Die Nichte des Polizisten

Laubisch, von der Groeben, Merten, Sperl, Basedow, Armbruster, Loose. Polizistin zwischen den Fronten

Foto: SWR / Leonine Studios
Foto Thomas Gehringer

Eine junge Polizistin und ihr Kollege im Streifenwagen werden von zwei maskierten Männern beschossen: „Die Nichte des Polizisten“ erzählt, was in den Monaten zuvor geschah. Der Film ist ein Thrillerdrama der Extraklasse, hart, spannend, differenziert und den aufreibenden Polizeialltag intensiv schildernd. Die junge Hauptdarstellerin Magdalena Laubisch spielt in ihrer ersten, enorm fordernden Hauptrolle groß auf. Auch ohne Realitätsbezug wäre der von Gabriela Sperl („Mitten in Deutschland: NSU“) und Benjamin Benedict produzierte Film ein Beispiel für herausragendes Fernsehen. Dem Drehbuch-Team und Regisseur Dustin Loose gelingt es aber darüber hinaus, die Hintergründe zum mutmaßlichen NSU-Mord an der Polizistin Michèle Kiesewetter im April 2007 zu einer packenden Fiktion zu verdichten, ohne in eine plumpe Verschwörungserzählung zu verfallen.

Den ersten Härtetest vermasselt die 23-jährige Rebecca Henselmann (Magdalena Laubisch). Bei einem Einsatz der Polizei-Spezialeinheit gegen gewalttätige Ultras wird ihr der Helm vom Kopf geschlagen. Eine Lücke tut sich in der Polizeikette auf, doch andere springen schnell in die Bresche, und Kollege Christoph Laurin (Max von der Groeben) hilft Rebecca, den Helm wieder zu befestigen. Die Kamera von Clemens Baumeister und die Inszenierung von Regisseur Dustin Loose zerren das Publikum förmlich mitten hinein in die Auseinandersetzung. Rebecca und ihre Kollegen verschanzen sich hinter ihren Schutzschilden, Schläge und Steine prasseln auf sie ein. Die Angreifer – „Ultras“, wie zuvor im Mannschaftsbus erklärt wurde – sind nur schemenhaft zu erkennen. Loose schildert die Ereignisse konsequent aus der Perspektive der Polizei: Man sieht aus nächster Nähe Rebeccas aufgerissene Augen, hört das Keuchen, spürt den Stress. Intensiv, hart, aber auch sinnlich und dicht an den Figuren erzählt das meisterhafte erste Filmdrittel vom Alltag der Einheit, vom anstrengenden Training, von Gruppendynamik und echtem Zusammenhalt, freilich auch von latenten Aggressionen und Männlichkeitsgebaren – und vom Willen der wenigen Frauen, sich in diesem Milieu zu behaupten. Eigentlich gehören sie ja nicht wirklich dazu: „Junge darf nicht feige sein, muss zeigen, was er kann. Stell dich hart zum Leben ein, nur dann bist du ein Mann“, putschen sich die Männer im Mannschaftswagen vor der Schlacht auf.

Die Nichte des PolizistenFoto: SWR / Leonine Studios
Rebecca meint jedes Wort des Eides, den sie als junge Polizistin schwört, ernst. Magdalena Laubisch in „Die Nichte des Polizisten“

In einer Vorblende sieht man zu Beginn, wie Rebecca und ein junger Kollege im Streifenwagen Pause machen, wie sich zwei maskierte Männer mit Pistolen in der Hand von hinten dem Wagen nähern und von beiden Seiten durch die Fenster schießen. So geschah es wirklich am 25. April 2007 in Heilbronn: Die Polizistin Michèle Kiesewetter starb, ihr Kollege Martin A. wurde lebensgefährlich verletzt. Nach jahrelangen vergeblichen Ermittlungen einschließlich peinlicher Pannen wie einer verunreinigten DNA-Probe und voreiliger Schuldzuweisungen gegen Sinti und Roma wurden die von den Opfern gestohlenen Dienstwaffen im November 2011 gefunden – neben den Leichen von Uwe Mundlos und Uwe Böhnhardt, dem Mord-Duo des Nationalsozialistischen Untergrunds (NSU), das sich in einem Wohnmobil in Eisenach das Leben genommen hatte. Ihre Komplizin Beate Zschäpe wurde 2018 zu lebenslanger Freiheitsstrafe verurteilt, unter anderem wegen der Mittäterschaft am Heilbronner Mord. Mundlos und Böhnhardt, die zuvor neun Menschen aus rassistischen Gründen getötet hatten, sollen Kiesewetter und Martin A. attackiert haben, um an deren Waffen zu kommen. Allerdings blieben Fragen offen, wurden Zweifel laut. Kiesewetter stammte wie das NSU-Trio aus Thüringen, und in ihrer Einheit gab es Kollegen mit rechtsextremer Vergangenheit. In „Die Nichte des Polizisten“ bleibt die Identität der Schützen unklar, und auch der NSU wird nicht beim Namen genannt. Aber viele Details entsprechen den realen Hintergründen der Tat und der Biographie Kiesewetters. Die Dokumentation „Warum starb Michèle Kiesewetter?“ (ARD, 08.10.2025, 21.45 Uhr) sollte darüber näheren Aufschluss geben.

