Obwohl es ein Deutscher war, der vor gut 140 Jahren die mechanische Bildübertragung erfunden hat, gilt das Fernsehen als amerikanisches Medium, weil es in den USA zur Blüte gebracht wurde. Praktisch alle TV-Genres, die bis heute das Programm prägen, sind dort schon vor Jahrzehnten etabliert worden, darunter auch die sogenannten Medicals. Ausgerechnet dieser Begriff hat sich in der ansonsten von Anglizismen geprägten Fachsprache noch nicht durchgesetzt. Hierzulande heißen die entsprechenden Produktionen nach wie vor „Arztserie“, dabei ist mindestens die Hälfte der Hauptfiguren längst weiblich. Mit der zweiten Staffel der Serie „Die Notärztin“ haben der federführende SWR und die Polyphon ein geradezu klassisches „Medical“ nach dem Vorbild des amerikanischen Genre-Prototypen „City Hospital“ (1951) geschaffen. Konzentrierten sich die ersten Folgen auf die beruflichen Herausforderungen der Titelfigur, so wird ihr Privatleben nun mindestens gleichwertig
Natürlich ist das auch fürs hiesige Fernsehen nichts Neues, ARD-Freitagsreihen wie etwa „Die Eifelpraxis“ oder „Praxis mit Meerblick“ sind ganz ähnlich angelegt, aber eine Sendezeit nun von insgesamt fast zehn Stunden bietet ganz andere Möglichkeiten, Geschichten tiefgründig zu erzählen. Darin liegt die große Stärke der zweiten Staffel. Sehenswert ist die Serie ohnehin erneut schon allein wegen Sabrina Amali; die Schweizerin war bereits vor zwei Jahren der hauptsächliche Einschaltgrund. Das ist diesmal nicht anders, zumal die Nebenfiguren – der Aufreißer, der Dummschwätzer, das Flintenweib – zunächst wie eindimensionale Stereotype wirken. Dieser Eindruck ändert sich jedoch in den weiteren Folgen, wenn sich die Rollen vom Klischee emanzipieren und die Mitwirkenden an Format gewinnen.
Foto: ARD / SWR / Oliver Feist
Auf diese Weise kommen auch die Subthemen ins Spiel, weil sich beispielsweise Feuerwehrfrau Billy (Anna Schimrigk) als neue Staffelleiterin den Respekt der männlichen Kollegen verschaffen muss. Um den Stress zu bewältigen, bedient sie sich am Medikamentenschrank, was schließlich zu einer für alle Beteiligten unangenehmen Untersuchung führt. Tiefe erhalten die Figuren durch emotionale Momente wie jene, als Billy erkennt, dass ihre Mutter (Birge Schade) unter beginnender Demenz leidet. Der nach einer Handgreiflichkeit vorübergehend in die Leitstelle versetzte Markus (Max Hemmersdorfer), in Staffel eins noch Ninas Flirtpartner, hat gleich mehrere starke Szenen und redet unter anderem so lange auf einen lebensmüden jungen Mann ein, bis Rettung naht. Kleine, oftmals verblüffende Heiterkeiten, gern auf Kosten des überforderten Leiters (Johannes Kienast) der Wache, sorgen für Auflockerung.
Soundtrack (Episoden 1 bis 7): Cage the Elephant („Cold Cold Cold“, Vorspannlied), Billie Eilish („The Greatest“, „Everything I Wanted“), Mazzy Star („Fade Into You“), James Vincent McMorrow („If I Had A Boat“), Michael Kiwanuka („Old Little Heart“)
Wie in der ersten Staffel stehen anfangs die Einsätze der Mannheimer Feuerwehr im Mittelpunkt. Die fortlaufend erzählte Serie beginnt mit der Rettung einiger junger Leute, die sich im Drogenrausch in den Neckar verirrt haben. Ein Jogger hat einen jungen Mann aus dem Wasser gezogen und erste Hilfe geleistet; der Mann geht Nina Haddad nicht mehr aus dem Kopf. Philipp (Max Woelky), zweifacher Vater, ist frisch getrennt und will sich eigentlich nicht gleich schon wieder verlieben, doch natürlich sind die Gefühle stärker. Das erfahrene Publikum fragt sich zwar, wo bei diesem Glücksgriff der Haken ist, und in der Tat offenbart eine Begegnung Ninas mit seiner zukünftigen Ex-Frau (Katharina Nesytowa), dass er zumindest früher auch andere Seiten hatte, aber das größere Hindernis für eine glückliche Liaison scheint die physisch und vor allem psychisch kräftezehrende Arbeit der Notärztin zu sein: Wie bei allen Heldinnen solcher Geschichten hat ihre Hingabe nie Feierabend.
Foto: ARD / SWR / Oliver Feist
Die Beziehungsebene bildet den roten Faden und setzt regelmäßig einen Kontrapunkt zu den Einsätzen. Exemplarisch zeigt sich das in Folge fünf: Die Episode wechselt immer wieder vom Schauplatz eines Unfalls mit mehreren Verletzten zu einem Kindergeburtstag. Das wirkt zunächst irritierend, hat aber Methode und verdeutlicht den Kontrast, den derartige Berufe mit sich bringen: hier der Kampf ums Überleben der Schwerverletzten, dort die Ausgelassenheit der Kinder, mit denen Nina ihren freien Tag verbringt. Die Drehbücher stammen wieder von Jan Haering und Koautorin Tina Thoene. Da die zweite Staffel mehr als doppelt so lang ist wie die erste, hat das Duo Verstärkung bekommen. Das gilt auch für die Regie: Haering hat die ersten sieben Folgen inszeniert und somit die Ausrichtung vorgegeben, den Rest hat Florian Gottschick beigesteuert.
Die Umsetzung hat allerdings Schwächen, möglicherweise ist das dem Sendeplatz geschuldet: Beim Erzähltempo unterscheidet sich „Die Notärztin“ kaum von den üblichen Dienstagsserien im „Ersten“. Gerade die Einsatzfahrten wirken wie gemütliche Ausflüge, in deren Verlauf Nina mit Rettungssanitäter Paul (Paul Zichner) ihre Beziehung erörtert. Natürlich konnten die Verantwortlichen nicht ganze Straßenzüge absperren, aber andere Kamerapositionen und eine flottere Schnittfrequenz wären auch bei einem niedrigeren Budget möglich. Die elektronische Musik dudelt zumeist gleichförmig im Hintergrund, ganz gleich, ob es um Leben und Tod oder eine Führung durch die Wache geht. Und während die Arbeit von Feuerwehr und Notärztin auch dank der Fachberatung streckenweise fast dokumentarisch wirkt, sind die regelmäßigen Herzdruckmassagen viel zu schwach. Das wiederum ist verständlich: Im wahren Leben kann dabei auch mal eine Rippe brechen.

