German Crime Story – Gefesselt

Masucci, Häntsch, Florian Schwarz. Der Mann, der die Pelze liebt und die Frauen hasst

Foto: Amazon Prime
Foto Rainer Tittelbach

Der Hamburger Kürschner-Meister Raik Doormann gibt den leutseligen, unbescholtenen  Familienvater und netten Nachbarn, in Wahrheit aber ist er ein narzistischer Frauenverachter und kaltblütiger Mörder. Der Mann heißt im wahren Leben Lutz Reinstrom und ist als „der Säurefassmörder von Hamburg“ in die Annalen der deutschen Kriminalgeschichte eingegangen. Die Serie „Gefesselt“ (Neue Bioskop Television), die unter dem Label „German True Crime“ bei Amazon Prime zu sehen ist, erzählt davon, weshalb seine Morde zunächst unentdeckt bleiben konnten. Dem empathielosen Menschenfänger wird eine junge Kommissarin gegenübergestellt. Damit erstreckt sich der Geschlechterkampf, der in Doormanns krankhaftem Männer-Frauen-Bild bestialisch gipfelt, auch auf die vermeintlich „normale“ Geschlechter-Kommunikation vor 30, 35 Jahren. Oliver Masucci verkörpert diesen passionierten Manipulator einmal mehr als ein Ereignis. Eine erklärende Psycho-Analyse seines Charakters erfolgt in der Handlung erfreulicherweise kaum. Der Zuschauer darf sich selbst ein Bild machen. Bei allem „Faszinationspotenzial“ einer solchen Figur und eines so grandiosen Schauspielers wird der joviale Geschichtenerzähler Doormann mehr und mehr als Monster entlarvt. Vielleicht hätte Grimme-Preisträger Florian Schwarz auf ein, zwei der schwer zu ertragenden Foltereinstellungen verzichten können, prinzipiell aber sind sie notwendig. Das Grauen und die Ekelbilder muss man sehen – um diesem so harmlos wirkenden Maulhelden die Maske des kleinbürgerlichen Filous herunterzureißen. Auch dramaturgisch und filmästhetisch operiert „Gefesselt“ auf höchstem (True-Crime-)Serien-Niveau und fesselt – obwohl der Ausgang bekannt ist – über die gesamten sechs Folgen.

Der Astrologie-gläubige Hamburger Kürschner-Meister Raik Doormann (Oliver Masucci) ist mal wieder in Geldnöten. Der Mann, der die Pelze liebt und die Frauen hasst, ist verheiratet, hat ein Kind und ist als freundlicher Nachbar bekannt, aber er kann auch anders. 1991 entführt er Elke Berger (Valentina Sauca), die neue Frau an der Seite seines ehemaligen Chefs Ludwig Lübke (Sylvester Groth), und hält sie in einem unterirdischen Bunker gefangen, den er sich im Keller seines Hauses gebaut hat. 300.000 DM will er von Lübke erpressen, doch nach einer Woche lässt er seine Geisel wieder frei, er fährt sie sogar vor ein Polizeirevier. Der anschließende Prozess, in dem er sich als leutseliger, unbescholtener Familienvater inszeniert, wird für Elke Berger zur Tortur, weil Doormann behauptet, sie sei seine Komplizin gewesen und sie habe die Erpressung geplant. Das Urteil fällt entsprechend mild aus: Der Richter verurteilt ihn zu drei Jahren Haft mit der Begründung: „Von dem Angeklagten geht keinerlei Gefahr für die Allgemeinheit aus.“ Ein grandioser Trugschluss. Oder sollte aus dem Mörder von Cornelia Kessler (Nikola Kastner), einer guten Bekannten von ihm, und der ersten Frau seines verhassten Chefs (Marita Marschall) ein zahnloser Tiger geworden sein?

German Crime Story – GefesseltFoto: Amazon Prime
Anfangs ist „Gefesselt“ ein Täter-Solo, bei dem Oliver Masucci jede Aufmerksamkeit auf sich zieht. Später entwickelt sich ein Duell mit Angelina Häntsch. Ohne Männer bei der Kripo würde ihre Polizistin dem Serienmörder schneller das Handwerk legen.

