Ingeborg Bachmann – Jemand, der einmal ich war

Sandra Hüller, Regina Schilling, Thomas Kufus. In ihrer eigenen Wirrnis

Foto: zero one film / Weltkino
Foto Tilmann P. Gangloff

Das Dokudrama „Ingeborg Bachmann – Jemand, der einmal ich war“ (ZDF/3sat, RBB / zero one) findet einen ganz eigenen Weg, sich dem Leben der bedeutendsten deutschsprachigen Nachkriegsschriftstellerin anzunähern. Regina Schilling, für ihren sehr subjektiven Dokumentarfilm „Kulenkampffs Schuhe“ unter anderem mit dem Grimme-Preis ausgezeichnet, verknüpft Ausschnitte aus Interviews, Lesungen und Dankesreden mit szenischen Momenten, in denen Sandra Hüller zu aus dem Off eingespielten Textpassagen improvisiert.

Der einfachste Weg, filmisch vom Leben einer Schriftstellerin zu erzählen, ist der Spielfilm. Margarethe von Trotta hat diese Option für ihr Drama „Ingeborg Bachmann – Reise in die Wüste“ (2023) gewählt. Ihre Verbeugung vor der 1973 verstorbenen Österreicherin konzentriert sich auf die zehn Jahre zuvor geendete Beziehung zu Max Frisch; eine Liaison, die heutzutage als zutiefst toxisch bezeichnet würde, zumal sich Bachmann nach von Trottas Lesart davon nie wieder erholt hat.

Regina Schilling (Jahrgang 1962) hat ihre Annäherung an die bedeutendste deutschsprachige Autorin der Nachkriegszeit komplett anders gestaltet. Ihr Ansatz unterscheidet sich zudem radikal von ihrem bislang bekanntesten Werk; für ihren Dokumentarfilm „Kulenkampffs Schuhe“ (2018, ARD), der eigene Kindheitserinnerungen mit den TV-Shows der Sechzigerjahre verknüpft, ist sie mit dem Grimme-Preis und dem Deutschen Fernsehpreis ausgezeichnet worden. Die Regisseurin ist nach eigenem Bekunden mit den Werken männlicher Literaten aufgewachsen, bis sie dank „Malina“ (1971) eine Art Erweckungserlebnis hatte; aus Bachmanns letztem Roman stammt auch der Titelzusatz „Jemand, der einmal ich war“. Schillings Film über die Schriftstellerin, die am Tag des Kinostarts hundert Jahre alt geworden wäre, ist zwar ebenfalls eine dokumentarische Collage, enthält jedoch auch einen großen szenischen Anteil.

Ingeborg Bachmann – Jemand, der einmal ich warFoto: zero one film / Weltkino
„Ingeborg Bachmann – Jemand, der einmal ich war“ von Regina Schilling profitiert ganz enorm von Sandra Hüllers Mitwirkung.

Diese Ebene mit Sandra Hüller soll einen weiteren Zugang zu Bachmanns Persönlichkeit und ihrem Werk ermöglichen, gibt aber auch Rätsel auf. Ein Bezug zu den aus dem Off erklingenden Texten ist oft nicht ersichtlich: Mal wässert die Schauspielerin Balkonpflanzen, mal fährt sie mit dem Auto durch die Straßen der Stadt oder besucht eine uralte Nekropole. Trotzdem profitiert der auch musikalisch hochinteressante Film ganz enorm von Hüllers Mitwirkung, zumal sie eine exzellente Vorleserin ist und die Gedichte, Tagebucheinträge sowie die Passagen aus den Romanen und Erzählungen mit großer Intensität vorträgt. Dennoch war es wichtig, dass Schilling auch Bachmann selbst lesen lässt: weil sie in diesen Momenten ganz bei sich ist; in den Interviews wirkt sie dagegen fast schüchtern.

Eine ganz andere, aber ähnlich reizvolle Diskrepanz gibt es in der Rahmenhandlung, die wie ein „Making of“ beginnt: Schilling zeigt ihrer Hauptdarstellerin eine römische Wohnung. Sie soll der Schauplatz eines fiktiven Tags in Bachmanns letztem Lebensjahr sein, das sie, abhängig von Alkohol und Tabletten, allein und zurückgezogen verbracht hat, ganz auf die Vollendung ihres letzten Projekts („Todesarten“) konzentriert. Die Schreibmaschine ist mechanisch, die Kleidung ist zeitgenössisch, aber die Umgebung ist natürlich die Gegenwart. Entscheidendes Merkmal dieser Szenen ist jedoch gerade ihre scheinbare Beliebigkeit: Sie lenken nie vom Wichtigsten ab, und das sind Bachmanns Texte.

Ingeborg Bachmann – Jemand, der einmal ich warFoto: zero one film / Weltkino
„Ein neuer Stern am deutschen Poetenhimmel“ (Spiegel 1954). Dennoch blieb Ingeborg Bachmann das Gefühl, „nichts zu taugen“.

Schilling hat darauf verzichtet, biografische Konnotationen zwischen Werdegang und Werk zu konstruieren. Stattdessen lässt sie mit Hilfe von Zitaten das Bild einer zutiefst verunsicherten Persönlichkeit entstehen. Ein Freund schreibt, sie könne nur „nach ihrer eigenen Wirrnis leben.“ Auf diese Weise entsteht der Eindruck einer offenbar zutiefst verunsicherten, gerade daraus jedoch enorme schöpferische Kraft gewinnenden Persönlichkeit; der Lebensweg ergibt sich quasi nebenbei. Diese Form der Analyse erweist sich als ungemein wirkungsvoll, weil das Publikum seine eigenen Schlüsse ziehen kann. Im Bombenhagel auf Klagenfurt, lässt sich erahnen, ging auch Bachmanns Urvertrauen zu Bruch, wie spätere Zitate nahelegen, wenn sie zum Beispiel über ihre „wahnwitzige Angst, ermordet zu werden“ schreibt. Hüller hat die Texte vorher eingelesen, während des Drehs wurden sie ihr per Ohrhörer zugespielt, damit sie ihre Improvisationen daran ausrichten konnte. So erklärt sich die eine oder andere Panikattacke, die die von ihr verkörperte Frau wie aus dem Nichts überfällt.

Die Dramaturgie des Films hält sich nicht an die Chronologie des Lebenswegs, sie folgt ihrer eigenen Logik. Natürlich berücksichtigt Schilling die literarischen Höhepunkte: Bachmann wird zum Star der „Gruppe 47“, der „Spiegel“ widmet ihr 1954 das Titelblatt, sie wird als „neuer Stern am deutschen Poetenhimmel“ gefeiert und erhält viele wichtige Preise. Dennoch blieb das Gefühl, „nichts zu taugen, nichts wert zu sein.“ Ihre Liebesbeziehungen verliefen ausnahmslos unglücklich, doch ihr Werk verdeutlicht, wie weit sie ihrer Zeit gerade in Bezug auf die Rolle der Frau voraus war, was die damals ausnahmslos männlichen Literaturkritiker, für die sie eine „gefallene Lyrikerin“ blieb, nie verstanden haben.

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Kinofilm

3sat, rbb, ZDF

Mit Sandra Hüller

Kamera: Johann Feindt

Szenenbild: Renate Martin & Andreas Donhauser

Kostüm: Veronika Albert

Schnitt: Carina Mergens

Musik: Anja Plaschg

Redaktion: Nicole Baum (ZDF/3sat), Simone Reuter (RBB)

Produktionsfirma: zero one film

Produktion: Thomas Kufus

Drehbuch: Regina Schilling

Regie: Regina Schilling

weitere EA: 25.06. | Kinostart