Katja (Friederike Becht) ist eine leidenschaftliche Journalistin und Alkoholikerin. Gerade noch war die Fotoreporterin engagiert im Einsatz bei einer brutalen Räumung einer Sozialbauwohnung; Stunden später kündigt sie bei ihrem Arbeitgeber, dem Printmagazin Facts & Faces, nicht bevor sie auf der Firmengeburtstagsfeier ihrer Chefin und Geliebten Simone (Anne Ratte-Polle) ihr Unbehagen betrunken und lautstark zum Ausdruck gebracht hat. „Die da oben“ haben ihre Reportage über die Machenschaften einer Wohnungsbaugesellschaft aus dem Heft gekickt; das Unternehmen ist dummerweise einer der größten Anzeigenkunden des Magazins. Gründe zum Saufen gibt es also genug an diesem Abend für Katja. Das gilt auch für Eddi (Hans Löw), der sie beinahe mit dem Auto anfährt, bevor die beiden einen feuchtfröhlichen Abend miteinander verbringen. Dem Inhaber einer Edelschreinerei ist ein zugesicherter Großauftrag geplatzt. Und so lässt er es nach zwei trockenen Jahren wieder einmal krachen. Während seine Insolvenz kaum noch zu verhindern ist, wenngleich seine Frau (Anna Brüggemann) noch Hoffnung hat, könnte sich bei Katja noch alles zum Guten wenden. Noch in derselben Nacht macht Simone einen Deal mit ihr: Wenn sich Katja auf einen Entzug einlässt, kriegt sie ihren Job zurück. Allerdings ist es keine so gute Idee, vor dem Klinikaufenthalt unbedingt noch eine Reportage zum Thema Alkoholismus schreiben zu wollen. Und dass sie auch noch ihre Saufbekanntschaft zum Gegenstand ihrer Reportage macht, verheißt noch weniger Gutes.
Foto: ZDF / Oliver Vaccaro
Als Film verspricht die Exposition des TV-Dramas „Im Rausch“ dafür umso mehr: den Anfang einer wunderbaren Freundschaft oder einer lustvollen Affäre, vielleicht, wenn da nicht „König Alkohol“ wäre, dieser Teufel, der alles zum Scheitern bringen muss. „Wahrscheinlich werden wir uns bald unglücklich machen, aber das ist mir egal“, sagt denn auch Eddi, der seine Firma augenzwinkernd Ed Wood genannt hat, nach jenem Kinoverrückten, der als schlechtester Regisseur aller Zeiten in die Filmgeschichtsschreibung eingegangen ist. Beide scheinen froh zu sein, sich gefunden zu haben. Zwei in einer ähnlichen Lebenssituation, zwei, die das Gleiche durchgemacht haben, Panikattacken, Scham, Selbsthass. Zwei Schmerzverwandte, zwei Gewohnheitstrinker aus der Mitte der Gesellschaft. Und das Großartige für diese beiden Säufer: Das Gegenüber deckt nicht nur die eigene Sucht, sondern trinkt und feiert mit einem zusammen in einer Art doppelter Ko-Abhängigkeit. Eine Stärke der Geschichte, des Drehbuchs von Laila Stieler und Mark Schlicher (auch Regie), besteht darin, die „Faszination“ dieses – objektiv betrachteten – Nervengifts mit zu erzählen. Der Griff zur Flasche aus Frust ist das eine Muster: Wer Job oder Firma verliert, der trinkt gern schon mal einen über den Durst. Der psychologische Komplex Alkohol/Sex/Emotion/Liebe(?) hingegen dringt tiefer in die Sucht-Problematik ein: Es ist die Verschmelzung zweier euphorischer Zustände. Das Gefühl der Verliebtheit erklärt die Freude am zweisamen Trinken, losgelöst von den realen Sorgen, Probleme ausgeblendet. Mit Alkohol wird alles leichter. Ein Zimmer in einer Pension wird zum Refugium der beiden.