Die Nichte des PolizistenFoto: SWR / Leonine Studios
„Ich hab die Angst, dass wir schon längst verloren haben.“ Rebecca (Magdalena Laubisch) und ihr Onkel Werner (Thorsten Merten)

Man könnte „Die Nichte des Polizisten“ auch als vierten Teil des preisgekrönten und ebenfalls von Gabriela Sperl produzierten Mehrteilers „Mitten in Deutschland: NSU“ aus dem Jahr 2016 bezeichnen. Wie im dritten Teil („Die Ermittler – Nur für den Dienstgebrauch“) ist Rolf Basedow (neben Nicole Armbruster und Sperl selbst) wieder der Drehbuch-Autor. Auch spielen Verbindungen zwischen Polizei und rechter Szene erneut eine wichtige Rolle, wobei der „Ermittler“-Film damals insbesondere die Verwicklung von V-Leuten des Verfassungsschutzes in die NSU-Morde stärker in den Vordergrund rückte. Knapp zehn Jahre später verbindet „Die Nichte des Polizisten“ die zeitgeschichtlichen Ereignisse mit einer packenden Studie des Polizei-Milieus – aus der Perspektive einer jungen Frau, famos und auch in den physisch herausfordernden Szenen glaubwürdig gespielt von Magdalena Laubisch. Rebecca strebt als Anwärterin ehrgeizig und entschlossen die Aufnahme in die Spezialeinheit an. Sie ist eine gute Schützin, weiß sich in der fast ausschließlich von Männern besetzten Einheit zu behaupten, auch beim feierabendlichen Saufen. Sie hat Sex mit Christoph, bleibt jedoch eine selbstbewusste, unabhängige Figur. Überraschend schnell wird sie – wie einst Kiesewetter – als verdeckte Ermittlerin gegen die Drogenszene eingesetzt. Zwischendurch fährt sie in die alte Heimat Thüringen, besucht ihren Onkel Werner Barth (Thorsten Merten), der Polizist und auch Rebeccas Vorbild und Mentor ist. Bei ihm wuchs Rebecca gemeinsam mit Anni (Sina Genschel) auf, die gerade ihre Drogenabhängigkeit überwunden zu haben scheint. Rebecca will ihre „Schwester“ Anni retten und gerät zwischen die Fronten.

Die Nichte des PolizistenFoto: SWR / Leonine Studios
Klare Physiognomie, klare Haltung auf beiden Seiten: Rebecca (Magdalena Laubisch) und Duric (Jonathan Berlin), ein Rechter

Zwar lässt nun ein wenig die Intensität nach, dafür treibt das dramaturgische Wechselspiel zwischen Thüringen und Baden-Württemberg die Handlung voran. Außerdem bleibt die Hauptfigur nicht nur auf ihre Rolle bei der Polizei reduziert und gewinnt weiter an Tiefe und Format. Rebecca hat den Aufbruch gewagt – zu dem Preis, auch in der Heimat nicht mehr wirklich dazuzugehören. Der Osten ist hier im Wesentlichen auf zwei Schauplätze reduziert: Zum einen der erstaunlich große Hof von Onkel Werner, der nach leicht schäbiger Altlast aus DDR-Zeiten ausschaut, aber wohl auch die Außenseiterrolle des thüringischen Polizisten unterstreichen soll. Zum anderen der schummrige Club, in dem sich nicht nur die Jugend zum Tanzen trifft und in dem auch mal Rechtsrock aufgelegt wird. Jonathan Berlin spielt den etwas undurchsichtigen Barkeeper, einen Ex-Freund Rebeccas. Daniel Sträßer, dem Publikum wohl vor allem als „Tatort“-Kommissar in Saarbrücken bekannt, ist der kriminelle Kopf, den Rebeccas Onkel nicht zu fassen kriegt. Der Film beschwört mit dem Einzelkämpfer Barth und dem angedeuteten Bündnis aus Rechten und Organisierter Kriminalität ein Ohnmachtsgefühl herauf. „Wir haben zu lange zugeschaut“, sagt Werner Barth, was mindestens auf die Neunziger und Nuller Jahre, die unter anderem den NSU hervorgebracht haben, zweifellos zutrifft.

