Wenn das der Preis ist, zahlt ihn die Zielgruppe sicher gern: Nach dem im Dezember ausgestrahlten romantischen Drama „Emmas Geheimnis“ ist „Du lebst nur einmal“ die zweite „Katie Fforde“-Episode, die wegen der Corona-Pandemie nicht an der amerikanischen Ostküste, sondern in Schleswig-Holstein gedreht werden musste. Regie führte erneut „Katie Fforde“-Spezialist Helmut Metzger, sein Team hinter der Kamera war das gleiche, aber der Film, mit dem das ZDF die Reihe nach zwölf Jahren mutmaßlich beendet, ist sogar noch besser geworden. Nach einem Drehbuch von Elke Rössler und Iris Uhlenbruch erzählt der erfahrene Regisseur eine jener Mutter/Tochter-Geschichten, die stets ein Drama sind; selbst wenn sie mitunter heiter verpackt daherkommen. Davon kann hier allerdings keine Rede sein, obwohl Saskia Vester und Birte Hanusrichter ausgewiesene Komödiantinnen sind und Metzgers Umsetzung auch heitere Momente besitzt. Wie es ihm gelungen ist, diesen schweren Stoff dennoch mit leichter Hand umzusetzen, ist ein echtes Kunststück.
Foto: ZDF / Georges Pauly
Der Film kommt schnell zur Sache: Marla (Hanusrichter), promovierte Meteorologin, aber stets nur als „Wetterfee“ begrüßt, weil sie für einen Frankfurter TV-Sender arbeitet, sieht wenige Sekunden vor ihrem Auftritt, wie ihr Regisseur Ehemann Janosch (Thomas Limpinsel) eine Kollegin küsst. Zur gleichen Zeit hat ihre Mutter Rosie (Vester) einen kleinen Verkehrsunfall. Bei der Untersuchung im Krankenhaus stellt sich raus, dass die Platzwunde am Kopf ihr kleinstes Problem ist: Der Arzt teilt Marla mit, dass Rosie einen Hirntumor und nicht mehr lange zu leben hat. Eine Operation wäre riskant und würde nur einen kurzen Aufschub des Unvermeidlichen bringen. Der Mediziner hat Rosie noch nicht eingeweiht, aber dazu kommt es auch nicht mehr, denn die Patientin hat sich kurzerhand selbst entlassen. Marla kann gerade noch in ihr Auto springen; und jetzt geht die Geschichte erst richtig los.
Der Yolo-Titel „Du lebst nur einmal“ (You only live once) mag nicht sonderlich originell sein, aber er bringt die Botschaft natürlich auf den Punkt, denn genau darum geht es: Jeder Tag kann der letzte sein. Die Dramaturgie der Handlung folgt dem klassischen Roadmovie-Prinzip: In den meisten Filmen dieser Art geht es darum, dass zwei Reisende zueinander finden. Marla und Rosie haben nur noch sporadisch Kontakt, und weil die gemeinsame Tour an die Ostsee auch ein Trip in die Vergangenheit ist, wird Marla im Verlauf der Fahrt lernen, ihre Mutter mit anderen Augen zu sehen. Auch das gehört zum Schema solcher Filme, aber dank Metzgers Arbeit mit den beiden ausgezeichneten Hauptdarstellerinnen erstarrt das Drama nicht im Klischee. Vester und Hanusrichter wirken zudem derart glaubwürdig und authentisch, dass nie auch nur der Hauch eines Zweifels an ihrem Spiel aufkommt, zumal beide in ihren Rollen aufgehen: Vester als selbstbewusste Mutter, die sich durch nichts aus der Ruhe bringen lässt, wozu sicher auch ihre selbstgedrehten Kräuterzigaretten (mit einer Prise Cannabis) beitragen; und Hanusrichter, ähnlich alterslos wie Josefine Preuß, als Tochter am Rand des Nervenzusammenbruchs, die Panikattacken bekämpft, indem sie afrikanische Staaten aufzählt.
Foto: ZDF / Georges Pauly
Nicht selten werden die Frauen in Mutter/Tochter-Geschichten als Feindinnen dargestellt; dabei ist es viel realistischer und für die spätere Annäherung auch völlig ausreichend, wenn die beiden bloß ein Graben der Sprachlosigkeit trennt. Daraus ergibt sich die zweite Botschaft des Films: redet miteinander! Das gilt hier natürlich nicht nur für die Protagonistinnen, sondern auch für Marla und ihren Mann, selbst wenn das Drehbuch Janosch etwas zu gut wegkommen lässt, indem es seine Affäre als eine Art Ausbruchsversuch aus Marlas Umklammerung darstellt: Die Meteorologin ist ein Kontrollfreak. Zwischenzeitlich wandelt sich das Roadmovie zum romantischen Drama, als Marla ihrer Jugendliebe begegnet: Familie Goldschmitt hat die Sommerferien früher regelmäßig an der Ostsee verbracht; Marla war als Teenager schwer in Ole verliebt. Der hat sich zu einem ausgesprochen gut aussehenden Mann entwickelt, der zudem geschieden ist. Kai Albrecht war schon das attraktive Objekt weiblicher Sehnsüchte in der „Katie Fforde“-Tragikomödie „Das Kind der Anderen“ und ist auch diesmal die perfekte Besetzung; zum Glück für Marla und den Film laufen sich die beiden später erneut über den Weg. Auch Rosie ist eine Romanze vergönnt. Die fand zwar in der Vergangenheit statt und lässt sich nicht reanimieren, aber sie ist der Schlüssel zu allem; auch zu Marlas erschütternder Erkenntnis, dass ihre Kindheit eine Lüge war.
Natürlich haben Metzger und sein Kameramann Peter Joachim Krause für die üblichen Landschaftsbilder gesorgt, von den obligaten Popsongs ganz zu schweigen, aber im Unterschied zu den „Kate Fforde“-Produktionen aus New England gibt es diesmal auch einheimisches Liedgut. Sehr sympathisch ist zudem die selbstverständliche Besetzung des behandelnden Arztes mit einem Afrodeutschen (Yared Terfa Dibaba). Die Leistungen der Schauspieler sind ohnehin ausnahmslos gut, aber sie profitieren auch von einem offenkundig ausgezeichneten Drehbuch, weshalb es dem Film nicht mal schadet, wenn Rosie die Botschaft des Films in Worte fassen muss: „Man weiß nie, wie viel Zeit man noch hat.“