„Im Rausch“ ist ein in jeder Hinsicht ausgezeichneter, ja für die TV-Praxis vorbildlicher Fernsehfilm – kompakt und konzentriert in neunzig Minuten erzählt, dramaturgisch klug, mit realistischer Fallhöhe (so verzichtet Stieler beispielsweise auf einen Autounfall, was bei diesem Sujet das Naheliegendste wäre) und einer wirkungsvollen dramatischen Zuspitzung kurz vor Schluss. Ein Fünkchen Hoffnung ist prinzipiell bei einer solchen am Rand der Tragödie balancierenden Geschichte auch nicht verkehrt. In dieser ZDF-Produktion aber entwickelt sie sich absolut stimmig aus der Gesamttonlage des Films heraus. Stieler und Schlichter entschieden sich gegen einen fatalistischen Selbstmord-Duktus. Immer wieder gibt es jene Momente des vermeintlichen Glücks, mal ein Blick, ein Lachen, mal die körperliche Nähe, mal das Baden im See; vor allem aber sind es die Gefühle der beiden füreinander, die sie über Wasser halten. Nicht zu vergessen die Erwartungen und Hoffnungen der Zuschauer*innen an diese Geschichte und ihre beiden Hauptcharaktere. Besonders Katjas Niedergang tut einem beim Zuschauen besonders weh: Für diese schöne, intelligente und gesellschaftspolitisch aktive Frau, die ihr Leben wegwirft, muss es doch einen Weg aus der Krise geben. Natürlich kann man sich fragen, wie realistisch diese romantische Dimension ist. Die Überlagerung der Trunksucht-Geschichte von der Liebe als Hoffnungsträger, dieses bisschen Utopie darf, ja sollte in einem Spiel-Film schon erlaubt sein.
Foto: ZDF / Oliver Vaccaro
„Im Rausch“ ist zwar alles andere als das, was man früher als Themenfilm bezeichnete, trotzdem gehört die Art und Weise, wie das Phänomen Alkoholismus gesellschaftlich und psychologisch über die „Held*innen“-Reise hinaus erzählt wird, zu den besonderen Stärken des Films. Katja zur Journalistin zu machen, ist mehr als ein dramaturgischer Kniff. Zum einen können dadurch Aspekte der Sucht, die Katja recherchiert, in die Narration einfließen: das Brustkrebsrisiko, die Alkoholtodesopfer, die pränatal geschädigten Kinder, der volkswirtschaftliche Schaden, Vergewaltigungen unter Alkoholeinfluss. Diese Informationen flackern nur kurz auf. Nachhaltiger ist das Interview mit Katrin Sass, bei dem die seit über 25 Jahren trockene Schauspielerin plötzlich die Fragen stellt. Der kann Katja nichts vorspielen. Von wegen „das normale Maß“. Das hat ihr schon die Psychologin (Antje Traue) nicht geglaubt. „Diese Reportage ist scheißegal, und das Interview hier, das ist so unwichtig. Wichtig ist, dass du gesund wirst“, redet ihr Sass ins Gewissen. Der Appell erreicht Katja nicht. Sie hatte sich das so schön ausgedacht. Statt körperliche Entgiftung in der Klinik will sie über die Reportage das Problem mit dem Kopf angehen, ihre Sucht objektivieren, sich von ihr distanzieren – sprich: sich und Simone belügen.