Langsam sickert die diffuse Bedrohung auch in Rebeccas Alltag in Heilbronn ein, was nicht nur bei ihren verdeckten Einsätzen für gehörige Spannung sorgt. Sie erträgt klaglos die harte körperliche Ausbildung. Die Affäre mit Kollege Laurin bleibt Nebensache, sorgt aber für eine bittere Schluss-Pointe. Beängstigend überzeugend spielt Nils Strunk den Vorgesetzten, Ausbilder und fiesen Schleifer Lars Menke, dem man Verbindungen in die rechte Szene jederzeit zutraut. Das Drehbuch legt letztlich nahe, dass der Kiesewetter-Mord ein Racheakt gewesen sein könnte, vermeidet es aber, konkrete Details über Beteiligte und die Hintergründe der Tat zu behaupten. Die Fiktion bietet ein Szenario an, in dem „auch das Mögliche, Verlorene und Vergessene“ erzählt wird, wie es im Vorspann treffend heißt. Abgesehen davon, dass hier kein an den Haaren herbeigezogener Verschwörungs-Nonsens aufgetischt wird, bietet „Die Nichte des Polizisten“ einen jederzeit packenden Thriller, der den Polizeialltag in realistisch anmutender Härte erzählt, die „Pflicht zur Kameradschaft“ und Männlichkeitsattitüden kritisch reflektiert, aber Polizisten weder verteufelt noch lächerlich macht. Humor ist da weniger angesagt, höchstens in einer eher speziellen Form, etwa wenn die Einheit bei der Tortur eines Gepäcklaufs gemeinsam den von Nicole gesungenen Ralph-Siegel-Schlager „Ein bisschen Frieden“ schmettert. Der Ruf „Wir sind die letzte Bastion“ wird freilich von verschiedenen Seiten angestimmt. Das erhebende Gefühl, zu einer Gemeinschaft auserwählter Retter zu gehören, bildet die beunruhigende Schnittmenge von Polizei und rechter Szene.

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2 Antworten

  1. „der den Polizeialltag in realistisch anmutender Härte erzählt, die „Pflicht zur Kameradschaft“ und Männlichkeitsattitüden kritisch reflektiert, aber Polizisten weder verteufelt noch lächerlich macht.“
    — ich hoffe, dass das gelingt.
    Auch gerne nachhaltig.
    Die Polizei hat es verdient zwischen der Verherrlichung in der aktuellen Schwemme von Kommissarskrimis, in denen nach 90 Minuten wieder alles gut ist – und der Verachtung, die sie im echten Leben erfährt.
    Selbst wenn das hier wieder ein 90-Minüter zur Hauptsendezeit ist.

  2. Die realistische Darstellung des Polizisten-Alltags in solchen SEKs gelingt m.E. in diesem Film ganz gut und auch wie man sich körperlich konsequent als Frau in so einer Gruppe behaupten kann. Alles schön und gut und hervorragend gespielt.
    Aber das Ende/Schicksal der „Nichte des Polizisten“ wurde dadurch wohl auch nicht verhindert. Oder soll und das Ende dem Zuschauer sagen:
    Weil sie gegen den Polizei-Korpsgeist gemeutert hat, hat sie nun dieses Schicksal am Ende erfahren?
    Wenn JA: Es ist ja dann auch einfach, das Schicksal einer Polizistin auf die bösen Kriminellen zu schieben.
    Ergebnis: Wie man es macht, man macht es verkehrt.
    Das Beste ist und bleibt: Solche Kriminalitätsraten und solche kriminellen Milieus erst gar nicht entstehen bzw. ansteigen zu lassen, dann müssen Polizisten so etwas auch nicht ausbaden.

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Fernsehfilm

NDR, SWR

Mit Magdalena Laubisch, Max von der Groeben, Thorsten Merten, Sina Genschel, Nils Strunk, Daniel Sträßer, Aaron Hilmer, Johannes Zirner, Antonia Reinisch, Jonathan Berlin, Max Jellinek, Anton Noori, Nils Hausotte, Liam Noori

Kamera: Clemens Baumeister

Szenenbild: Tim Pannen

Kostüm: Silke Sommer

Schnitt: Anna Nekarda

Musik: René Dohmen

Redaktion: Sabine Holtgreve, Katharina Dufner

Produktionsfirma: Sperl Productions, W&B Television, epo-Film

Produktion: Gabriela Sperl, Benjamin Benedict

Drehbuch: Nicole Armbruster, Rolf Basedow, Gabriela Sperl

Regie: Dustin Loose

Quote: 3,23 Mio. Zuschauer (14% MA)

EA: 08.10.2025 10:00 Uhr | ARD-Mediathek

weitere EA: 08.10.2025 20:15 | ARD

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