Die Sterne-Vergabe im Detail: „Miese Abzocke“ bekommt vier Sterne, und „Hand in Hand“ hat sich 4,5 Sterne verdient.
„Sieht doch ganz sauber aus hier?“, findet Werner Träsch (Uwe Ochsenknecht). Seine Kollegen Tarik (Aram Arami) und Matthias alias „Motte“ (Marc Oliver Schulze) können das nur bestätigen. Die Mitarbeiter des autonomen Kulturzentrums „Venceremos“ trennen sogar ihren Müll vorbildlich. Weshalb also laufend diese Beschwerden gegen die links-alternative Einrichtung? Da will sich offensichtlich jemand die lukrative Kreuzberger Immobilie unter den Nagel reißen, recherchiert Werners Tochter Annika (Laura Louisa Garde) für ihre Zeitung. Auch Werner selbst gerät in die Schusslinie der öffentlichen Meinung, als er sich und eine junge Frau im Rollstuhl gegen drei vermummte Angreifer verteidigt, die ein friedliches Grillfest im Hof des „Venceremos“ stürmen. Gegen ihn und jene Jelena (Hannah Schiller) wurde Anzeige erstattet wegen Körperverletzung, von einem der vermeintlich rechten Jugendlichen, Florian Brandner (Laurids Schürmann). Der scheint allerdings ein harmloser, politisch unauffälliger junger Mann zu sein, der nur ein einziges Hobby hat: Laufen. Drahtzieher der Randale-Aktion ist denn auch dessen Vater (Shenja Lacher), ein Anwalt der ganz harten Sorte, der nicht nur seine Gegner, sondern auch die eigene Frau (Birte Hanusrichter) und vor allem seinen Sohn terrorisiert. Gegen einen solchen brutal egomanischen, politisch bestens vernetzten Machtmenschen kommen Werner & Co nur an, wenn alle mithelfen.
Foto: Degeto / Gordon Mühle
„Hand in Hand“, der Titel von Film Nummer 13 der ARD-Freitagsreihe „Die Drei von der Müllabfuhr“, bringt nicht nur diese Episode, sondern auch alle bisherigen perfekt auf den Punkt. Gemeinschaft ist alles, Zusammenhalt und Solidarität sind lebensnotwendig in einer Metropole wie Berlin. Und nicht nur der Filmtitel trifft ins Schwarze. Dank alltagsnaher Dialoge, der stimmigen Verzahnung der (Sub-)Plots, dem moderaten Mehrwissen des Zuschauers, der flotten Inszenierung von Christiane Balthasar und einer außergewöhnlich guten Episodenbesetzung über das lieb gewonnene Stammpersonal hinaus ist „Hand in Hand“ ein Highlight dieser Reihe, die 2019 an den Start ging. Und die Themen? Die liegen im Berliner Schmelztiegel auf der Straße. Man muss sie nur aufsammeln. Die gesellschaftlich wertvolle Arbeit selbstverwalteter Sozial- und Kultureinrichtungen. Die Einsamkeit alter Menschen in der Großstadt. Der ganz normale Ärger mit den vielen anderen Berlinern. Macht und Machenschaften der Immobilienbranche. Die Probleme der unabhängigen Presse. Der Faktor Shitstorm, der öffentliche Einrichtungen wie die Berliner Müllabfuhr schon mal in die Knie zwingen kann (was zur Beurlaubung von Käpt’n Träsch führt). Aber auch politischer und psychologischer Zeitgeist fließen in die Geschichten ein. Da gibt es Boomer-Generation-Z-Scharmützel, und Familie, das sind nicht immer nur Menschen, die es gut mit einem meinen. Nicht alle haben einen Werner Träsch als Vater oder Mann, nicht alle haben den Ehrgeiz, integre Menschen zu sein.
