Vermutlich würden selbst Kinder ahnen, wie die einzelnen Episoden ausgehen werden. Ein Weihnachtsfilm mit einer Hochschwangeren? Na klar, das gibt ein Christkind. Eine Mutter, die überzeugt ist, dass ihre Tochter ihr etwas verheimlicht, liegt selbstverständlich richtig. Der Mann und die Frau, die sich erst ineinander verlieben, dann aber wieder entzweien, werden am Ende wie immer im „Herzkino“ des ZDF doch noch zueinander finden. Dass „Eine fast perfekte Bescherung“ trotzdem sehenswert ist, liegt neben den vielen herzerwärmenden Geschichten nicht zuletzt am vielköpfigen Ensemble.
Autorin Regine Bielefeldt bedient sich eines bewährten Tricks, um Menschen unterschiedlichster Herkunft, Hautfarbe und Religion an einem Ort zu versammeln: Ausgerechnet an Heiligabend wird eine Fliegerbombe entdeckt. Weil die Umgebung evakuiert werden muss, treffen nun in einer Turnhalle Menschen aufeinander, die sich sonst nie begegnet wären. Einige hat der Film schon kurz vorgestellt: Podcasterin Liz Schott (Christine Eixenberger) hat sich mit Hilfe einer Lüge davor gedrückt, Weihnachten mit den Eltern (Andrea L’Arronge, Bernhard Schütz), ihrer Schwester (Bettina Burchard) und deren perfekter Familie zu verbringen. Bodo (Steve Windolf), ihr größter Fan, entspricht schon auf den ersten Blick dem Kinotypus „Gottes einsamster Mann“: Er lebt in einer modern, aber kalt eingerichteten Wohnung mit einem stilisierten Christbaum aus Neonröhren. Zum Glück läuft ihm beim Abendspaziergang ein Hund zu, der fortan nicht mehr von seiner Seite weicht; wer weiß, wozu sich Bodo in dieser Nacht noch hätte hinreißen lassen. Später erzählt er von seinem Weihnachts-Trauma. Liz wiederum hält es nie länger als zwei Wochenenden mit einem Mann aus. Diesmal sind es nicht mal zwei Stunden: Zur Überraschung Bodos wie auch des Publikums offenbart der Film, dass sie hochgradig schwanger ist.
Foto: ZDF / Christoph Assmann
Die wichtigste zweite Ebene hat Bielefeldt einer Familie gewidmet, deren Welt auf eine fast schon beneidenswerte Weise in Ordnung ist, doch der Schein trügt. Mit Hilfe von Linh-Ha und Stefan Bürkle (Minh-Khai Phan-Thi, Marc Oliver Schulze) zeigt die Autorin, was passieren kann, wenn Paare Geheimnisse haben: Stefan weiß, dass er unmöglich der Vater der beiden Kinder sein kann. Das ist als Thema zwar nicht neu, aber die Autorin hat ein weiteres Element hinzugefügt: Linh-Ha weiß das auch. Auf ähnliche Weise und vor allem dank der Mitwirkenden gelingt es, selbst typischsten Filmfiguren originelle Momente abzugewinnen. Bettina Lamprecht zum Beispiel macht großen Spaß als kernige THW-Mitarbeiterin. Nicht minder sympathisch ist Oliver Mommsen als katholischer Priester, der humorvolle einseitige Zwiegespräche mit seinem „Chef“ führt und keinen Zweifel hat, wer die Fäden zieht, wenn andere von Zufall oder Schicksal sprechen. In den Szenen mit Ursela Monn wird’s zwar betulich, aber sie hat zwei prägende Auftritte: Als sich die 16jährige Bürkle-Tochter Mimi (Nhung Hong) angesichts der widrigen Umstände „wie ein Flüchtling“ fühlt, macht die einst der aus der DDR geflohene Brigitte klar, was es wirklich heißt, Heimat und Familie hinter sich zu lassen („Flucht zerreißt dich“). Später erweist sie sich, wie der Pfarrer mit Augenzwinkern feststellen würde, als Geschenk des Himmels.
Regie führte Ulli Baumann, dessen heitere RTL-Serien („Nikola“, „Ritas Welt“) mit Preisen geradezu überhäuft worden sind. Dank seiner enormen Erfahrung wirkt „Eine fast perfekte Bescherung“ der unvermeidlichen episodischen Struktur zum Trotz wie aus einem Guss, selbst wenn die Handlung ständig zwischen den verschiedenen Ebenen hin und her hüpft, zumal sich der Film parallel zu den Ereignissen in der zunehmend festlich geschmückten Halle regelmäßig Stippvisiten bei den Schotts gönnt: Liz’ nicht nur wegen des Bombenfunds beunruhigte Mutter überredet ihre Familie zum großen Kummer des um die Weihnachtsgans trauernden Gatten, sich auf den Weg nach Berlin zu machen; und so wird aus dem von Linh-Ha befürchteten „Weihnachts-Worst-Case-Szenario“ in einer „dreckigen eiskalten Turnhalle mit wildfremden Leute“ ein festlicher Abend, den die Beteiligten nie vergessen werden. Gleiches über den Film zu sagen, wäre deutlich übertrieben, aber von anderen Produktionen dieser Art hebt sich „Eine fast perfekte Bescherung“ nicht zuletzt durch einen weitgehenden Verzicht auf das obligate „Best of Christmas-Pop“ ab; stattdessen erklingt ein sympathischer Piano-Jazz (Natalie Hausmann). Am originellsten ist jedoch der improvisierte Christbaumschmuck.
Foto: ZDF / Christoph Assmann

