Einfach Nina

Becht, Wegener, Brandhoff, Wittenborn, Karin Heberlein. Normal ist das nicht

Foto: Degeto / Repro
Foto Tilmann P. Gangloff

Ähnlich wie einst der ARD-Freitagsfilm „Mein Sohn Helen“ beschreibt „Einfach Nina“ (Degeto / Schiwago), wie Eltern reagieren, wenn ihr Kind ihnen offenbart, dass es in einem falschen Körper lebt. Diesmal ist die Titelfigur allerdings erst acht Jahre alt: Niklas möchte fortan Nina genannt werden und Mädchenkleidung tragen. Simone und Martin (Friederike Becht, Ulrich Brandhoff) haben sich ein halbes Jahr zuvor getrennt, der verständnislose Vater interpretiert die Anwandlung des Kindes daher als Trennungsreaktion, aber bald zeigt sich: Es handelt sich nicht um eine Phase. Die Geschichte ist keine Komödie, dank der Umsetzung durch Karin Heberlin aber zunächst auch kein typisches Drama; doch dann wird es hässlich… Der kleine Arian Wegener spielt seine Rolle herausragend gut, auch die anderen Kinder machen ihre Sache toll; das Ensemble passt ohnehin ausgezeichnet zusammen.

Vor einigen Jahren hat die ARD einen Freitagsfilm gezeigt, der für diesen Sendeplatz damals sehr ungewöhnlich war: Der sechzehnjährige Finn verbringt ein Auslandsjahr in San Francisco. Als der Vater ihn zwölf Monate später am Flughafen abholt, traut er seinen Augen nicht: Aus dem Sohn ist eine Tochter geworden; Finn heißt jetzt Helen. Ob das Thema Transgender mittlerweile in der Mitte der Gesellschaft angekommen ist, ist vermutlich Ansichtsache; filmisch zumindest ist es nicht mehr so aufsehenerregend wie 2015 bei der TV-Premiere von „Mein Sohn Helen“.

Einfach NinaFoto: Degeto / Stefan Erhard
Simone (Friederike Becht) und Martin (Ulrich Brandhoff) sind baff. Niklas möchte fortan Nina heißen. Die Eltern nehmen an, dass es sich nur um eine Phase handelt.

„Einfach Nina“ erzählt eine ganz ähnliche Geschichte. Allerdings ist die Hauptfigur nur halb so alt: Eines Tages eröffnet Niklas seinen verdutzten Eltern, dass er fortan Nina genannt werden möchte. Acht Jahre lang hat sie ihnen zuliebe einen Jungen gespielt, aber in Wirklichkeit sei sie ein Mädchen, deshalb will sie fortan Kleider tragen. Die Jungsklamotten sortiert sie ebenso aus wie das Fotoalbum mit den Kinderbildern: „Das war ja nicht ich.“ Simone und Martin Glasewald (Friederike Becht, Ulrich Brandhoff) glauben, es handele sich um einen vorübergehenden Irrweg, für den es zudem eine plausible Erklärung gibt: Das Ehepaar hat sich vor sechs Monaten getrennt; das war vermutlich zuviel für Niklas. Simones Freundin Sandra (Anjorka Strechel) bestärkt sie in dieser Haltung: Das sei bloß eine Phase, nach einer Woche sei der Junge wieder ganz normal. Also macht die Mutter das Spiel erst mal mit und geht mit Nina sogar ein Kleid kaufen. Im Geschäft wird das Kind prompt für ein Mädchen gehalten, und Simone ahnt: Womöglich ist es mehr als nur eine Phase.

