Gerade bei Krimis lässt sich oft erahnen, welcher Einfall die Geschichte ursprünglich ausgelöst hat. Im fertigen Film steht dieser Gedanke vielleicht gar nicht mehr im Mittelpunkt, aber er verleiht der Handlung im besten Fall eine Besonderheit, die sie von den unzähligen anderen Produktionen dieser Art unterscheidet. Alleinstellungsmerkmal von „Blutiges Moor“, der zweiten „Dünentod“-Ermittlung von Tjark Wolf (Hendrik Duryn) mit seiner neuen Kollegin Freddy Olsen (Isabel Thierauch), ist ein uralter Brauch, der die Menschen von ihren Sünden reinigen soll: Im 16. Jahrhundert ist ein Graf aus Gram über den Tod seiner Tochter, die sich wegen einer von ihm verurteilten Liebe zu einem Bauernburschen das Leben genommen hat, ins Moor gegangen. Zu diesem Zweck wandern die Mitglieder einer Dorfgemeinschaft einmal im Jahr spätabends maskiert zum nahegelegenen See und deponieren ihre Fackeln auf ein Floß. Diesmal jedoch wird der prachtvolle Anblick der durch das „Sündenfeuer“ erhellten Nacht erheblich beeinträchtigt, denn neben dem Floß schwimmt eine Leiche.
Emotionales Zentrum des von Andreas Herzog wie schon zuletzt („Die große Freiheit“) sorgfältig, aber auch unaufgeregt umgesetzten Drehbuchs (Robert Hummel, Clemens Murath) ist eine Liebesbeziehung zwischen zwei jungen Leuten (Lara Feith, Gustav Schmidt), die Züge von „Romeo und Julia“ trägt: Ihre Väter sind erbitterte Feinde. Als der eine mit einem Jagdgewehr erschossen wird, fällt der Verdacht zwangsläufig auf den anderen. Gestütbesitzer Hannes Langenbeck hat ohnehin eine Menge Wut im Bauch, die allerdings vor allem dem Bürgermeister (Marc Ben Puch) gilt, denn der hat nicht nur eine Affäre mit seiner Frau (Stephanie Japp), er verweigert ihm als Filialleiter der örtlichen Bank auch einen dringend benötigten Kredit. Davon abgesehen wird Langenbeck von Sascha Geršak verkörpert, der als Gastdarsteller im Reihenkrimi automatisch zum Kreis der Verdächtigen gehört.
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Bis hierher entspricht die Handlung inklusive eines gefälschten Bodengutachtens und einer Erpressung dem gewohnten Krimi-Geschehen, aber der Film hat eine weitere Figur zu bieten, die „Blutiges Moor“ von den üblichen Geschichten abhebt: Vor zwanzig Jahren ist das Ehepaar Knieper während der nächtlichen Heimfahrt von einem Dorffest bei der Kollision mit einem Reh ums Leben gekommen. Den Sohn hat die Tragödie damals komplett aus der Bahn geworfen, seither haust er als „Geist“ im Wald; er ist bis heute überzeugt, dass seine Eltern ermordet worden sind und die Tat vertuscht wurde. Die Aufnahme einer Tierbildkamera zur Tatzeit zeigt eine Gestalt in der typischen Maske des Sündenrituals; Knieper hat auch so eine. Unter dem Transporter, in dem er haust, findet sich zudem die Tatwaffe. Ein Motiv hätte der wunderliche Einsiedler, wie sich später zeigt, ebenfalls; aber das Gewehr gehört Langenbeck und ist dem Außenseiter ganz offenbar untergeschoben worden.
Tom Lass, selbst Regisseur und dank seines markanten Aussehens gern für besondere Rollen engagiert, versieht den Sonderling mit einer ganz speziellen Aura. Die gemeinsamen Szenen mit ihm und Hendrik Duryn gehören zu den eindrücklichsten des Films, auch wenn die erste Begegnung für Wolf recht schmerzhaft endet, als er in eine frisch ausgehobene Grube fällt. Herzog macht keine große Sache draus, deutet aber nicht zuletzt durch die gelegentlichen Begegnungen des Wilhelmshavener Kommissars mit einem Wolf an, dass auch der Polizist im Grunde ein Einzelgänger ist, selbst wenn seine Zusammenarbeit mit der neuen Partnerin immer besser funktioniert. Wie schon bei Freddys Vorgängerin beschränkt sich das Miteinander auf die berufliche Ebene; dafür knistert es umso mehr zwischen Wolf und Kneipenwirtin Conny (Julia Becker), Kniepers Schwester.
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Der Rest des Films ist größtenteils Krimialltag, zwar gut und überzeugend gespielt, aber optisch arm an Überraschungen. Das kann auch die Handlung nicht ausgleichen, selbst wenn es schließlich eine unerwartete Erklärung für den Hass des verwitweten ersten Mordopfers auf Langenbeck gibt, zumal die beiden einst beste Freunde waren. Natürlich spielt auch die Legende der verbotenen Liebe schließlich zumindest indirekt eine entscheidende Rolle, und ebenso selbstredend wird irgendwann Annette von Droste-Hülshoffs „Knabe im Moor“ zitiert: „O schaurig ist’s, übers Moor zu gehn, wenn es wimmelt vom Heiderauche, sich wie Phantome die Dünste drehn und die Ranke häkelt am Strauche.“ Gemessen daran hätte die Bildgestaltung (wie zuletzt Claire Jahn) gern etwas schauriger ausfallen dürfen.

