Lissi Strack (Morgane Ferru) hat es nach Cancale, einen malerischen Ort in der Bretagne, verschlagen. Die Umstände ihres Aufenthalts sind weniger schön: Die junge Insolvenzanwältin muss die hiesige Austernzucht sanieren. Dafür sollte sie einen passenden Investor finden. Gelingt dies nicht, muss der Betrieb abgewickelt werden. Die Belegschaft ist skeptisch, besonders Büroleiterin Marianne Le Goeff (Susi Stach) und Betriebsrat Victor Demur (Filip Peeters) trauen der Deutschen nicht: Was könne die schon verstehen von der Magie der Austern. Tatsächlich nicht allzu viel. Aber Lissi ist lernbereit und engagiert, weil sie endlich mal ohne ihre dominante Mutter Silvia (Margarita Broich) einen Insolvenzfall lösen will – und das auf ihre Art: Sie möchte die Besonderheiten des Standorts berücksichtigen und den Betroffenen Mitgefühl und Vertrauen entgegenbringen. Dass sie sich in die französische Kultur und Gourmet-Gastwirt Alain (David Vormweg) verguckt hat, motiviert sie noch dazu. Der ist allerdings der Neffe des streitbaren Betriebsrates, der eine Art Ziehvater für ihn war. Alain, der sein Interesse an Lissi nicht verhehlen kann, befindet sich deshalb in einer Zwickmühle: Einerseits würde er die Deutsche gern bei ihrer Arbeit unterstützen und privat besser kennenlernen; andererseits bekam er von seinem Onkel den Auftrag, Lissi auszuspionieren. Doch der familiären Probleme damit nicht genug: Lissis Mutter Silvia, die nach einem Unfall die Heimreise antreten musste, pfuscht ihrer Tochter noch von Düsseldorf aus in deren ehrenwerten, sozial verträglichen Pläne.
Foto: Degeto / Bantry Bay / Christine Tamalet
„Wer vieles bringt, wird manchem etwas bringen.“ Auch wenn der ARD-Freitagsfilm und Goethe nur wenig gemeinsam haben, für „Liebe braucht Meer“ stimmt die Formel ausnahmsweise und erweist sich als eine gelungene, narrativ-dramaturgische Methode. Der Film von Christine Rogoll (Regie) und Birgit Maiwald (Buch) – frei nach dem Roman „Mittwochs am Meer“ von Alexander Oetker – ist eine romantische Komödie, zugleich Social Comedy und Dramedy. Außerdem spielt Familie eine zentrale Rolle: Da ist Alain, den seine Mutter zur Adoption freigeben wollte und den seine Tante und sein Onkel wie ihren eigenen Sohn aufgezogen haben, und da ist die alleinerziehende Lissi, die ohne ihre Mutter die letzten Jahre aufgeschmissen gewesen wäre, allerdings auch zu leiden hat unter deren strengem Regiment. Das alles wird zwar nicht vertieft, festigt allerdings das Figurenfundament und macht das Verhalten der Hauptfiguren abseits bloßer Genrekonventionen nachvollziehbar. Ein weiterer Unterschied zu banaleren Romantic Comedys ist die Betonung des sozialen Umfelds. Auch wenn das – wie der Aufstand der Beschäftigten – mitunter etwas albern komödiantisch präsentiert wird, spielt die Zukunft des Betriebs im Rahmen der Geschichte eine nicht unbedeutende Rolle. Es geht um menschliche Schicksale; das wird immer wieder deutlich. Man fragt sich lange, weshalb der Edelrestaurantbesitzer Serge Vial (Anion Zöllner) nach dem Tod von Victors Frau seine Austern nicht mehr aus Cancale bezogen hat und man ahnt, dass hier persönliche und keine professionellen Gründe entscheidend waren. Die realistische Darstellung der betrieblichen Abläufe ist für einen Fernsehfilm der leichten Gangart ein weiteres dickes Plus. Man sieht, wie Austern in riesigen Kulturen an der Küste gezüchtet werden. Man sieht, wie man sie verpackt, wie man sie fachmännisch öffnet und genussvoll schlürft. Und auch das sonstige Ambiente in „Liebe braucht Meer“ stimmt: die Landschaft, die alten Steinbauten – und die Tradition der bretonischen Volkstänze, eine Mischung aus Ketten- und Reihenformationen, die in Paarfiguren übergehen. Ein perfektes Medium also in einem Film, der sowohl eine soziale Gruppe als auch ein Liebespaar in den Mittelpunkt rückt.
