch fataler, wenn zwei Kollegen aneinander geraten, erst recht dann, wenn das letale Folgen hat.
Dass die Ehefrau von Kowalski die Kollegin der einzigen Zeugin, oder eigentlich die zweite ist, ist schon dermaßen and den Haaren herbeigezogen, ebenso wie der Umstand, dass der Polizist nicht einmal etwas von der Tätigkeit seiner Eherfrau als Putzfrau weiß.
Wenn arte und dem ZDF hier (leider wieder einmal) etwas gelungen ist, dann, der breiten Öffentlichkeit zu zeigen, wie sehr der deutsche Rechtsstaat inzwischen im Arsch ist. Die AfD wird sich über so viel Unterstützung von Seiten eines öffentlich rechtlichen Senders sicherlich freuen. Herr Putin vermutlich auch.
Ach ja, Frau Wörner und Herr Karl als zentrale Figuren sind beide wohl eher völlige Fehlbesetzungen, die von diversen Nebenfiguren wie Frau Schüttler oder Herr Rudolf _ aber ebenso von einigen anderen – locker and die Wand gespielt werden. Wobei Frau Schüttler zwar hervorragend spielt, aber die Frau, die sie spielt, ist charakterlich wohl äußerst problematisch, auch wenn sich das an Ende (scheinbar) verändert. Was am Ende bleibt, ist, Money rules, egal, woher es auf welchen Kanälen kommt…
Das Thema selbst hätte ja was (zumidest ohne Frau Wörner und Herrn Karl), allerdings ist dafür eine Spielfilmlänge einfach zu wenig, außer, man streicht eine ganze Menge an Nebenthemen. So, wie es ist, ist das Ganze zu viel und zu wenig zugleich. Langweilig abgefilmt auch, also für mich ein inzwischen leider typischer ZDF-Rohrkrepierer. Herr Becker ist für mich sowohl als Drehbuchautor als auch als Regisseur eine Fehlbesetzung.
Am Ende sind alle Arschlöcher, die nur auf sich selbst achten oder dem sozialen Kontext, dem sie glauben, anzugehören, glauben, loyal gegenüber sein zu müssen, genau so lange, bis ihre eigenen illusionären Kartenhäuser kollabieren und das in einer Gesellschaft, die weder Täter noch Opfer schützt, sondern nur sich selbst, oder die eigenen Illusionen. Charakterlosigkeit und Egoismen an allen Ecken und Enden. Auch wenn die finale Wendung dann wieder einiges verändert, aber leider nicht wirklich positiv, im Gegenteil. Korrupte Polizisten in Deutschland und nicht nur als Einzelfall, sondern kollektiv? SInd wir inzwischen auch schon in Donald Trump’s Amerika?
So ein Thema kann vielleicht ein Ferdinand von Schirach sinnvoll und überzeugend behandeln, Herr Becker für mich jedenfalls nicht und arte und der ZDF anscheinend auch nicht.
Traurig, wenn das alles ist, was inzwischen in einem öffentlich rechtlichen Sender übrig geblieben ist, denn dann gehören sie wirklich längst abgeschafft, weil ihr Agieren selbst mit dem Grundgesetzt nicht mehr kompatibel ist. Aus meiner Sicht zumindest…
Nichts stimmt an diesem Film, alles Kunstfiguren, die papierene Sätze absondern und überwuegend Migrationshintergrund haben. Polizeibashing auf niederstem Niveau und Nalua Wörner hat offenbar nur ein Paar Schuhe.