Yascha (Linus Schütz) sehnt sich mal wieder nach einem Partner. Dummerweise vermasselt er jedes Date. Holger (Robert Stadlober) und Mirko (Jochen Schropp), seine besten Freunde, beide Floristen und ein auf den ersten Blick sehr glückliches Paar, sind mit guten Ratschlägen zur Stelle: nicht so ernsthaft & verkopft und auf keinen Fall selbst zu viel reden. Als der studierte Forstwirt, der im Ministerium arbeitet, eine Vertretungsstelle im Freisinger Wald übernimmt, lernt er durch Zufall den Fotografen Mats (Aaron Friesz) kennen. Yascha ist hin und weg von ihm, seiner lockeren und zugleich emotionalen, verbindlichen Art. Die Sympathie beruht auf Gegenseitigkeit. Und beide lieben die Natur, besonders den Wald. Das Ganze hat nur einen Haken: Bei Yaschas Chefin (Henriette Richter-Röhl) steht ein Nationalpark auf der politischen Agenda. Dafür benötigt man noch einen Privatwald, der sich in jenem Forstrevier befindet, in dem der Schockverliebte den Ersatz-Förster gibt. Und Mats ist der Erbe dieser 22 Hektar Wald. Yascha ist neben seiner Arbeit im Forst auch auf ihn angesetzt worden, um ihm den Wald abzuluchsen. Ausgerechnet jetzt erinnert sich Yascha an die Dating-Tipps seiner Freunde – und sagt: nichts! Stattdessen verstrickt er sich in immer mehr Lügen, je näher ihm Mats kommt, umso verzweifelter.
Soundtrack: Max McNown („Love Me Back“, „Same Questions“), Billie Eilish („When the Party’s Over“), The Cure („Friday I’m in Love“)
Foto: ZDF / Susanne Bernhard
Es ist das Ur-Muster vieler romantischer Komödien: Da sind zwei füreinander bestimmt, doch die Verhältnisse und/oder die Mentalität einer der beiden stehen dem Liebesglück im Weg. Die Folge: Lügen, Rollenkollisionen, emotionaler Ausnahmezustand, gerade noch glücklich, schon wieder allein. Auch in „Baumgeflüster“ ist der Lügner ein Guter, ja, Haupt-Sympathie-Figur, gefangen zwischen Loyalitätskonflikt und Liebe. Die genreüblichen Beichtversuche bestätigen seine Integrität, doch zugleich ist er eben auch ein Feigling. Ohne diesen Wesenszug wäre der Konflikt schnell gelöst und der Hauptplot reif fürs Happy End. Neben diesen narrativen Standards, ohne die Romantic Comedys schwerlich auskommen (sonst wären es Kurzfilme, die den ZuschauerInnen wenig zum Mitfühlen mitgeben würden), weiß der Film von Dirk Kummer nach dem Drehbuch von Claudia Matschulla und Arnd Mayer durch eine Vielzahl launiger Szenen und origineller Zutaten zu gefallen, und Nebenplots runden die schwule Romanze ab.
Da ist Yaschas Mutter Pari (Inka Friedrich), die im Forsthaus überraschend auftaucht und zunächst partout mit ihm dessen Kindheit aufarbeiten möchte, bevor sie den Forstarbeiter Harry (Thomas Loibl) von brummig auf freundlich umpolt. Und der liebesleidende Holger steht bald nicht nur sprichwörtlich im Wald, macht nicht ohne Grund auf Drama-Queen und weil auch er ein Feigling ist, muss Yascha in der Beziehung zu Mirko ein Machtwort sprechen. Auch andere Nebenfiguren wie Leonie (Laila Padotzke), Vertreterin der Generation Praktikum, oder Yaschas Chefin, eine attraktive Politmarionette, beleben das Szenario. Hinzu kommen kleine, amüsante Episoden mit Wigald Boning als Baumumarmer oder mit Sidonie von Krosigk, die vergebens versucht, mit Yascha zu flirten („Sie haben eine tolle Stimme“), und es gibt eine Reminiszenz an die 1960er Jahre mit Hansi Kraus, damals der „Lümmel von der ersten Bank“. Und überhaupt, die Besetzung ist verblüffend. Zwar ist Yascha-Darsteller Linus Schütz ein weitgehend unbeschriebenes Blatt, und selbst der viel beschäftigte Aaron Friesz als Mats dürfte nur wenigen ZuschauerInnen bekannt sein. Dafür sind Robert Stadlober, Inka Friedrich, Thomas Loibl, Henriette Richter-Röhl und Jochen Schropp – in tragenden und kleineren Nebenrollen – umso prominenter.
