Der Irland-Krimi – Du gehörst mir

Désirée Nosbusch, Declan Conlon, Katrin Bühlig, Matthias Tiefenbacher. Auf die harte Tour

Foto: Degeto / good friends / Bernard Walsh
Foto Tilmann P. Gangloff

Der zweite neue „Irland-Krimi“ mit Désirée Nosbusch als Psychologin, „Du gehörst mir“ (Degeto / Good Friends), erzählt im Grunde die gleiche Geschichte wie der erste („Die Tote am Fluss“), diesmal jedoch als durchgehend fesselnder Thriller verpackt und mit Blick auf den Mann: Erneut hat ein Kerl nicht verwunden, dass sich seine Frau von ihm getrennt hat. Als er sie entführt, kommt es schließlich zur Geiselnahme in einem Pub auf dem Land.

Narzissen sind als Frühlingsboten allseits beliebt. Für ihren Namensvetter, den Narzissten, gilt das exakte Gegenteil. Dabei ist das antike Vorbild im Grunde eine tragische Figur: Narziss starb an unerfüllbarer Selbstliebe und mit gebrochenem Herzen. Im Krimi wird die narzisstische Persönlichkeitsstörung dagegen zumeist auf ein gekränktes Ego reduziert: Ein Mann gerät in Rage, weil er verlassen worden ist. „Du gehörst mir“, der zweite neue „Irland-Krimi“, erzählt daher eine ganz ähnliche Geschichte wie eine Woche zuvor „Die Tote am Fluss“. Auch dort ging es um Männer, die nicht in der Lage sind, eine Zurückweisung zu verkraften. Während Markus Buschs Drehbuch die weibliche Perspektive betonte, ist in Katrin Bühligs Geschichte der Mann die treibende Kraft.

Die Handlung beginnt mit einer Entführung: Ronan Doyle (Barry John Kinsella) ist vor wenigen Monaten von seiner Frau verlassen worden. Weil Filmnarzissten grundsätzlich unter Realitätsverzerrungen leiden, ist er überzeugt, dass Grace (Lucianne McEvoy) ihn wieder lieben wird, wenn sie ein paar romantische Tage in einem Hotel verbringen; also zwingt er sie in sein Auto. Die beiden werden das Ziel der Reise jedoch nie erreichen: Die Fahrt endet im Straßengraben. In der Nähe des Unfallorts ist ein Pub, dort kehren sie ein. Als Grace aufs Klo muss und eine Frau den Wirt herbeiruft, weil Doyle die Damentoilette nicht verlassen will, kommt es zu einem Handgemenge. Der erste Schuss ließe sich wohlwollend als Versehen im Eifer des Gefechts erklären, der zweite kommt einer Hinrichtung gleich. Der Film ist gerade mal 15 Minuten alt, trotzdem beginnt bereits das Finale; es wird 75 Minuten dauern.

Der Irland-Krimi – Du gehörst mirFoto: Degeto / good friends / Bernard Walsh
Thriller meets Psycho-Drama. Ronan Doyle (Barry John Kinsella) hat seine Frau Grace (Lucianne McEvoy) als Geisel genommen.

Fortan entspricht „Du gehörst mir“ dem erwartbaren Thriller-Muster: Doyle nimmt die Kneipengäste als Geiseln, kurz drauf trifft die Garda ein; eine klassische Pattsituation. In weiser Voraussicht hat Superintendent Kelly (Declan Conlon) seine Ex-Kollegin und gute Freundin Cathrin Blake (Désirée Nosbusch) mitgebracht, die nun gewissermaßen an zwei Fronten kämpfen muss: Alsbald zeigt sich, dass der polizeiliche Verhandlungsführer ein mindestens ebenso großes Ego besitzt wie Doyle. Für Cathrins Gesprächstrategie, Doyle mit Lob und Bewunderung zu umschmeicheln, hat Daniel McCurren nur Verachtung übrig. Er setzt auf Konfrontation und will den Geiselnehmer auf die harte Tour knacken, was selbstverständlich nicht funktioniert.

Dank einer durch den Lüftungsschlitz geschobenen Minikamera samt Mikro kriegt die Polizei mit, was sich in der Wirtschaft tut. Fortan wechselt die Perspektive ständig zwischen drinnen und draußen. Im Pub spitzen sich die Dinge angesichts der aussichtslosen Lage immer weiter zu, zumal sich Doyle zu diversen Scharmützeln mit einzelnen Gästen hinreißen lässt. Der eigentliche Reiz des Films liegt aber in der Auseinandersetzung zwischen der Psychologin und dem erfahrenen Spezialisten für Geiselnahmen. Richard Clements verkörpert diesen Mann mit kaugummikauender Breitbeinigkeit wie eine Hollywood-Figur. Das ist zwar ein probates Mittel, um den Kontrast zur empathischen Cathrin zu unterstreichen, und in sich ist die Figur trotz dieser Überhöhung durchaus schlüssig, nicht jedoch innerhalb der Rahmenbedingungen: McCurren hat einen ausgezeichneten Ruf und lehrt sogar an der Polizeiakademie, was angesichts seines polternden Verhaltens sowie des offenkundigen Mangels an Einfühlungsvermögen und psychologischen Grundkenntnissen einigermaßen unglaubwürdig wirkt. Dramaturgisch ist es hingegen äußerst wirkungsvoll, dass Cathrin erst mal das übersteigerte Ego an ihrer Seite überwinden muss, um sich endlich mit der eigentlichen Herausforderung befassen zu können.