Foto: Degeto / Bantry Bay / Christine Tamalet
Zäumt man (die Kritik zu) „Liebe braucht Meer“ von hinten auf, kommen diese Qualitäten des Films besonders deutlich zum Tragen. Weil hier in 90 Minuten mehr erzählt wird als eine simple, mit ein paar läppischen Nebenplots versetzte romantische Komödie, gibt es entsprechend ein dichtes, mehrschichtiges Happy End. Während früher gern der finale Kuss am Meer – möglichst noch bei Sonnenuntergang – eine solche Dramedy-Romanze beendete, beherrschen hier Wohlgefühle auf allen Ebenen die Szenerie – und übertragen sich auf den Romantic-Comedy-affinen Zuschauer. Da ist Mutter Silvia erwartungsgemäß stolz auf die Tochter, die eine Insolvenzanwältin ohne Killerinstinkt sein will. Und umgekehrt ist Lissi gerührt von Muttis Anerkennung. Da sind die beiden bretonischen Dickschädel, die der Deutschen das Leben schwer gemacht haben, die plötzlich einen ganz anderen, freundlichen, ja geradezu herzlichen Ton anschlagen. Natürlich bekommt auch Alain seine zweite Chance. Und auch für die ungesunde Abhängigkeit von der Mutter gibt es eine passende Antwort. Manch einem mag das zu viel des Guten sein, aber es ist konsequent und ehrlich zu Ende erzählt. Viele Unterhaltungsfilme leiden darunter, dass das Happy End zu kurz gerät. Das mag in dem einen oder anderen Fall die Abgedroschenheit eines solchen Schlusses ironisch brechen. In diesem Fall aber scheuen sich die Macher nicht, die ganze Emotionalität aus diesen Schlussmomenten herauszuholen. Ob „Liebe braucht Meer“ oder Liebe braucht mehr, beides gilt für diesen sympathischen Film, der wunderbar auch noch das Tanzmotiv in den Schluss einbaut.
Foto: Degeto / Bantry Bay / Christine Tamalet
Bei allem Lob muss man sich dennoch fragen, ob es nicht ein bisschen weniger dramaturgische Gegensätze im ersten Filmviertel auch getan hätten. Margarita Broichs Insolvenz-„Drachen“ wird verbal als solcher tituliert und muss sich offenbar auch gleich in der ersten Szene als solcher zu erkennen geben. Das nervt nicht nur die Tochter. Als Normalzuschauer hätte der Kritiker möglicherweise früh das Handtuch geworfen, wäre da nicht Morgane Ferru mit ihrer sympathischen Frische, ihrer entwaffnenden Natürlichkeit, ihrem hinreißenden Lächeln ausgleichend ins Spiel gekommen. Mit der Zeit schleifen sich die scharfen charakterlichen Gegensätze ab. Das mag auch wahrnehmungspsychologisch bedingt sein. Die Mischung aus komödiantisch überzogen und ernsthaft emotional funktioniert bei Susi Stach und vor allem Filip Peeters um einiges besser. David Vormweg ist zwar nicht übermäßig charismatisch, aber dafür als Love Interest umso glaubhafter, und selbst dem gebürtigen Oberbayern Anian Zollner nimmt man den Franzosen ab. Dass kleine Rollen mit französischen Darstellern und Statisten mit realen Austernfabrikmitarbeitern besetzt wurden, kommt dem authentischen Gesamteindruck ebenfalls zugute.
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