Im Herbst 1943, der Krieg an der Ostfront ist nach der Schlacht von Stalingrad verloren, soll ein Panzer hinter die feindlichen Linien vorstoßen und einen Offizier retten. Der Oberst hat die Pläne für den deutschen Rückzug entworfen, er darf den Russen auf keinen Fall in die Hände fallen. Für den Panzerkommandanten Philip Gerkens hat die Mission auch einen persönlichen Aspekt: Paul von Hardenburg ist nicht nur sein Freund, sondern auch Pate seines Sohnes. Aber „Operation Labyrinth“ ist ein Himmelfahrtskommando.
Foto: Amazon MGM Studios
Schlicht „Der Tiger“ hat Regisseur Dennis Gansel (Co-Autor: Colin Teevan) seinen Film genannt. In der Tat ist der Panzer ähnlich wie einst U 96 in Wolfgang Petersens Weltkriegsklassiker „Das Boot“ (1981) ein weiterer Hauptdarsteller; und natürlich bewegen sich die Verantwortlichen mit einem derartigen Stoff ähnlich wie die Panzerbesatzung auf vermintem Gelände. Vorsorglich hat Amazon in ersten Ankündigungen klargestellt, dass es sich um ein „Antikriegsdrama“ handele: „Der Tiger“ sei eine tiefgreifende Erzählung über Orientierungslosigkeit und psychischen Verfall. Es wäre in der Tat nicht vermessen, den Film gerade mit Wissen um den Schluss in die Nähe von Edward Bergers dutzendfach ausgezeichnete und schließlich mit mehreren „Oscars“ gekrönte Neuverfilmung von „Im Westen nichts Neues“ (2022) zu rücken.
Zunächst wirkt Gansels Inszenierung jedoch wie eine allerdings anspruchsvolle Variation jener Kriegsabenteuer, wie sie gerade in den Sechzigerjahren gern produziert worden sind: Ein verschworener Haufen wächst in einer unmöglichen Mission über sich hinaus und übersteht auch gefährlichste Situationen („Die Kanonen von Navarone“, „Stoßtrupp Gold“, „Agenten sterben einsam“); aber mindestens einer bleibt auf der Strecke. An diesem Erzählschema orientiert sich auch „Der Tiger“. Die Zusammensetzung der Besatzung entspricht dem Muster typischer „Landser“-Geschichten: Es gibt den „Pimpf“, den die anderen rau, aber herzlich unter ihre Fittiche nehmen, der Akademiker trägt eine Brille, der Panzerfahrer war vor dem Krieg Lokführer und spricht Berliner Dialekt, der Österreicher ist eigentlich Winzer und lädt den Leutnant zur Weinprobe nach dem Krieg ein. Strahlende Helden sind sie alle nicht, auch nicht Gerkens (David Schütter), der angesichts eines Fotos von Frau und Kind immer wieder ins Grübeln kommt.
Foto: Amazon MGM Studios
Gansel war zuletzt unter anderem an der Sky-Serie „Das Boot“ beteiligt; für seinen RAF-Thriller „Das Phantom“ (2000) gab’s den Grimme-Preis, für das Schuldrama „Die Welle“ (2008) über die erschreckenden Folgen eines Sozialexperiments den Deutschen Filmpreis. Mit der Zeit des Zweiten Weltkriegs hat er sich bereits in „Napola – Elite für den Führer“ (2004, Bayerischer Filmpreis) beschäftigt. Der Film hat damals stark polarisiert. Unter anderem wurde Gansel vorgeworfen, er bediene diverse Klischees, distanziere sich nicht deutlich genug von den Ausbildungsmodalitäten der Eliteschule und habe letztlich einen Unterhaltungsfilm gedreht. Das ließe sich auch über „Der Tiger“ sagen, zumal das Drehbuch über weite Strecken aus lebensgefährlichen und packend inszenierten Herausforderungen besteht. Natürlich gerät der Panzer immer wieder unter Beschuss, und einmal riskiert der Pimpf sein Leben, um eine Mine zu entschärfen. In der spannendsten Szene durchquert das Gefährt einen Fluss, um seinen Verfolgern zu entkommen. Der Panzer ist zwar auch für Unterwasserfahrten gebaut, aber bei der Flucht aus Stalingrad, mit der der knapp zweistündige Film beginnt, stark beschädigt worden, sodass fraglich ist, ob er dem Druck standhält.
Jenseits solch’ vordergründiger Spannungsmomente kreisen die Gespräche immer wieder um ein Thema: Sollen Soldaten Befehle folgen, die sie selbst für sinnlos halten? Gerade Gerkens beruft sich mehrfach auf den sogenannten Befehlsnotstand. Auf welch’ schrecklichen Anlass er sich dabei bezieht, offenbart Gansel erst ganz am Schluss. Schon im Verlauf ihrer Fahrt, die schließlich tatsächlich zu einer Reise ins Herz der Finsternis wird, wie Amazon in Anspielung auf „Apocalypse Now“ (1979) von Francis Ford Coppola wirbt, hat die Besatzung miterlebt, wie ein Trupp im Rahmen des „Vernichtungskriegs“ auf denkbar grausige Weise ein ganzes Dorf ausgelöscht hat. Und so bleibt nach dem schockierenden Ende, als der Oberst – „Wir ernten, was wir säen“ – den Freund in einer fast mythologisch anmutenden Schlussszene mit der furchtbaren Wahrheit konfrontiert, die zeitlos aktuelle Frage: Was bleibt vom Menschen, wenn er alle moralischen Ansprüche fahren lässt?

