„Die deutschen Heuschrecken sind da.“ Jana Liekam (Paula Beer) und ihr Team werden von Hannah Ward (Larissa Sirah Herden) spöttisch begrüßt. Hannah ist Lead Ingenieurin bei GreenWallet, einem Finanz-Start-up in einem Berliner Hinterhaus, wo junge, coole Hipster vor Bildschirmen arbeiten und die Räume nach einer Mischung aus WG und Kunstgalerie aussehen. Bankerin Liekam und ihr Team in ihren gebügelten Kostümen und Maßanzügen wirken hier wie Wesen aus einer fernen Galaxie. Das von Jana überbrachte Übernahme-Angebot der Großbank Deutsche Global Invest (DGI) wird dann auch kurz und bündig abgeschmettert. „Von euch aufgekauft zu werden, wäre ein Verrat an unserer Idee“, sagt die stolze Hannah, die allerdings schon bald ganz alleine dasteht. Etwas rätselhaft ist die Begeisterung der GreenWallet-Hipster zu Beginn der zweiten Folge, als sie sich dann doch auf den Deal mit den „echten Karrieristen“ einlassen mussten, wie GreenWallet-Gründer Ben Kaufmann (Noah Saavedra) die Liekams dieser Welt abschätzig nennt. Denn Jana und ihr Team haben die Anteile an GreenWallet für die DGI gesichert, indem sie den bisherigen, sexuell übergriffigen Geldgeber erpressten und herausdrängten.
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Nicht ganz so überraschend kommt Bens Wende um 180 Grad, denn dass da was zwischen ihm und Jana laufen könnte (und wird), lässt sich frühzeitig erahnen. Die lässige Hannah mit ihren Dreadlocks und den großen Kopfhörern um den Hals ist die Einzige, die konsequent bleibt: „Du wirst es zerstören“, prophezeit sie Jana, steigt aus und ist fortan in der Serie leider nicht mehr zu sehen. Jana und Ben müssen nun unter Zeitdruck einen Ersatz für die wichtigste Position in der Firma finden, die sogenannte „Robo Advisor“ (digitale Vermögensverwalter) entwickelt. Im Falle von GreenWallet sollen die Algorithmen nur nachhaltige, ökologisch saubere Projekte empfehlen. „Du kämpfst jetzt für die Guten“, sagt Ben zu Jana. Was Ben (im Gegensatz zu den Zuschauern) nicht weiß: Jana kämpft immer noch vor allem gegen ihre Chefin Christelle Leblanc (Désirée Nosbusch), die innerhalb der Bank nach dem Finanzcrash aufs Abstellgleis geraten ist und ihren drohenden Rauswurf mit allen Mitteln zu verhindern sucht. Und weil gerade die Sache mit den Schwarzgeld-Millionen, die Jana in der Finanzkrise der ersten Staffel gemeinsam mit Adam Pohl (Albrecht Schuch) und Thao Hoang (Mai Duong Kieu) beiseite geschafft hatte, aufzufliegen droht, kann die ältere Managerin die junge, aufstrebende Bankerin wieder für ihre Zwecke einspannen. Und schon steckt Jana wieder im schönsten Dilemma, das man etwas plakativ „Geld oder Liebe“ nennen könnte.
Christian Zübert, der in der zweiten Staffel die Regie von Christian Schwochow übernommen hat, sagt dagegen: „Um Geld geht es den Bankern meiner Meinung nach nur peripher. Für die ist Geld nur Mittel zum Zweck. Die arbeiten keine 18 Stunden am Tag, um reich zu werden. Die arbeiten 18 Stunden am Tag, um sich zu spüren, um der Beste zu sein und Respekt zu bekommen.“ Und so ist vor allem Hauptfigur Jana angelegt, der man im Gegensatz zur kühl berechnenden Leblanc und all den anderen Vorstands-Mackern noch eine Art Läuterung zutrauen möchte. In Wahrheit steht jedoch gerade ihre Figur für die Unfähigkeit, aus dem Hamsterrad auszusteigen, für die Sucht nach Anerkennung und beruflichen Erfolg bis zur Selbstzerstörung. Dass die Autoren Jana eine Persönlichkeitsstörung (Derealisation) und Ben gar eine Psychose auf den Leib schreiben, ist eigentlich überflüssig. Denn dass dieses System krank ist und krank macht, ist auch so die unübersehbare Botschaft der Serie. Und Skrupellosigkeit und Härte nehmen gegenüber der ersten Staffel teilweise zu. Désirée Nosbusch spielt die Leblanc noch giftiger. Jana und ihr Team verstricken sich mit dem Versuch, das Schwarzgeld auf Mauritius verschwinden zu lassen, in schwere Schuld. Und auch andere Handlungsstränge wie die Bestechung des Finanzaufsehers Peter Richard (Tobias Langhoff), für den DGI-Vorstand Quirin Sydow (Tobias Moretti) das Escortgirl Vicky (Mathilde Irrmann) bezahlt, eskalieren nun. „Nach Ausstrahlung der ersten Staffel der Serie haben sich einige ,Insider‘ bei mir gemeldet, die über illegale Machenschaften in der Finanzbranche sprechen wollten. Manche haben sich darüber amüsiert, wie harmlos das war, was ich in der ersten Staffel erzählt habe“, sagt Headautor Oliver Kienle.