Auch filmisch ist „Im Rausch“, dieses vermeintliche Zwei-Personen-Drama, großes Fernsehen. Immer wieder prallen Tag und Nacht aufeinander. Das Spiel mit Helligkeit und Dunkelheit ist ein sinnlicher Motor der Inszenierung. Dabei konnotiert das Dunkle nicht immer nur das Kranke, sondern es bietet auch die Möglichkeit, sich vor der Realität, der Wahrheit zu verstecken. Eine besondere Intensität bekommen die Bilder durch ihre Intimität, ihre Nähe zu den beiden Protagonisten. Wenn Friederike Becht in einen Spiegel oder ihre Kamera (Katja führt ein nicht nur optisch abwechslungsreiches Videotagebuch) blickt oder Hans Löw entgeistert in die Weite oder lächelnd in die Augen seiner neuen „Freundin“ sieht, dann ist man emotional mittendrin in dieser Geschichte, ohne allerdings je die Distanz zu verlieren. Dafür sorgen auch die Dialogwechsel dieser beiden Ausnahmemimen, die nicht in einer Emotion verharren. „Ich hab‘ mich lange nicht mehr so lebendig gefühlt.“ Der Satz mag vom Gefühl her stimmen, den könnte allerdings auch eine Figur bei Rosamunde Pilcher sagen. Die Antwort darauf eher nicht: „Das ist kurz vor dem Tod auch so. Man sieht alles glasklar, fühlt sich stark wie nie, dabei steht man kurz vorm Abgrund.“
Foto: ZDF / Oliver Vaccaro


5 Antworten
Film bereits vorab als .mp4-Konserve gesehen.
Hervorragend gespielt, manchmal im Journalismus-Umfeld etwas gestellt und künstlich, aber trotzdem durchaus glaubwürdig, wie Frau Becht ihre Alkoholsucht rüberbringt. Preiswürdig.
Grandios und passend dazu der Kurzauftritt von Katrin Sass und der kompromisslose aber trotzdem verständnisvolle Dialog mit einer Leidensgenossin.
Auch das Finale und das Schlussbild: gut gelöst…
Mindestens 5 von 6 Sterne und auch nicht ganz leichte Kost.
Danke für die treffende, hervorragende Rezension. Hat Lust auf den Film gemacht. Und dieser ist wirklich in jeder Hinsicht sehenswert. Glaubwürdige Story, tolle Schauspieler und einige Facts, die nicht allgemein bekannt sein dürften, obendrauf.
Endlich gab es gestern Abend mal wieder ein Spielfilm-Drama auf sehr hohem Niveau. „Im Rausch“ zeigte eindrucksvoll was es bedeutet in unserer Gesellschaft alkoholabhängig zu sein. Großartig gespielt. Doch warum gibt es von Dramen wie diesem nur äußerst wenige im deutschen Fernsehen?
In den letzten 4 Jahren gab es nur 5 Filme mit Hintergrund, Niveau und Anspruch und das waren die Filme:
„Die Welt steht still“ (ZDF), „Allein zwischen den Fronten“ (ZDF), „An einem Tag im September“ (ZDF), der ARD-Film: „Aus dem Leben“ und gestern der Film: „Im Rausch“. Ansonsten gab es fast nur Krimis oder Quizsshows. Bitte, liebe Fernsehsender, „zeigen Sie erbarmen mit uns Zuschauern und zeigen Sie öfters Filme mit Format“:
Ich fand den Film einigermassen gelungen; auch wenn m.E. der gesundheitliche und gesellschaftliche Abstieg eher noch zu schonend dargestellt waren; noch zu alltagstauglich angesichts ihrer Sucht, zu attraktiv und nicht wirklich gezeichnet vom lsngen Konsum und tw zu verständnisvoll das Umfeld. Auch der Hauch Kapitalismuskritik wirkt etwas aufgesetzt und entlastete den Firmeninhaber Eddie ein wenig von seiner Eigenverantwortung. Die DarstellerInnen: in allen Rollen sehr glaubwürdig, die Hauptdarstellerin jedoch optisch mE leider etwas zu “ rehäugig“ in Szene gesetzt. Mehr Mut zur Realität wäre wünschenswet, evtl. auch mehr Mut zum Hässlichen…
Wer googelt, der findet auch noch den TV-Film „Rückfälle“ aus dem Jahr 1977 mit Günter Lamprecht, der damals ebenfalls in so einer Alkoholsucht-Rolle eine heftige Performance abgeliefert hat. Da hat man dann einen direkten Vergleich.