Raik Doormann heißt im wahren Leben Lutz Reinstrom und ist als „der Säurefassmörder von Hamburg“ in die Annalen der deutschen Kriminalgeschichte eingegangen. Die Serie „Gefesselt“, die unter dem Label „German True Crime“ bei Amazon Prime zu sehen ist, erzählt davon, weshalb die Morde von 1986 und 1988 zunächst unentdeckt bleiben konnten. Die Headautoren, der zweifache Grimme-Preisträger Michael Proehl („Tatort – Im Schmerz geboren“, „Das weiße Kaninchen“) und Dirk Morgenstern, stellen dem Menschenfänger eine junge Kommissarin gegenüber: Nela Langenbeck (Angelina Häntsch), in den eigenen – auschließlich männlichen – Reihen wegen ihrer Mordtheorien bestenfalls belächelt, entwickelt sich zu einer ernstzunehmenden Gegenspielerin. Allein ihrem Engagement und ihrer Beharrlichkeit ist es zu verdanken, dass eine Soko ins Leben gerufen wird, bei der sie allerdings zunächst nur fürs Kaffeekochen zuständig ist. Damit erstreckt sich der Geschlechterkampf, der in Doormanns krankhaftem Männer-Frauen-Bild bestialisch gipfelt, gleichermaßen auf die Ermittlungsebene. Und Frauenverachtung ist eine stimmungsmachende Verteidigerstrategie im Gerichtssaal, die später auch der In-die-Enge-Getriebene in einem Akt zwanghafter Selbstüberschätzung gegen seinen weiblichen Jäger anwendet. Mal teilt er plump aus („Ist Frausein eigentlich so ein bisschen wie Behindert-Sein?“); mal versucht er, sie mit Worten zu verführen, gibt den Nela-Versteher („dieser Sehnsuchtsblick“).

German Crime Story – GefesseltFoto: Amazon Prime
Erliegt Nela (Angelina Häntsch) tätsächlich dem magischen Reiz des Pelzes, wie ihr später Doormann einreden will, der die Szene beobachtet hat. Der Küschner will die Sehnsucht nach einem anderen Leben in ihrem Blick erkannt haben. Das ist typisch für Doormann: Er bemächtigt sich der Frauen auch im Kopf. Und was ist mit dem Blick seines verhassten ehemaligen Chefs Ludwig Lübke (Sylvester Groth)? Würde er tatsächlich sein Leben mit der entführten Elke Berger lieber durch ein Leben mit der jüngeren Kommissarin eintauschen? Oder ist auch das nur Doormanns Projektion?

Oliver Masucci verkörpert diesen passionierten Manipulator und ist – nach preisgekrönten „Verkörperungen“ von Hitler bis Fassbinder – einmal mehr als ein Ereignis. Mal säuselnd verführerisch, mal mit Fisteln in der Stimme, mal mit deutlich hanseatischem Zungenschlag und immer wieder kumpelhaft jovial daherredend wie ein Mann, der den Applaus anderer Frauenfeinde sucht und kleine Schwächen zugibt, beispielsweise seine sadomasochistischen Neigungen, um von seinen grausamen Morden abzulenken. Auf alles hat er eine Antwort. Doormann berauscht sich geradezu an seinen frei erfundenen Geschichten. Ihnen nachzugehen, sie zu widerlegen kostet Zeit. Die Verhöre drohen auf der Zielgeraden, im Nebel seiner Behauptungen zu versinken. Eine erklärende Psycho-Analyse dieses Charakters erfolgt in der Handlung erfreulicherweise kaum. Raik Doormann alias Lutz Reinstrom ist kein Triebtäter, kein psychopathischer Frauenmörder, kein Serienkiller. Er kenne keine Empathie, er imitiere allenfalls soziales Verhalten, Macht und Geld sind seine Antriebe, konstatiert seine Gegenspielerin. Was er sonst noch ist, welche Persönlichkeitsstörung sich bei ihm manifestieren könnte, davon kann sich der Zuschauer selbst ein Bild machen. Masuccis Angebote sind reichhaltig. Beliebt nicht erst im Trump-Zeitalter ist der Typus Narzisst, der sich seine eigene Wahrheit zurechtlügt und sich sonnt in der Aufmerksamkeit, die ihm zuteilwird. In der letzten Folge sieht man, dass massive Kränkungen den mörderischen Exzessen vorausgingen. Für Mitleid beim Zuschauer sorgt das nicht; längst hat Doormann den Kredit verspielt, den Hauptfiguren in Filmen beim Zuschauer für gewöhnlich genießen.

German Crime Story – GefesseltFoto: Amazon Prime
Kann sich Doormann (Oliver Masucci) über seine Vaterschaft freuen? Anfangs wirkt er wie ein Familienspießer, der sich mit Chauvi-Sprüchen seinen Alltag erträglich macht, aber nicht wie ein Mann, der kaltblütig und brutal zwei Frauen ermordet.

