Wenn ich Ihnen einen Rat geben darf, sagt der freundliche Polizist: Schicken Sie Ihren Sohn auf das jüdische Gymnasium in Düsseldorf. Kurz darauf zeigt sich, dass der Mann, übrigens ein Moslem, die richtige Vorahnung hatte, als der ältere David im Zimmer des kleinen Bruders dessen angeblich im Bus vergessenen Rucksack entdeckt: Jemand hat „Jude“ draufgeschrieben und drumherum einen Davidstern gemalt.
Religion spielt im Fernsehfilmalltag so gut wie nie bloß eine beiläufige Rolle. Wenn thematisiert wird, welcher Glaubensrichtung jemand angehört, ganz gleich, ob die jeweilige Person christlich, jüdisch oder muslimisch ist, dann ist ihre Religiosität auch der Motor der Handlung. Das ist in diesem Fall zwar nicht anders, aber Momme Peters (Buch) und Ester Amrami (Buch und Regie) erzählen „Doitscha – Alles geht vorüber“ trotzdem in erster Linie als Familiendrama; schon das ist ein kleines Kunststück. Wie es ihnen jedoch gelungen ist, ihre Geschichte als Tragikomödie zu konzipieren, obwohl die Ereignisse alles andere als komisch sind: Das ist ein kleines Wunder. Voraussetzung dafür ist nicht zuletzt das preiswürdige Ensemble. Gerade Oriana Schrage, geboren in Israel, aufgewachsen größtenteils in Köln, versieht ihre Rolle mit einem sympathischen Mutterwitz, der sich aus vielen Quellen speist.
Foto: WDR / storytelle / Andreas Dobslaff
Natürlich ist der Vorfall mit der Schmiererei auf dem Rucksack ebenso wenig Anlass zu Heiterkeit wie der gedankenlose Antisemitismus, den Adriana, die Mutter der Jungs, in einer Talkshow erlebt, als sich der Moderator vermeintlich fürsorglich erkundigt, wie das für ihre Söhne sei, „halb jüdisch, halb deutsch“ zu sein. Sie kontert zwar clever, ob er denn auch halb katholisch und halb deutsch sei, aber davon abgesehen hält sie die Frage für traurig und bedenklich: Offenkundig gebe es hierzulande immer noch Menschen, die nicht kapiert hätten, dass man beides ist: deutsch und jüdisch. Trotzdem hält sie ihren Auftritt für misslungen: „Der schlimmste Tag meines Lebens.“ Tags darauf ist sie froh, sich wieder auf ihre Arbeit konzentrieren zu können, und nun folgt ein Satz, der typisch ist für den speziellen Humor des Films. „Du weißt ja“, sagt sie mit gerolltem R zu einer Kollegin: „Arbeit macht frei.“
Vorlage für das Drehbuch war der 2015 erschienene Roman „Doitscha – Eine jüdische Mutter packt aus“ (Kiepenheuer & Witsch) von Adriana Altaras; keine Autobiografie, aber doch unübersehbar biografisch geprägt. Den Charme und den Humor des Buches haben Peters und Amrami gut getroffen: Auf Adrianas Laptop verkündet ein Aufkleber „I’m not dramatic, I’m jewish“, und David stellt sarkastisch fest: „In Deutschland mögen sie nur tote Juden.“ Darüber hinaus hat das Duo die Handlung klug verdichtet und aktualisiert: David hat sich nach dem Terrorakt der Hamas im Herbst 2023 zum radikalen Zionisten entwickelt, würde am liebsten die Schule abbrechen und sich der israelischen Armee anschließen (im Buch geht er tatsächlich nach Israel). Als Adriana gebeten wird, am 9. November, dem deutschen „Schicksalstag“, eine Rede in der Frankfurter Paulskirche zu halten, sagt David, sie solle lieber über den 7. Oktober sprechen. Adriana leitet das jüdische Theater in Köln, weigert sich aber zum Unwillen der Förderer, sich auf jüdische Themen zu konzentrieren. Sie beharrt auf einem pluralistischen Spielplan und setzt sich für Vielfalt und Verständigung ein. Beispielhaft für ihre Haltung ist die Lesung eines israelischen Autors. Der Mann kommt aber gar nicht erst dazu, das Wort zu ergreifen, weil die Veranstaltung durch „Free Palestine“-Rufe gestört wird; dabei ist er ein überzeugter Gegner der israelischen Siedlungspolitik. In der Talkshow, mit der der Film beginnt, geht es natürlich auch um diese Frage: Dürfen Deutsche Israel kritisieren? Oder ist das schon Antisemitismus?
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Dieser Aspekt sorgt innerhalb der Familie ebenfalls für Spannungen, die schließlich gar in einer Ohrfeige eskalieren: weil der siebzehnjährige David, sehr eindrucksvoll von Yahli Yogev verkörpert, zunehmend seinen Vater diskriminiert. Georg (Mark Waschke) ist in seinen Augen ein typischer Deutscher, borniert und spießig; prompt kriselt es auch in der Ehe der Eltern. Für einen Ausgleich zwischen den beiden Streithähnen sorgt immer wieder Davids Patenonkel Aaron; Samuel Finzi ist nicht nur wegen seiner unverwechselbaren Fähigkeit zu feiner Ironie die perfekte Besetzung für diese Rolle. Auch Mark Wasche ist klug gewählt, weil er Georg geschickt in der Schwebe hält: Seine Motive sind nachvollziehbar, sein Verhalten auch, zumal David den „deutschen Schmock“ permanent provoziert, aber seine Reaktionen sind durchaus fragwürdig; erst recht gemessen an der Haltung, die er mit seinen T-Shirts vermittelt (Sex Pistols, The Clash, The Cure, Ramones). Für den Konkurrenzkampf zwischen Vater und Sohn, die sich natürlich viel ähnlicher sind, als David lieb ist, stehen ihre regelmäßig mit großem Ehrgeiz geführten Badminton-Spiele. Genauso wichtig für den Film wie Buch, Regie und Ensemble ist die stellenweise sehr fröhliche Musik (Can Erdogan-Sus, Beat Soler), die einigen Szenen ihre Schärfe nimmt und frei von gängigen Klezmer-Klischees für viel akustische Abwechslung sorgt.
Selbstverständlich hat „Doitscha – Alles geht vorüber“ (der Titelzusatz ist ein Zitat von Adrianas Tante) auch ein Anliegen, aber Peters und Amrami haben es harmonisch in die Handlung integriert, und natürlich ist es Aaron, der David die Botschaft mit einem Zitat aus der Mischna, einem der ältesten Zeugnisse des Judentums, auf den Lebensweg mitgibt: „Wer ist weise? Der von jedem Menschen lernt. Wer ist stark? Der seine Leidenschaft besiegt. Wer wird von den Menschen geehrt? Der die Menschen ehrt.“
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