Wie in „Mein Sohn Helen“ ist die Metamorphose des Kindes vor allem für den Vater eine Herausforderung. Streifenpolizist Martin ist kein Machotyp, verhält sich in seiner Verwirrung aber so: Als Nina ihn beim Wettkampf auf einem Hindernisparcours besiegt, will er ihr klarmachen, dass nur ein Junge so viel Sportsgeist haben kann; „Nina“ und „sie“ kommt ihm ohnehin nicht über die Lippen. Die Rollenverteilung mag stereotyp klingen, wirkt aber plausibel und ist sicher nicht unrealistisch. Beiläufige Bemerkungen deuten an, dass sich Martin zwar gegen das Weltbild wehrt, das ihm einst Vater Thilo (Michael Wittenborn) mitgegeben hat, sich aber nicht gänzlich davon befreien kann. Überraschenderweise kommt dennoch ausgerechnet der verwitwete Großvater noch am ehesten mit der Situation klar. Er nimmt Nina, wie sie ist, und findet auch eine verblüffende Lösung für eine hygienische Herausforderung: Die Eltern verstehen nicht, warum das Kind nicht mehr duschen will; Thilo erfasst auf Anhieb, was dahinter steckt.

Einfach NinaFoto: Degeto / Stefan Erhard
Ausgerechnet Opa Thilo (Michael Wittenborn), Martins früher eher konservativ denkender Vater, kommt mit der neuen Situation am besten klar. Arian Wegener

Bis zu diesem Punkt lässt sich „Einfach Nina“ als Familienfilm betrachten. Die Geschichte ist keine Komödie, aber dank der Umsetzung durch Karin Heberlin, die das Drehbuch gemeinsam mit Angela Gilges und Christopher geschrieben hat, auch kein typisches Drama. Dann jedoch ändert sich der Tonfall. Probleme, sagt Ninas feinfühlige Lehrerin (Vanessa Rottenburg) beim Elternabend, machten nicht die Kinder, sondern die Erwachsenen, darunter ausgerechnet auch Simones Freundin Sandra: „Normal ist das jedenfalls nicht.“ Als sich Nina beim gemeinsamen Gespräch der Familie mit einer Psychiaterin erkundigt, ob sich ihr Penis entfernen ließe, wird Martin klar, dass es sich nicht bloß um eine Laune handelt. Wütend wirft er Simone vor, sie habe sich ja schon immer eine Tochter gewünscht, und schlägt eine Richtung ein, die das Verhältnis des ehemaligen Paars endgültig zerrüttet. Nina, die immer Angst hatte, ihre Eltern würden sie nicht mehr lieb haben, wenn sie ihre wahre Identität offenbare, fühlt sich bestätigt und ringt sich zu einem Schritt der radikalen Selbstverleugnung durch.

Angesichts der Bedeutung, die die zentrale Rolle spielt, ist klar, dass Wohl und Wehe dieses Films untrennbar mit dem jungen Hauptdarsteller verknüpft sind; Arian Wegener, der trotz seiner jungen Jahre schon einige Kameraerfahrung hat, spielt das herausragend gut. Das Kindercasting war ohnehin höchst erfolgreich. Lia Stark als Ninas Freundin Meret, die lange vor den Erwachsenen weiß, dass „Niklas“ bloß Fassade ist, macht ihre Sache ebenfalls ausgezeichnet. Gleiches gilt für Ludwig Samuel Ott als genervter älterer Bruder, der irgendwann zu Vater und Opa zieht. Genauso wichtig wie die individuelle darstellerische Qualität ist in einer derartigen Konstellation die Ensembleleistung; gerade die Szenen mit Mutter und Tochter sind von einer berückenden Innigkeit.

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Fernsehfilm

ARD Degeto

Mit Friederike Becht, Arian Wegener, Ulrich Brandhoff, Michael Wittenborn, Ludwig Samuel Ott, Anjorka Strechel, Lia Stark, Golo Euler

Kamera: Ralf Noack

Szenenbild: Carola Gauster

Kostüm: Sonja Greif

Schnitt: Simon Gutknecht

Musik: Ephrem Lüchinger

Redaktion: Katja Kirchen, Stefan Kruppa

Produktionsfirma: Schiwago Film

Produktion: Martin Lehwald, Marcos Kantis

Drehbuch: Angela Gilges, Karin Heberlein, Christopher von Delhaes

Regie: Karin Heberlein

Quote: 2,53 Mio. Zuschauer (10,3% MA)

EA: 06.10.2023 20:15 Uhr | ARD

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