Foto: ZDF / Susanne Bernhard
Bedenkt man, dass der Film auf dem „Herzkino“-Sendeplatz läuft, weiß man ihn umso mehr zu schätzen. Da ist gleich der flotte, komödiantische Einstieg mit den verpatzten Dates im Schnelldurchlauf, die in Windeseile so einiges über die Hauptfigur aussagen. Die Dialoge im Film sind präzise und weitgehend knapp. Die Szenen enden weder überpointiert noch werden sie zu lang ausgespielt. So entsteht ein guter Flow ohne Redundanzen. Und auch auf den inflationären Einsatz von Drohnenflügen, besonders beliebt in Filmen mit viel Landschaft, wird in „Baumgeflüster“ verzichtet. Die Figuren sind das Zentrum der Geschichte. Und der Wald dient weniger als touristisch-romantisches Augenfutter, vielmehr gehört er zur Leidenschaft des ungleichen Paars: Schön, dass das, was die beiden emotional verbindet, aber zwischenzeitlich zum Konfliktherd wird, ständig im Bild anwesend ist. Regisseur Dirk Kummer legt ohnehin großen Wert auf Sinnlichkeit. Stets korrespondiert die Nähe zwischen den Männern mit der Natur. Und gern wird das Ganze komisch ausgespielt. Als Yascha droht aufzufliegen, muss er sich im Dickicht seines Förster-Outfits entledigen. Sekunden später schwimmen und tollen er und Mats im See, bevor sie auf einem Holzsteg sonnenbaden – und reden. Ein (textilarmes) Zufalls-Date im Wald.
Was die sexuelle Sinnlichkeit betrifft, hält sich der Film zurück. Da ist die Rede von „Kuschelfaktor 11“, und so richtig Bescheid über den Stand der körperlichen Liebe wissen die ZuschauerInnen erst, als Yaschas Bildschirmschoner die beiden in einer Am-Morgen-danach-Pose zeigt. Eine clevere Idee – und nicht unbedingt ein Zeichen für mangelnden Wagemut, wie man unterstellen könnte. Möglicherweise hätte eine ausgespielte erotische Szene mit zu viel Gefühl nicht zum lockeren Umgangston und der heiteren Tonlage des Films gepasst. Selbst Yaschas Liebesleid-Phase ist ja kein klassisches Trauer-Spiel, dafür sorgt schon allein Mats Dackel Gustl, der bei Yascha ein neues Zuhause gefunden hat und eine Art Faustpfand für das Glück der beiden Männer darstellt. Absolut komödiantisch wird die Leidensphase von Yaschas Freund Holger ausgespielt. Dieser Heulsusen-Modus kommt einerseits den Tunten-Klischees deutscher Lustspiele unangenehm nah, andererseits spielt Stadlober seine Rolle mit voller Überzeugung und in den eher „unschwulen“ Momenten köstlich (wenn er sich beispielsweise in das für ihn viel zu enge Hemd von Yascha zwängen und Mats so als Förster gegenübertreten muss). Der wesentliche Unterschied aber zu den „Ein Käfig voller Narren“-Darstellungen homosexueller Männer in Filmen der leichten Gangart ist: In „Baumgeflüster“ gibt es zwei gleichgeschlechtliche Paare und es gibt vor allem vier sehr unterschiedliche, höchst individuell gezeichnete Männer. Und was heißt das für das Genre? Dramaturgisch wie emotional unterscheidet sich diese romantische Komödie nicht von heteronormativen Liebesfilmen. Und dass Transfrau Hayal Kaya die Standesbeamtin gibt, ist ja nur eine queere Zugabe für Eingeweihte.
Foto: ZDF / Susanne Bernhard

