Ein kleines Kind verschwindet spurlos in der Menschenmenge: Das allein ist schon ein Schock. Aber der Alptraum lässt sich noch steigern: Stell’ dir vor, dein Kind verschwindet, und niemand will dir glauben. Robert Schwentke hat so eine Geschichte vor zwanzig Jahren in „Flightplan – Ohne jede Spur“ (2005) mit Jodie Foster erzählt: Eine frisch verwitwete Amerikanerin fliegt mit ihrer Tochter in die USA, macht ein Nickerchen, und als sie wieder aufwacht, ist das Mädchen weg. Nach gründlicher Suche kommt die Besatzung schließlich zu der Überzeugung, dass die Frau allein an Bord war. Als Triebwerksingenieurin kennt sie allerdings jeden Winkel des Flugzeugs und kommt schließlich einem Verbrechen auf die Spur.
Foto: Netflix
Mit seinem Hochspannungs-Thriller „Exterritorial“ hat der zweifache Grimme-Preisträger Christian Zübert (Buch und Regie) eine Handlung mit ganz ähnlichen Rahmenbedingungen konzipiert: eine Hauptfigur mit besonderen Fähigkeiten, ein verschwundenes Kind, das anscheinend gar nicht existiert, ein begrenzter und dennoch verwinkelter Handlungsort; und eine psychisch angeschlagene Heldin, die in zunehmender Verzweiflung bereit ist, bis zum Äußersten zu gehen. Der Film beginnt mit einem Prolog, der sie gleich mal aus der Spur schubst: Sara (Jeanne Goursaud) tummelt sich mit ihrem kleinen Sohn Josh am Badesee, als ein harmloser Hubschrauber eine Panikattacke hervorruft. Erinnerungsfetzen deuten einen traumatischen militärischen Einsatz an. Als sie versehentlich von einem jungen Mann angerempelt wird, wirft sie ihn zu Boden; es fehlt nicht viel, und der Bursche hätte das Missgeschick bitter bereut.
Einige Jahre später erhält die ehemalige Elitesoldatin ein Jobangebot aus den USA. Dort lebt die Familie von Joshs Vater. Er war wie Sara in Afghanistan. Ihr gemeinsames deutsch-amerikanisches Team ist dort in einen Hinterhalt geraten, Sara hat als einzige schwer verletzt überlebt. Als sie im Frankfurter Generalkonsulat ihr Arbeitsvisum abholen will und die Wartezeit allzu lang wird, setzt sie den Jungen im Spielzimmer ab und besorgt sich einen Kaffee. Bei ihrer Rückkehr ist Josh, der verstecken spielen wollte, verschwunden. Sicherheitheitsoffizier Kynch (Dougray Scott), selbst Vater einer kleinen Tochter, lässt ihn suchen; vergeblich. Überall hängen Überwachungskameras, und nun zweifelt Kynch, der mittlerweile weiß, dass Sara Psychopharmaka nimmt, an ihrem Verstand: Die Bilder zeigen nur sie.
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Was nun beginnt, erinnert nicht nur strukturell stark an „Flightplan“, allerdings mit einem erheblichen Unterschied: Wie Jeanne Goursaud, dank zweier „Barbaren“-Staffeln (2020/2022) auf dem Weg zum Netflix-Star, durch die Handlung rennt, springt, fällt und vor allem geprügelt wird, tut schon beim Zuschauen weh. Immerhin bekommt Sara Verstärkung: Im Gästetrakt des hermetisch abgeschlossenen Konsulatsgeländes trifft sie auf die junge Weißrussin Irina (Lera Abova), die eigentlich ein politischer Flüchtling ist, aber wie eine Gefangene behandelt wird. Gemeinsam kommen die beiden Frauen einem Drogendeal auf die Spur. Offenbar hat Josh etwas beobachtet, was er nicht sehen sollte. Die Wahrheit ist jedoch viel ungeheuerlicher, und außer Irina gibt es absolut niemanden, dem Sara trauen kann. Die deutsche Polizei kann ihr nicht helfen, das Konsulat ist amerikanisches Hoheitsgebiet (daher der Titel). Nachdem sie der Gefährtin zur Flucht verholfen hat, ist sie vollkommen auf sich allein gestellt, erst recht, als Kynch den Gebäudekomplex evakuieren lässt und „Code Red“ ausruft: Nun ist die vermeintlich psychisch labile Frau zum Abschuss freigegeben.
Ganz gleich, ob als Autor oder Regisseur: Züberts Beteiligung an einer Produktion ist immer eine Qualitätsgarantie, von „Lammbock“ (2001) bis „Lommbock“ (2017), von „Neue Vahr Süd“ (2010, Grimme-Preis fürs Drehbuch) über einen „Tatort“ aus München („Nie wieder frei sein, 2010, Grimme-Preis für die Regie) und die schmerzlich schöne Tragikomödie „Dreiviertelmond“ (2011, Bayerischer Filmpreis fürs Drehbuch) bis zur ZDF-Serie „Bad Banks“ (2020, Regie zweite Staffel). Die Genrevielfalt seiner Filmografie ist beeindruckend: Komödie, Drama, Krimi, Wirtschaftsserie; und jetzt auch noch ein Thriller. Natürlich zieht Zübert alle Register, zumal die Musik die Spannung permanent hoch hält, doch letztlich sorgt vor allem Saras „Stirb langsam“-Lage dafür, dass „Exterritorial“ über hundert Minuten lang fesselt; erst recht, als sie erkennt, dass sie keineswegs zur falschen Zeit am falschen Ort, sondern als Sündenbock in einem heimtückisch eingefädelten Komplott vorgesehen ist.

