Das ZDF-Sonntagspublikum ist im Schnitt über sechzig und somit theoretisch alt genug, um „Top Gun“ (1986) mit Tom Cruise aus dem Kino zu kennen. Action-Filme sind zwar mutmaßlich nicht die erste Wahl der „Herzkino“-Stammkundschaft, aber immerhin ging es in dem Fliegerabenteuer auch um eine Romanze. Seit „Top Gun“ wissen viele Menschen, was ein „Wingman“ ist: Der „Flügelmann“ hält einem Kollegen im feindlichen Luftraum den Rücken frei. Heutzutage gibt es selbstverständlich auch Flügelfrauen, aber eine „Wingwoman“ hat andere Aufgaben: Sie leistet einer schüchternen Freundin beim ersten Date tatkräftigen Beistand. Findige Frauen haben das zum Beruf gemacht, indem sie ihre Kundschaft zum Beispiel als „Kollegin“ zur Verabredung begleiten und dafür sorgen, dass das Rendezvous kein Reinfall wird.
Soundtrack:
Natalie Cole („This Will Be“), IZA („I Put A Spell On You“), Emilíana Torrini („Jungle Drum“), Frédéric Chopin („Nocturne, Op. 9“), Amy Winehouse („Our Day Will Come“), Tom Beck („Hey Jude“), Adele („Someone Like You“), Fontella Bass („Rescue Me“), Carl Orff („ O Fortuna“ aus „Carmina Burana“), Chris Isaak („Wicked Game“), Queen („Crazy Little Thing Called Love“)
Foto: ZDF / Gordon Muehle
Die Rahmenbedingungen von „Eine Wingwoman verliebt sich nicht“ sind also schon mal interessant. Wie’s weitergeht, scheint offenkundig: Eine Frau schmiedet das Glück von anderen, findet aber das eigene nicht. Das Drehbuch konterkariert den Filmtitel jedoch bereits zu Beginn: Allmorgendlich begegnet Cora (Chiara Schoras) am S-Bahn-Kaffeekiosk einem Mann, den sie in stiller Verehrung anhimmelt. Eines Tages gerät sie in ein emotionales Dilemma, als eine Pianistin sie um Hilfe bittet: Anya Urbanski (Sarah Bauerett) hat die halbe Welt bereist, gilt jedoch als „Star mit Allüren“; Männer halten es deshalb nicht lange mit ihr aus. Das wiederum ist kein Wunder: Die Frau verströmt eine Blasiertheit, die mindestens so einschüchternd ist wie ihre Virtuosität am Klavier. Jetzt hat sie endlich jemanden gefunden, dem sie auf Augenhöhe begegnen kann, zumal er vom selben Fach ist, und selbstredend handelt es sich bei Musiklehrer Marc (Tom Beck), der beinahe mal Popstar geworden wäre, um niemand anderen als den Mann vom S-Bahnhof.
Aus diesem vorhersehbaren und trotzdem nur scheinbar schlichten Handlungskern haben Oliwia Strazewski (Buch) und Wolfgang Eißler (Regie) eine bezaubernde romantische Komödie gemacht, die alle bekannten Register des Genres zieht, aber immer wieder für Überraschungen sorgt. Die Darbietungen des zentralen Trios sind ohnehin begeisternd, zumal gerade Sarah Bauerett eine bemerkenswerte Gratwanderung gelingt: Die arrogante Anya ist als Gegenentwurf zu Cora ohnehin nicht gerade liebenswert; und dann wird sie auch noch zur Antagonistin. Wie es Bauerett gelingt, die Musikerin dennoch mit einem subtilen Charme zu versehen, ist beeindruckend, zumal Anyas Hilflosigkeit beim Umgang mit Fremden, ihre Unfähigkeit zu Smalltalk und ihr fehlendes Flirttalent durchaus sympathisch sind. In einer witzigen Schnittfolge gelingt es der schwer vermittelbaren Pianistin innerhalb kürzester Zeit, gleich mehrere Männer schon mit ihrem ersten Satz in die Flucht zu schlagen.
Foto: ZDF / Gordon Muehle
Chiara Schoras und Tom Beck haben die vermeintlich leichteren Aufgaben: Sie braucht bloß grenzenlos geduldig und vor allem schrecklich nett zu sein, er witzig und attraktiv. Marc ist ein großer Bewunderer Anyas, die beiden kommen sich also schließlich wie erhofft und gleichzeitig befürchtet näher; bis Cora aus ihrer Rolle als Anyas angebliche Freundin fällt und der ganze Schwindel zur tiefen Betroffenheit Marcs, der bis dahin auch ihre Ehrlichkeit geschätzt hat, auffliegt. Wichtig für die Geschichte und weit mehr als bloß für Stichwörter zuständig sind die nicht minder gut gespielten Nebenfiguren, allen voran Coras Ex-Mann Gianluca (Beniamino Brogi), ein italienischer Luftikus, sowie die gemeinsame Tochter Francesca (Joone Dankou), die kurz vor dem Abi die Schule schmeißen will. Sehr hübsch ist auch die Rolle von Dominic Raacke: Heiner, Coras Agenturassistent, ist außerdem Onkel, väterlicher Freund und heimlich in den Postboten verliebt.
Abgerundet wird dieser uneingeschränkt sehenswerte Gute-Laune-Sommerfilm durch die Sorgfalt im Detail, etwa beim stimmig kontrastierenden Kostümbild: hier Coras fröhlich bunte Sommerkleidung, dort Anyas konservativer und gediegener Stil. In Filmen dieser Art erklingt notorisch allerlei Liedgut, aber einige Stücke sind sehr überlegt eingesetzt, wobei abgesehen von Adeles melancholischem Song „Someone like you“ vor allem zwei Klassikstücke die entscheidenden Akzente setzen: Chopins „Nocturne“ als Leitmotiv, das schließlich den kitschig schönen Schluss einleitet, sowie das bekannte Chorstück „O Fortuna“ aus Carl Orffs Kantate „Carmina Burana“, dessen Titel hier allerdings der blanke Hohn ist, weil es ein schmerzhaftes Missgeschick Coras auf der Bowlingbahn untermalt. Zu Beginn hat sie erzählt, wie sehr sie den „Zauber der Anfänge“ liebe. Nach dem Bowling-Malheur zerplatzen zunächst all’ ihre Hoffnungen, aber dann zeigt sich: Manchmal braucht es gleich mehrere „Wingpeople“, um einem Paar zum gemeinsamen Glück zu verhelfen.
Foto: ZDF / Gordon Muehle

