Die gelbroten Farben des Titels versprechen ein Abenteuer. Der Vorspann lässt erahnen, dass ein Aufzug eine wichtige Rolle spielen wird, und die Handlung entwickelt sich zu einem Kinderkrimi im Stil von „Emil und die Detektive“. Tatsächlich ist „Das geheime Stockwerk“ jedoch viel mehr als das: Es gelingt dem Film auf außerordentlich fesselnde Weise, einem jungen Publikum die Geschichte des „Dritten Reichs“ zu vermitteln. Schon der erzählerische Rahmen ist höchst originell: Die Eltern des zwölfjährigen Karli haben ein dringend renovierungsbedürftiges ehemaliges Grand Hotel in den österreichischen Alpen übernommen. Dem Jungen missfällt das alles, zumal das Haus noch keinen Internet-Anschluss hat. Als der Fahrstuhl stecken bleibt, drückt er wütend auf alle Knöpfe und tritt gegen die Wand der Kabine. Zum Glück setzt sich der Aufzug wieder in Bewegung, aber als sich die Türen öffnen, traut Karli seinen Augen nicht. Das Stockwerk, in dem er landet, ist von mondäner Pracht, die Menschen sind merkwürdig gekleidet. Angesichts der Hakenkreuzwimpel dämmert ihm eine unglaubliche Wahrheit, die sich bestätigt, als er eine Ausgabe der NS-Zeitung „Der Stürmer“ findet. „Ein Volk, ein Reich, ein Führer“ lautet die Schlagzeile: Er ist im Jahr 1938 gelandet.
Foto: Farbfilm
Das ist jedoch bloß der Auftakt zu einem Film, der keineswegs nur Kinder anspricht, zumal Silas John und Annika Benzin, die beiden wichtigsten jungen Mitwirkenden, ihre Sache ganz famos machen, obwohl sie für „Das geheime Stockwerk“ zum ersten Mal vor der Kamera standen. Karli freundet sich mit der etwa gleichaltrigen Hannah aus Berlin an. Die glaubt ihm zwar nicht, dass er aus der Zukunft kommt, ist aber dankbar für die Abwechslung. Zunächst ist das Aufeinandertreffen noch witzig: Sie wäre gern beeindruckt von seinem Smartphone, das in ihren Worten „Fernsprecher, Fotoapparat und Grammophon“ in einem ist, doch das Gerät funktioniert in der Vergangenheit nicht; dass die Musik aus einer Wolke („Cloud“) kommt, hält sie ohnehin für absurd. Der heitere Tonfall des Films ändert sich, als Karli mehr über Hannah erfährt. Ihr Vater (Oliver Rosskopf) ist Journalist, aber seine Zeitung wurde eingestellt und er selbst „grün und blau geschlagen: Er ist Jude. Als Repräsentant des Regimes dient der von Max Simonischek konsequent als Herrenmensch verkörperte Hotelgast Otto Hartwig, der sich im Frühstücksraum über das „Judenpack“ mokiert und den Barpianisten zwingt, das Horst-Wessel-Lied zu spielen. Prompt recken die Gäste wie auf Knopfdruck den rechten Arm in die Höhe.
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Bei Produktionen für Kinder gibt es eine Faustregel: Die Kernzielgruppe ist allenfalls so alt wie die Hauptfiguren, eher aber ein bisschen jünger. Das junge Kinopublikum weiß natürlich nicht, dass es sich bei dem Lied um die Parteihymne der NSDAP handelt, und es wird auch einige andere Signale nicht verstehen, die für Erwachsene offenkundig sind. Deshalb konfrontiert das Drehbuch Karli und Hannah mit einem Antagonisten auf Augenhöhe. Hartwigs Sohn Heinrich ist der perfekte Nachwuchs-Nazi und lässt das jüdische Mädchen nicht aus den Augen, weshalb es fortan zu einer doppelten Observierung kommt: Als der Hoteldirektor (André Jung) zufällig im Kasten des kleinen Schuhputzers Georg Schmuck und sehr viel Geld entdeckt, steht der Junge im Verdacht, die Gäste beklaut zu haben. Die beiden Kinder glauben jedoch, dass in Wirklichkeit Klavierspieler Bruno (Tobias Resch) der Dieb ist. Um ihn auf frischer Tat zu erwischen, stellen sie ihm eine Falle, in die am Ende Heinrich tappt.
Auf diese Weise erzeugen Antonia Rothe-Liermann und Katrin Milhahn gleich mehrere Spannungsebenen: Zwischendurch kehrt Karli in seine eigene Welt zurück, um von seiner Mutter mehr über das „Dritte Reich“ zu erfahren. Sie zeigt ihm ein entsprechendes Video. Im nächsten Film würde es um Auschwitz gehen. Mit dem Holocaust will sie ihren Sohn lieber nicht konfrontieren, aber Karli ahnt, dass Hannah und ihr Vater in größter Gefahr schweben. Wie es den Autorinnen und Regisseur Norbert Lechner gelungen ist, eine Botschaft zu vermitteln, ohne die Handlung auch nur eine Sekunde lang didaktisch wirken zu lassen, ist aller Ehren wert. Der Film wirkt zudem für eine Produktion dieser Art vergleichsweise aufwändig und ist auch hinsichtlich Kostümbild und Ausstattung sehenswert. Lechners Kinder- und Jugendfilme, zuletzt das deutsch-deutsche Teenager-Liebesdrama „Zwischen uns die Mauer“ (2019), sind vielfach ausgezeichnet worden. Auch für „Das geheime Stockwerk“ gab’s bereits diverse Preise, darunter den begehrten „Golden Spatz“.

