Ein Mann kommt nach Hause und stellt zu seiner grenzenlosen Verwunderung fest, dass die Gattin angeblich schon seit vielen Jahren mit einem Anderen zusammenlebt. Er erfährt, dass die Ehe vor drei Jahrzehnten geschieden worden ist. Für Kurt fühlt es sich jedoch immer noch so an wie früher, und dafür gibt es eine gleichermaßen einfache wie tragische Erklärung: Er hat Alzheimer. Was gestern war, weiß er nicht mehr, aber an seiner Liebe zu Hanne besteht kein Zweifel. In ihrem Leben spielt er hingegen schon lange keine Rolle mehr, zumal er sie damals zutiefst verletzt hat.
Foto: Maverick / BR / Filmwelt
Kurt trägt ein Armband mit der Telefonnummer seiner Tochter, und damit wäre die Sache eigentlich erledigt, aber Samira ist gerade beruflich unterwegs und hat ihren Vater deshalb zur Kurzpflege in einem Heim untergebracht; dort ist er ausgebüxt und aus alter Gewohnheit in sein früheres Zuhause in der Nähe von München zurückgekehrt. Weil er nicht zum ersten Mal abgehauen ist und die Einrichtung ihn nicht gegen seinen Willen festhalten kann, haben Kunstlehrerin Hanne (Dagmar Manzel) und ihr zweiter Mann Bernd (August Zirner) nun ein Problem: Ein Platz in einem Pflegeheim lässt sich auf die Schnelle nicht finden. Für den pensionierten Pfarrer ist es ein selbstverständlicher Akt der Nächstenliebe, sich um Kurt (Harald Krassnitzer) zu kümmern, bis Samira zurückkehrt. Als sich herausstellt, dass die Tochter mit der Dreifachbelastung Kind, Beruf und Vater völlig überfordert ist, nimmt das Ehepaar Kurt zu sich. Der WG-Alltag gestaltet sich allerdings schwieriger als erwartet, und das nicht nur, weil sich der im Gästezimmer untergebrachte Kurt Nacht für Nacht in der Besucherritze des Ehebetts einfindet.
Das klingt erst mal komisch, und in der Tat hat das Drehbuch von Tünde Sautier und Regisseur Welf Reinhart einige zum Teil verblüffend witzige Momente zu bieten, aber streckenweise wirkt „Der verlorene Mann“ auch dank der stillen Bildgestaltung fast dokumentarisch: Die zumeist starre Kamera (Micky Graeter) beschränkt sich darauf zu beobachten, was sich zwischen den drei Personen entwickelt. Reinhart, 2022 für seinen Kurzfilm „Eigenheim“ mit dem „Studenten-Oscar“ ausgezeichnet, hat für seinen ersten Langfilm bei der Deutschen Alzheimer-Gesellschaft eine Ausbildung zum Demenzbegleiter absolviert, um die Geschichte so realitätsnah wie möglich erzählen zu können. Die Heimszenen sind in authentischen Einrichtungen entstanden, die Mitwirkenden haben einen „Demenz-Workshop“ besucht. Herausragend sind alle drei, aber gerade Krassnitzers Leistung ist überaus berührend, zumal er Kurts seelischen Zustand körpersprachlich nach außen kehrt.
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Die sparsam eingesetzte Musik (Pablo Jókay) sorgt zudem für eine gewisse Grundmelancholie. Eine wichtige Rolle spielt dabei der Klassiker „Der Traum ist aus“ (1972) von Ton Steine Scherben. Erst erklingt das Lied im Autoradio, später probiert Bernd eine Variation am Klavier. Manzel, Zirner und Krassnitzer sind zwar im Grunde zu jung, um als „Alt-68er“ durchzugehen, aber das Lied ebnet gewissermaßen den Weg zu der Ménage à trois, auf die sich das Trio schließlich einigt: Kurt lässt sich überzeugen, dass Hanne und er ganz im Sinn ihrer einstigen Sturm-und-Drang-Jahre eine offene Ehe führen und Bernd der Geliebte ist. Tags drauf hat er das allerdings wieder vergessen.
Schön anzuschauende winterliche Impressionen mit Landschaften im Nebel geben dem Film eine Art skandinavischen Look, aber ansonsten konzentriert sich das episodisch konzipierte Drama auf die Dreiecksbeziehung. Die Handlung ist vergleichsweise arm an Ereignissen, auch wenn Kurt das eine oder andere Mal ausrastet; im Großen und Ganzen ist er jedoch harmlos. Mehrmals sagt er rätselhafte Sätze wie „Ich bin der Wald“ oder „Ich bin dein Wald“. Dazu passt, dass er Hanne nicht nur beim Spaziergang immer wieder mal Blätter oder einen Fichtenzapfen zusteckt. Für Reinhart ist „Der verlorene Mann“ ohnehin kein Demenzdrama, sondern ein Liebesfilm. Tatsächlich erweist sich die Anwesenheit des Mitbewohners in dem geräumigen ehemaligen Bauernhof keineswegs nur als Last: Mal treibt das Trio Unfug in der Alten Pinakothek, mal liefern sich die drei eine ausgelassene Schneeballschlacht. Hanne entwickelt eine neue künstlerische Kreativität, die schließlich sogar in eine Ausstellung mündet. Bernd fühlt sich jedoch mehr und mehr als Randfigur, weshalb ein gemeinsamer Ausflug ans Meer, als sie Hand in Hand über den Strand laufen, eine freundliche Utopie bleibt.