Dieser Charakter ist Faszinationsgestalt und Würstchen zugleich. Es ist wohl eher die Präsenz und das Spiel von Oliver Masucci, die einen in den Bann ziehen. Das Verhalten der Figur indes, die abgefeimten Lügen, die egozentrischen Ausreden, das alles ist dreist und perfide, und seine Taten sind barbarisch. Dieser Mann ist ein Monster, er muss überführt werden und die Höchststrafe bekommen. Das sagt die Geschichte, das sagen aber auch die Worte und die Bilder. Vielleicht hätte Grimme-Preisträger Florian Schwarz („Tatort – Im Schmerz geboren“) auf ein, zwei der Foltereinstellungen verzichten können, prinzipiell aber sind sie notwendig bei diesem narrativen Konzept, das sich vom reduzierten, dokumentarisch anmutenden True-Crime-Prinzip, mit dem einst Breinersdorfer/Schadewald („Der Hammermörder“ / „Angst“) Fernsehgeschichte schrieben, deutlich abhebt. Das Grauenvolle muss man sehen, diese gefesselten, leblos im Bunker hängenden Körper, weil das Böse in Kombination mit dem großartigen Masucci sich sonst möglicherweise hinter der raffinierten Maske eines kleinbürgerlichen Filous verstecken könnte. Auch die Ekelbilder müssen sein; nicht nur, weil es sich hier um den legendären „Säurefass-Mörder“ handelt, sondern weil dieser Ekel zu Doormanns Taten gehört, weil sie die physische sinnliche Gewissheit dafür sind, was aus den beiden Frauen geworden ist, und weil dieser Ekel auf die Hauptfigur zurückschlägt, die so am Ende ihr „Faszinationspotenzial“ gänzlich verliert.

Dramaturgisch macht „Gefesselt“ alles richtig. Mit dem vergleichsweise harmlosen Verbrechen 1991 beginnt der Film. Die erste Szene führt das Publikum allerdings gleich ins Badezimmer. Säure und Säge sind des Pudels Kern, verraten bereits die ersten Bilder. Dennoch oder gerade deshalb gelingt es den Machern, über sechs Folgen und viereinhalb Stunden den Zuschauer zu fesseln. Der Ausgang ist bekannt, die Neugier konzentriert sich also auf den Gang der Handlung. Das Zuschauer-Mehrwissen sorgt allerdings gelegentlich auch für Wut-Momente: Wenn die Gegenspielerin von ihren männlichen Chauvi-Kollegen infam ausgebremst wird. Und auch allerhand Subtexte sind klug und beiläufig in die Narration eingewoben. So geht mit dem Niedergang des Kürschner-Handwerks für Doormann auch ein Stück der „guten alten“ Männlichkeit verloren. Auch die von Doormann immer wieder beschworene Erotik der Pelze verfängt nicht mehr. Dieser Mann ist ein Auslaufmodell. „Verdient jetzt nur noch die Mama das Geld?“, fragt der Sohn in der ersten Folge. Die Reaktion kommt prompt: Wenig später hängt Elke Berger am Haken – und Doormann hofft auf die große Kohle. Und die Frau, die er sich zuletzt als Partnerin ausgesucht hat, ist eine Prostituierte (Nina Gnädig), mit der er die Flucht nach Costa Rica plant. Das ist gewiss kein Zufall. Macht, Geld und Sex sind nun mal sein Lebenselixier. (Text-Stand: 3.1.2023)

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Amazon Prime Video

Mit Oliver Masucci, Angelina Häntsch, Sylvester Groth, Nikola Kastner, Valentina Sauca, Sebastian Schwarz, Wolf Danny Homann, Ulrike Willenbacher, Thomas Lawinky, Pierre Besson, Norman Hacker, Marita Marschall

Kamera: Philipp Sichler

Szenenbild: Johannes Salat

Kostüm: Brigitta Lohrer-Horres

Schnitt: Laura Wachauf, Stefan Essl, Jan Ruschke

Musik: Florian Van Volxem, Sven Rossenbach

Produktionsfirma: Neue Bioskop Television

Produktion: Dietmar Güntsche

Headautor*in: Michael Proehl, Dirk Morgenstern

Drehbuch: Michael Proehl, Dirk Morgenstern, Max Eipp, Dinah Marte Golch, Mark Monheim

Regie: Florian Schwarz

EA: 13.01.2023 10:00 Uhr | Amazon Prime Video

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