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Aber mehr Härte bedeutet nicht automatisch mehr Spannung. Der Wettlauf gegen die Zeit, der Tempo und Dynamik der ersten sechs Folgen bestimmte, wird nun seltener als Antrieb genutzt. Außerdem ermüden die sich stets wiederholenden Intrigen in wechselnden Bündnissen mit der Zeit. Jeder gegen jeden, am Ende erscheint es beinahe egal, wer schließlich die Oberhand gewinnt, zumal die Vorstandsetage ohnehin keine Sympathieträger bereit hält. Neben Leblanc und Sydow mischt auch der einstige Investment-Star Gabriël Fenger (Barry Atsma), nachdem er aus dem Gefängnis entlassen wurde, wieder mit im Ränkespiel. Leblanc hat es vor allem auf Vorstandskonkurrent Ties Jacoby (Germain Wagner) abgesehen, Sydow intrigiert gegen Ober-Boss Robert Khano (Jean-Marc Barr). Das Problem bringen die Autoren selbst mit einem Drehbuch-Satz auf den Punkt, den sie einem der Protagonisten in der letzten Folge in den Mund legen: „Erst habe ich mit dir gearbeitet, dann mit ihm gegen dich, dann mit ihr gegen dich, dann du mit ihr gegen mich, dann ich mit ihr gegen ihn und jetzt du mit ihm und ihr gegen mich.“
Die zunehmend verwirrenden Machtkämpfe nehmen viel Raum ein, dafür bleiben einige Handlungsstränge, so scheint es, auf halber Strecke liegen. Etwa Thaos Stress mit ihrer vietnamesischen Familie, vor allem dem Vater. Als Hannahs Nachfolger erweist sich Shantimay (Utsav Agrawal) als überfordert, in der Serie verliert sich seine Spur im Krankenhaus. Neu ist auch die Figur des Finanzministers Alexander Schunk (Trystan Pütter). Anfangs scheint er der neue starke Mann im Aufsichtsrat der DGI zu sein, doch in der Folge bleibt Schunk eine Nebenfigur, die nur von außen einwirkt. Die Konflikte zwischen den Generationen werden ebenfalls mehr schlecht als recht fortgeführt. Leblancs Sohn ist aus der Serie verschwunden, dafür taucht zu Beginn der vierten Folge der zweiten Staffel plötzlich Sydows Tochter Maxi (Johanna Polley) auf, die als Praktikantin bei der DGI arbeiten soll, ohne dass dies weiter eine Rolle spielt. Bedeutender wird die familiäre Krise von Adam Pohl, den Albrecht Schuch mit hoher Intensität und zunehmender Bedrohlichkeit spielt. Auch der famose Marc Limpach als der stets um die Anerkennung seines Vaters ringende Luc Jacoby darf noch einmal als „Chef-Schrotthändler“ der DGI Gas geben. Denn die vom Staat gerettete Großbank will ihre in der Krise wertlos gewordenen Wertpapiere umleiten, verschleiern und in einem neu aufgelegten Fonds wieder Gewinn bringend an Anleger verkaufen. Gleichzeitig ist dieses Vorhaben ein Instrument im internen Machtspiel.
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Auch wenn die Banker-Blase diesmal noch weiter entfernt von der Realwirtschaft ist, erschafft „Bad Banks 2“ wieder ein fiktionales Set, das auf der Höhe der Zeit zu sein scheint: Die Investmentbanker befinden sich ein halbes Jahr nach dem Crash auf dem Abstellgleis, suchen nach neuen Ideen und Plattformen, investieren in kleine, bewegliche Firmen. Die kreative Berliner Start-up-Szene und das Frankfurt der in den Himmel wachsenden Glas-Paläste verschmelzen. Der besondere Schauplatz ist der „Inkubator“ in Berlin, ein voluminöses, kubusförmiges Gebäude, das Platz für 20 von der DGI finanzierte Start-ups bieten soll. Deren Büros sind im Inneren wiederum ein eigener, zusammenhängender Komplex, der wie ein notgelandetes Raumschiff wirkt, bestehend aus miteinander verbundenen, kapselartigen Einheiten – Szenenbild (Silke Buhr) und Bildgestaltung setzen eindrucksvoll ins Bild, wie sich die Finanzwelt entwickelt. Das Gebäude – das Theater- und Konzerthaus „Maison des arts et des etudiants“ – steht in Luxembourg: In dem leeren Kubus seien die Büros komplett gebaut und per CGI in die Höhe und Tiefe vergrößert worden, teilt eine Sprecherin der Produktionsfirma mit. Die Finanzwelt ist also buchstäblich umgezogen, von den alten Großraumbüros lärmender Broker hin zu futuristisch anmutenden, offenen und wabenförmig angeordneten Büro-Einheiten, in die kein Sonnenlicht dringt. Wer hier zu laut telefoniert, wird von Kollegen angepflaumt. „Das ist hier nicht die schöne neue Welt, wie alle denken“, sagt Jana, noch bevor sie in Folge vier im „Inkubator“ eine extrem schmerzhafte Wende erleben muss. Bei aller Kritik im Detail: Auch „Bad Banks 2“ bietet immer noch überdurchschnittliche Serien-Unterhaltung mit klasse Schauspielerinnen und Schauspielern (Nosbusch, Beer, Schuch, Moretti, Atsma), einer dramatischen, wendungsreichen Geschichte und einer großartigen Bildgestaltung von Ngo The Chau und Moritz Kaethner. (Text-Stand: 20.1.2020)