Ein junger Wissenschaftler ist drauf und dran, die Physik zu revolutionieren, aber sein Doktorvater hält den Entwurf seiner Arbeit für „Wahrscheinlichkeitsgeschwurbel“. Als er sich in eine rätselhafte Frau verliebt, stößt er auf einen Riss zwischen den Dimensionen und entwickelt die Idee des Multiversums: Neben der unsrigen existieren offenbar noch weitere Welten, die sich von der hiesigen nur durch Nuancen unterscheiden.
Das klingt wie eine Geschichte aus dem „Marvel Cinematic Universe“, wo sich Helden wie die Avengers oder Dr. Strange ständig mit Realitätsverschiebungen herumärgern müssen, aber Timm Kröger schwebte offenkundig kein Spektakel vor. „Die Theorie von allem“ ist abgesehen von der Hochschulabschlussarbeit an der Filmakademie Baden-Württemberg sein erster Spielfilm und in der Tat ein besonderes Werk; wenn auch keins, das sich mit den gängigen Maßstäben des Science-Fiction-Genres messen lässt, wie schon die kunstvollen Schwarzweißbilder und die Musik verdeutlichen. Die betont dramatischen Kompositionen von Diego Ramos Rodríguez klingen mit ihrem Pathos und ihren Leitmotiven wie aus den Fünfzigerjahren, die vorzügliche Bildgestaltung von Roland Stuprich wirkt wie eine Hommage an Filmklassiker des deutschen Expressionismus’.
Foto: ZDF / Roland Stuprich
Optik und Akustik sind also ähnlich faszinierend wie die Grundzüge der Geschichte, aber keine der Komponenten kann kaschieren, dass der Film mit knapp zwei Stunden zu lang ist. Den vielen kammerspielartigen Szenen ist zudem anzusehen, dass Krögers Budget begrenzt war. Sein Talent ist allerdings unverkennbar, zumal Drehbuch und Umsetzung viele originelle Ideen enthalten. Die Handlung beginnt 1974 mit einer TV-Sendung, die im typisch bunten Talkshow-Stil jener Jahre gehalten ist: Studiogast Johannes P. Leinert (Jan Bülow) hat einen Roman geschrieben, der, wie er versichert, auf Tatsachen beruht. Leider glaubt ihm das niemand; auch der Moderator macht sich über den Physiker lustig.
Dann wandelt sich die Anmutung, die Bilder werden schwarzweiß, und nun erzählen Kröger und Koautor Roderick Warwich, was Leinert zwölf Jahre zuvor in den Schweizer Alpen widerfahren ist. Damals ist er gemeinsam mit seinem Doktorvater Strathen (Hanns Zischler) zu einem Physikerkongress gereist und hat all’ das erlebt, was er in seinem Buch beschrieben hat: Ein Kollege Strathens, Professor Blumberg (Gottfried Breitfuß), schwärmt euphorisch von Leinerts Ideen, ist plötzlich jedoch wie verwandelt, als habe ein Doppelgänger seine Stelle eingenommen. Dann verliebt sich der junge Mann in eine Jazz-Pianistin (Olivia Ross), die seltsamerweise Dinge von ihm weiß, die er noch niemandem anvertraut hat. Sie weist ihn zunächst brüsk zurück, liebt ihn aber anscheinend ebenfalls; trotzdem ist sie am Schluss drauf und dran, ihn zu erschießen, um das Geheimnis zu bewahren, dem er zufällig auf die Spur gekommen ist.
Foto: ZDF / Roland Stuprich
Der besondere Reiz des Films resultiert nicht zuletzt aus den Gedankengängen, die er anstößt: Bildet sich der junge Physiker seine Erlebnisse nur ein, weil er womöglich unter einer Bewusstseinsstörung leidet? Ist er gar am Ende selbst ein Doppelgänger? Viel Freude bereiten auch die verschiedenen Assoziationsmöglichkeiten. Die Geschichte erinnert von Ferne an die Verfilmungen des Science-Fiction-Klassikers „Die Körperfresser kommen“ (1954) von Jack Finney, in denen Aliens die Menschen durch Duplikate ersetzen. Die Umsetzung wiederum ist eine Verbeugung vor Arnold Fancks Bergfilmen aus den Jahren der Weimarer Republik oder vor den psychedelischen Filmexperimenten der späten Sechzigerjahre. Natürlich spielen Kröger und Warwich auch mit den Modellen der Quantenmechanik. Es ist zwar kein fundiertes Vorwissen nötig, um der Handlung zu folgen, aber es macht großen Spaß, Erwin Schrödingers 1935 entworfenes Gedankenexperiment von der Katze, die gleichzeitig tot und lebendig ist, auf den Film zu übertragen.
Ein letztes Vergnügen ist schließlich der von Dominik Graf gesprochene ausführliche Epilog, der im Konjunktiv erzählt, wie die Geschichte von Johannes weitergegangen ist, und dabei auch die historischen Ereignisse der Sechzigerjahre zusammenfasst. Spätestens jetzt zeigt sich der spielerische Ansatz, der dem Drehbuch zugrunde liegt, denn der Film ist offenbar selbst unversehens in eine alternative Zeitebene gerutscht: Auf dem Mond sind nicht die Amerikaner, sondern die Sowjets gelandet. Sehenswert ist auch die Leistung Jan Bülows, der schon als junger Udo in „Lindenberg! Mach dein Ding“ (2020) beeindruckte.

