Unter dem Pseudonym „Inga Lindström“ erzählt die Autorin Christiane Sadlo für das ZDF regelmäßig pilcherige Herz/Schmerz-Geschichten aus Schweden. Schreibt sie für die ARD-Tochter Degeto, muss auch mal der Harz genügen („Brief eines Unbekannten“). Dass ihr jüngstes Werk in Leipzig spielt, ist nicht von Belang, denn der Film besteht ohnehin größtenteils aus Innenaufnahmen. Dafür stellt er eine gesellschaftliche Konvention auf Kopf: Sein Leben lang hat Anwalt Bernhard Martin die eigenen Träume der Karriere seiner Frau untergeordnet. Gattin Sonja ist eine erfolgreiche Neurochirurgin und immer noch nicht am Ziel: Schon als junges Mädchen hat sie sich vorgestellt, eines Tages Klinikchefin zu werden.
Als sie endlich beinahe so weit ist, hat das Schicksal – drunter tun es solche Geschichten ja nicht – andere Pläne: Tochter Victoria (Ann-Cathrin Sudhoff) parkt kurzerhand ihren Nachwuchs bei Bernhard und Sonja, weil ihr Mann im fernen Kolumbien einer anderen verfallen ist. Während Bernhard inmitten der Kinderschar sichtlich das Herz aufgeht, ist Sonja zunehmend genervt: Ihre Wohnung ist alles andere als kindertauglich und hat nicht mal ein Gästezimmer, und die Kinder entpuppen sich als müslifixierte kleine Öko-Terroristen, die nichts essen, was Augen hat. Bei all dem Trubel kann sie sich unmöglich auf einen Vortrag vorbereiten, der ihr den Weg zur ersehnten Klinikleitung ebnen soll.
Eigentlich ein interessanter Ansatz – ist das Degeto-Etikett in der Regel ein untrügliches Merkmal für erzkonservative Ansichten. Dass hier mal die Dame – noch dazu eine im Oma-Alter – „Workaholic“ sein darf und die eigene Karriere rücksichtslos über die Bedürfnisse ihrer Familie stellt, ist durchaus ungewöhnlich. Und Sadlo sowie Regisseur Dirk Regel üben auch keinen Verrat an ihrer Hauptfigur: Am Ende verzichtet Sonja zwar auf die Krönung ihrer Karriere, damit sie und Bernhard Familie und Beruf unter einen Hut bekommen (sprich: unter ein Dach), aber sie mutiert noch lange nicht zur Großmutter des Jahres.
Auch wenn sich Wied am Anfang benehmen muss, als erlebe sie ihre Enkelschar zum ersten Mal im Leben leibhaftig: Die Szenen mit den Kindern sind eindeutig die schönsten, zumal das Trio prächtig mitspielt. Wenn Paula (Kimberly Colditz) Sehnsucht nach ihrem Kaninchen hat und mit unbestechlichem Blick erkennt, dass die Geschwister der Oma ohnehin bloß lästig sind, wird die Sympathie der Zielgruppe (überwiegend Großmütter, zumindest potenziell) zu Sonja auf eine harte Probe gestellt. Dafür bekommt die Ärztin unvermutet einen Draht zur heftig pubertierenden und unter Liebeskummer leidenden Clarissa (Lea Kurka, „Nirgendwo in Afrika“), in deren Augen sie zunächst eine hoffnungslose Spießerin ist. Allerdings fragt man sich die ganze Zeit, warum dieses ohne Frage wohlhabende Paar, das sich nie einigen kann, wer die Enkel von Schule und Kindergarten abholt, nicht auf die Idee kommt, eine Kinderfrau zu engagieren. Dies ist nur ein Indiz dafür, dass dieser Film mit Ingredienzien des Alltags spielt, aber doch höchst wirklichkeitsfremd daherkommt. (Text-Stand: 26.4.2007)