Der Irland-Krimi – Du gehörst mirFoto: Degeto / good friends / Bernard Walsh
Cathrin (Nosbusch) erkennt, dass Ronans großspurige Dominanz leere Fassade ist, hinter der sich ein unsicherer Mann verbirgt.

Angesichts der Gemengelage ist Matthias Tiefenbachers siebter „Irland-Krimi“, bei dem diesmal auch die Synchronisation wie aus einem Guss klingt, deutlich fesselnder als „Die Tote am Fluss“, zumal die Handlung weitgehend für sich spricht; es gibt daher deutlich weniger Erklärungsbedarf beim dortigen Femizid-Hintergrund. Dennoch sind die psychologischen Beweggründe auch hier interessant: Doyle hat die Trennung als ultimative Kränkung empfunden. Misogynie mag bei seinem Verhalten ebenfalls eine Rolle spielen, aber Cathrin ahnt, dass die Mutter (Marion O’Dwyer), die schließlich ebenfalls am Ort des Geschehens eintrifft, bei der Entwicklung ihres Sohnes zum Narzissten eine entscheidende Rolle gespielt hat. Die ganze düstere Wahrheit hat sich Bühlig jedoch für den Schluss aufgespart. Das Finale steigert die Dramatik ohnehin noch mal.

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1 Antwort

  1. Handwerklich gut gemacht, wie die ganze Serie.

    Allerdings ist für mich als Zuseher die gut-böse Qualifizierung in derartigen Krimis inzwischen etwas fragwürdig geworden. Mit etwas Lebenserfahrung man man zur Erkenntnis gekommen sein, dass die Grenze zwischen gut und böse, zwischen normal und psychisch gestört doch nicht immer so einfach und linear verläuft, wie es Filme oder Serien gerne suggerieren wollen. So gut wie jeder Mensch kann in emotionalen, mentalen, psychischen Ausnahmesituationen, auf die er nicht vorbereitet ist, irrational und gestört reagieren und agieren. Oder andersrum, die „Monster“ hat so gut wie jeder in sich, ob sie jemals in Erscheinung treten, hängt von den Umständen ab. Ebenso rechnet wohl auch keine Frau damit, Opfer eines Femizids oder von beziehungsinterner Misshandlung zu werden, wenn sie sich in jemanden verliebt, oder ein Mann damit, dass ihn die Frau, die er liebt, wobei die Frage offen bleibt, was er unter Liebe versteht und was nicht, zutiefst verletzen könnte und sei es „nur“ durch ihr Fremdgehen. Nicht zu vergessen, diverse, erziehungsbedingte Programmierungen, Muster und Prägungen.

    Kein Trauschein oder Ehevertrag oder was auch immer sonst schützt vor emotionalen Lawinen im eigenen Inneren und wer glaubt, das eigene Gegenüber wirklich zu kennen, mag früher oder später im wahrsten Sinne des Wortes sein „blaues Wunder“ oder noch mehr zu erleben.

    Bleibt also vielleicht eher die Frage offen, warum suchen sich Menschen die falschen Partner aus, was ja bereits die Scheidungsquoten besten belegen, oder gibt es so etwas wie eine unbewusste, aber äußerst mächtige Tendenz dazu, sich selbst in private Katatstrophen freiwillig hineinzumanövrieren, vielleicht sogar wegen dem „Kick“?

    Jedenfalls ist das alles wohl kaum Hauptabendprogramm-kompatibel, weil viel zu komplex, also bleibt es wieder nur bei einem psychisch gestörten Täter und seinen armen Opfern. Ist halt einfacher so. Aber halt leider trotzdem nur Unterhaltung, die mit der tatsächlichen, potenziell möglichen Realität wenig zu tun hat.

    Aber immerhin, als „Fantasy“-Krimi besser gemacht als so maches andere, mir trotzdem zu trivial…

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Reihe

ARD Degeto

Mit Désirée Nosbusch, Declan Conlon, Róisín O’Donovan, Barry John Kinsella, Richard Clements, Lucianne McEvoy, Marion O’Dwyer

Kamera: Hanno Lentz

Szenenbild: Eleanor Wood

Kostüm: Louise Stanton

Schnitt: Horst Reiter

Musik: Warner Poland, Wolfgang Glum

Soundtrack: Sinéad O’Connor („Nothing Compares 2 U“)

Redaktion: Katja Kirchen, Christoph Pellander

Produktionsfirma: good friends Filmproduktion

Produktion: Moritz von der Groeben, Nikola Bock

Drehbuch: Katrin Bühlig

Regie: Matthias Tiefenbacher

Quote: 4,73 Mio. Zuschauer (21,5% MA)

EA: 06.04.2026 10:00 Uhr | ARD-Mediathek

weitere EA: 16.04.2026 20:15 Uhr | ARD

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