Foto: Degeto / Gordon Mühle
Opfer Jelena und „Täter“ Florian können ein trauriges Lied davon singen. Dass diese Gemeinsamkeit zur Lösung des Konflikts beitragen wird, mag allzu märchenhaft sozialromantisch anmuten und gratifikationsdramaturgisch durchschaubar sein, ist aber – wie jede Szene mit Hannah Schiller – so fein nuanciert gespielt, dass selbst der Kritiker am Ende aufatmet vor Glück: endlich vorbei, diese Ohnmacht. Die Sympathie- und Antipathie-Werte sind in der Geschichte von Gernot Gricksch extrem hoch. Da ist Jelena, die junge Frau mit Handicap, die zwischenzeitlich in Depressionen verfällt, und da ist Anwalt Brandner, ein Monster in Menschengestalt („Geh laufen, Du Loser!“). Shenja Lacher spielt diesen Mann gnadenlos, gnadenlos gut. Anfangs steht die Figur noch unter Klischee-Verdacht. Doch so konsequent gespielt, darf so ein Buhmann schon mal sein! Und je länger man dieser kranken Vater-Sohn-Kommunikation zuschaut, umso schlüssiger wirkt dieser Kotzbrocken, der erfreulicherweise am Ende nicht dem Alles-wird-gut-Prinzip unterzogen wird. Ganz anders: Werner. Ausgerechnet der wird von seinem Chef und Freund Rüdiger (Rainer Strecker) zum Anti-Aggressionstraining verdonnert. Die Szene bei einem Psychocoach (Stefan Rudolf) ist zwar komödiantisch überhöht, doch der Mann in Orange nimmt sich die Analyse des Therapeuten zu Herzen – Stichwort: passiv-aggressiv. Werners Wunsch nach größerer Achtsamkeit, dem Verzicht auf Mikroaggressionen im Alltag, vermittelt sich zwar mit einem gewissen Augenzwinkern, spiegelt aber dessen ehrlichen Wunsch, ein besserer Mensch zu werden, ja, selbst noch jenseits der 60 etwas dazulernen zu wollen. Mag der Kritiker so etwas vor Jahren als „pädagogisch“ abgetan haben, in Zeiten zunehmender Verrohung der Umgangsformen, Wutbürger-Mentalität und sozialer Klimakrise ist so ein menschenfreundliches Gegenmodell im Unterhaltungsfilm durchaus willkommen. Umso schöner, dass das alles beiläufig in die vom Alltag getragene Handlung einfließt und sich der Held diesmal mit Gemeinplätzen zurückhält.
Foto: Degeto / Gordon Mühle
Dramaturgisch und filmisch überzeugt die zweite neue 2026er-Episode „Miese Abzocke“ nicht minder. Und auch das narrative Hauptmotiv spiegelt ein Stück soziale Wirklichkeit: Berlin erstickt im Abfall; auf den Gehwegen stapelt sich der Sperrmüll. Für die Müllwerker heißt das: Sonderschichten. Und für falsche Müllmänner ergeben sich betrügerische Möglichkeiten: Da wird beispielsweise ein älteres Ehepaar (Eva Weißborn, Jürgen Haug) perfide abgezockt – 800 Euro statt 50 Euro Abholgebühr, weil die Möbel angeblich „hochgiftiges Gefahrengut“ seien. Die moderate Krimihandlung mit entsprechender Quicktime-Überführung der Täter wird nur am Rande erzählt. Im Mittelpunkt auch dieser Episode stehen die Menschen, ihre privaten Geschichten, ihre größeren und kleineren Sorgen. So fragt sich der Sohn und später auch das betrogene Ehepaar, ob sie mit 75 Jahren noch länger ohne Hilfe in ihrem geliebten Kiez wohnen bleiben können. Und auch Werner und Gabi (Adelheid Kleineidam) werden nicht jünger: Besonders Gabi steht mit ihrem Späti kurz vor dem Burnout. Keine Arbeit hat hingegen Annika: Ihre Redaktionsstelle wurde gestrichen. Den Faktencheck macht jetzt eine KI. Der Ersatz für die klassischen Medien ist offenbar Social Media. Lisa (Katharina Hirschberg), die 18-jährige Nichte von Specki (Frank Kessler) versucht sich jedenfalls mit einem eigenen Online-Kanal.
Auch in dieser Episode werden neben dem Hauptthema „Alter und Großstadt“ quasi im Vorbeifahren Alltagsthemen aufgegriffen, kurz, beiläufig, realistisch: Zeitungssterben, Klickzahlen-Journalismus, Influencer-Unwesen, Digital Detox. Und immer passiert etwas, auch schon mal etwas Unerwartetes, das den Charakteren statt der Handlung dient: So darf beispielsweise Ex-Friseuse Gabi einer Späti-Kundin die Haare schön machen. Und dann fällt der Satz: „Ich könnte ein Buch schreiben über die Menschen im Kiez.“ Da bekommt die arbeitslose Annika große Ohren. Und der Zuschauer, der die Nöte des Stammpersonals der Reihe kennt, weiß: Alles wird gut. Apropos: gut; besonders auffällig in beiden neuen Episoden ist die Kamera von Hannes Hubach mit ihren mitunter ungewöhnlichen Einstellungsgrößen. „Miese Abzocke“, ebenfalls von Christiane Balthasar temporeich inszeniert, ist ein gelungener ARD-Freitagsfilm, allerdings nicht so emotional packend und herausragend gespielt wie „Hand in Hand“. In diesem (ersten) Film gibt es im Übrigen einen kurzen Moment, der den Kritiker besonders erfreut hat: Gabi, die in dieser Episode des Öfteren mit den Tücken der Objekte zu kämpfen hat, schafft es nicht, die Großpackung Kaffeebohnen Malheur-frei zu öffnen. „Welches Arschloch stellt diese Scheißtüten her?!“ Eine Frage, so richtig schön aus dem Leben!
Foto: Degeto / Gordon Mühle

