Für ihren ersten Spielfilm „Mein Ende. Dein Anfang.“ ist Mariko Minoguchi 2019 gleich mehrfach ausgezeichnet worden. Sieben Jahre später erzählt sie eine völlig andere Geschichte als in der kompliziert verschachtelten Beziehungstragödie, aber der Titel hätte, wie sich schließlich zeigt, auch diesmal gepasst. In Minoguchis Langfilmdebüt verliebte sich eine Frau ahnungslos in den versehentlichen Mörder ihres Mannes. „Die andere Seite“ ist dagegen ein über weite Strecken wortkarges Ein-Personen-Stück, das an der Grenze zwischen Gegenwart und Zukunft angesiedelt ist. Die Handlung wirkt wie ein sparsam inszenierter und vergleichsweise spannungsarmer „Survival-Thriller“, der sich ganz und gar auf die von Nina Hoss mit enormer Intensität verkörperte Hauptfigur konzentriert.
Foto: Trimafilm, Florian Strandl, X Verleih
Das Drehbuch ist offenkundig noch unter dem Einfluss der Corona-Pandemie entstanden; Minoguchi, in München geborene Tochter einer deutschen Mutter und eines japanischen Vaters, hat es bereits 2022 geschrieben. Der Film verzichtet auf jegliche Einführung, nicht mal der Titel wird genannt. Theoretisch könnte es sich bei der Ärztin Hanna auch um eine zivilisationsmüde Aussteigerin handeln, die zurückgezogen in einer Waldhütte lebt, doch dieser Eindruck verflüchtigt sich, als sie beim Ausnehmen eines Hasen Hundegebell hört und umgehend die Flucht ergreift. Dabei zieht sie sich eine heftige Fleischwunde am Bein zu. Abgesehen von den Schmerzenslauten, als sie die Wunde näht, ist Hanna zunächst eine stumme Rolle. Zu hören sind ohnehin erst mal nur Alltagsgeräusche. Dass mit Yu-Chun Huang auch eine Komponistin an dem Film mitgewirkt hat, lässt sich nur erahnen, ihre „Musik“ ist allenfalls so etwas wie eine Geräuschkulisse. Im Vordergrund steht die Bildgestaltung von Felix Pflieger, dessen Kamera die Hauptdarstellerin nie aus den Augen lässt und der sich später sogar mit ihr in eine sargähnliche Kiste sperren lässt.
Nach und nach offenbart Minoguchi die Vorgeschichte: Es gab eine als „Seuche“ bezeichnete Pandemie, an der offenbar viele Menschen gestorben sind, darunter auch Hannas Familie. Sie ist von der Krankheit gezeichnet und daher auf Anhieb als infizierte Person zu identifizieren. Vordergründig erzählt der Film von ihrem täglichen Kampf ums Überleben im bayerischen Alpenvorland, hintergründig sind Isolation, Ausgrenzung und Flucht die dominierenden Themen: Als Hanna einen verunglückten Skifahrer findet und Hilfe holt, verständigt der Mann von der Bergwacht umgehend die Behörden. Ihr bleibt nichts anderes übrig, als ihre Hütte zu verlassen und weiterzuziehen, andernfalls würde man sie in ein Lager deportieren; das wäre, davon ist sie überzeugt, ihr sicherer Tod.
Foto: Trimafilm, Florian Strandl, X Verleih
Als Hanna sich heimlich auf einem Hof versteckt, bietet ihr die alte Bäuerin (Barbara Petritsch) an, zu bleiben. Sie hat das Virus ebenfalls als einziges Familienmitglied überlebt und keine Angst vor einer Ansteckung, aber Hanna will weiter über die Tiroler Alpen Richtung Italien wandern. Das Land ist vermutlich wegen der höheren UV-Strahlung glimpflich davongekommen und hat sich abgeschottet. In Grenznähe haben Geflüchtete ein notdürftiges Zeltlager errichtet. Hier begegnet Hanna einer hochschwangeren Erzieherin (Precious Mariam Sanousi) aus dem Kindergarten ihres Sohnes. Das ist der Auftakt des letzten Akts, der gleichermaßen bedrückend wie zuversichtlich endet: Lila, die zurück zu ihrer Familie in Afrika will, bittet Hanna, bis zur Geburt des Babys bei ihr zu bleiben, was die Ärztin zunächst ablehnt; aber Lila kennt jemanden, der die beiden Frauen über die Grenze schmuggeln würde.
Minoguchi lässt sich viel Zeit, um die zumindest anfangs eher ereignisarme Geschichte zu erzählen. Geduldig schaut die Kamera Hanna dabei zu, wie sie die Herausforderungen des Alltags bewältigt. Gelegentliche Begegnungen, etwa der Besuch eines Freundes, der sie mit Konserven versorgt, sind seltene Höhepunkte; der Film erfordert daher eine gewisse Geduld. Umso eindrücklicher ist die Leistung von Hoss, die ihre Rolle bei allem Überlebenswillen mit viel Gleichmut versieht. Ob sie lebe oder sterbe, spiele keine Rolle, sagt sie zu der alten Frau, als die wissen will, ob sie schon mal dran gedacht habe, „es zu beenden“. Die körperlichen Strapazen wiederum brauchte Hoss vermutlich nicht zu spielen: Die Dreharbeiten fanden weitgehend unter freiem Himmel, in 2000 Metern Höhe und bei ständig wechselnden Witterungsbedingungen statt, das dürfte für alle Beteiligten eine echte physische Herausforderung gewesen sein. Umso eindrucksvoller sind die Naturaufnahmen.

