Kein Blick zurück. Ungewissheit ist der beste Plan. Die Straße als Heimat, die Welt als Zuhause. Die alte Handwerkstradition der Walz hat ihre eigenen Gesetze. Drei Jahre kein festes Dach über dem Kopf, kein Handy, kaum Geld und – im Idealfall – drei Jahre Fernbeziehung. Maria (Ronja Rath) will es dennoch versuchen. Wandergeselle Cem (Sohel Altan Gol), der in der Zimmerei ihres Vaters (Oliver Stokowski) für ein paar Tage Arbeit fand, hat ihr diesen Floh ins Ohr gesetzt. Maria, selbst Zimmerin, zugleich Betriebsfachwirtin, die Büro und Buchhaltung in dem kleinen Betrieb macht, zweifelt plötzlich an ihrem eingeschlagenen Weg. Sie soll einmal die Geschäftsführung übernehmen. Und jetzt hat auch noch ihr Lebenspartner Steffen (Silas Breiding) mit Unterstützung ihres Vaters ein Häuschen gekauft. Eine Überraschung, die ihr die Augen öffnet: Will sie das alles – und vor allem, jetzt schon? Will sie mit Mitte zwanzig alle Weichen für ihre Zukunft stellen? Cem hat die Welt gesehen, neue Erfahrungen gemacht. Das würde sie auch gern. Sie ist nie aus ihrem Heimatdorf herausgekommen. Jetzt will sie es packen, mit diesem geheimnisvollen Mann als Altgeselle. Ihr Freund Steffen verhält sich fair, will auf sie warten. Ihr Vater reagiert allerdings bockig: „Du bist auch nicht besser als deine Mutter.“ Dies bestätigt sie nur darin, dass diese Auszeit genau das Richtige ist.
Foto: Degeto / Constantin Television / Domenigg
Aus einer Sehnsucht wird Realität. Eine junge Frau, die früh erwachsen sein musste, weil ihre Mutter Familie und Firma einst verlassen hat, ergreift die Möglichkeit, ihr von den Umständen vorherbestimmtes Leben noch einmal zu überdenken. Der ARD-Fernsehfilm „Auf der Walz“ erzählt von einem Aufbruch in ein anachronistisch anmutendes Abenteuer und von einer Suche nach Freiheit, dem Gefühl, keinem außer sich selbst, Rechenschaft schuldig zu sein. Die Hauptfigur muss lernen, eigene Bedürfnisse zuzulassen. Das Ziel kennt sie noch nicht, nur den Weg dorthin. Und Maria weiß: Sie will sich nicht länger Vorschriften machen lassen. Früh musste sie Verantwortung übernehmen. Daraus ist ein Selbstläufer geworden. Dass sie ihren Vater liebt, einen Mann, der immer wusste, was das Beste für sie ist, macht die Sache nicht leichter. Der Ausbruch bedeutet nun aber auch, auf alles aus ihrer Komfortzone zu verzichten. Erwartungsgemäß erlebt sie Rückschläge. Nach ein paar Tagen unter freiem Himmel sitzt sie beinahe schon wieder im Zug nach Hause. Doch ihr Wille, diesen „beschwerlichen Gang“ zu gehen, ist schließlich stärker. Dass Cem bezweifelt, dass sie es schaffen wird, ist zusätzliche Motivation. Sie gewöhnt sich sogar an den weitgehend planlosen Verlauf ihrer Reise. Sie haben nur „eine ungefähre Richtung“: Österreich.
Die Walz der beiden beginnt im Sommer. Trotz der schönen Landschaft, gedreht wurde rund um Wien, romantisiert der ebenso präzise wie angenehm luftig inszenierte Film von Sibylle Tafel („Toni, männlich, Hebamme“) nach dem lebensklugen Drehbuch von Michael Kenda („Zum Glück gibt’s Schreiner“) zu keiner Zeit diese existenzielle Wanderschaft. Die Begegnungen der beiden werden episodisch gereiht, und die Finalisierung ergibt sich aus der Frage, ob Maria ihren inneren Schweinehund wird überwinden können. Wird sie durchhalten? Was wird mit Steffen? Wie wird ihr Vater Marias Weggang verkraften? Parallel zur Walz wird erzählt, was Zuhause passiert. Da taucht beispielsweise eine Frau (Jutta Fastian) auf, die dem Holzbauer alter Schule gehörig die Leviten liest. Die Frage, ob Maria und Cem eines Tages im gleichen Schlafsack landen, wird zwar früh vorläufig beantwortet (Cem: „Du bist nicht mein Typ“), aber man weiß ja nie, was dieses zweisame Auf-der-Walz-Sein mit sich bringt. Und wenn einem dann noch eine verheiratete Frau, die mit ihrem Mann eine offene Beziehung führt, Maria etwas vorschwärmt von diesem „Schnittchen“ Cem, da kann man nicht wissen, was dieser Mittzwanzigerin, an der das Leben bisher vorbeigelaufen ist, durch den Kopf geht. Überhaupt braucht diese Frau lange Zeit andere, um eigene Entscheidungen zu treffen: jahrelang den Vater, dann Cem, der sie anfangs inspiriert und ihr den Weg (nach Österreich) vorgibt. Als die beiden einen guten Job haben, bei dem sie beim Dachunterbau eines freistehenden Hauses mithelfen und Maria dort oben etwas von der erhofften Freiheit spürt, fängt Cem mit dem Chef eine Schlägerei an. Sie hätte bleiben können, aber sie entscheidet sich dafür, mit Cem weiterzuziehen. Es ist – allein schon aus produktionstechnischen Gründen – abzusehen, dass man als Zuschauer die Hauptfigur keine drei Jahre begleiten wird. Diese Reise ist kein Wettbewerb, sondern ein Erfahrungs- und Lernprozess, sie ist eine Frage der inneren Einstellung, des Vertrauens auf die eigene Kraft. Dass diese aufgeweckte, wissbegierige und klarsichtige Frau ihren Weg gehen wird, ist anzunehmen.
Foto: Degeto / Constantin Television / Domenigg
Die emotionale Spannung auf den Ausgang ist also überschaubar. Dennoch bleibt das früh geweckte Interesse an der Geschichte bestehen. Fernweh, Selbstfindung ohne Kitsch und Zeigefinger, dazu eine grundsympathische weibliche Hauptfigur und ein attraktiver Mann an ihrer Seite, der eine schwer zu fassende Ambivalenz ausstrahlt. Das alles mag in der Handlung und den Figuren angelegt sein, aber erst die Schauspieler erzeugen diese Wirkung beim Zusehen. Sohel Altan Gol („München Mord – Der Letzte seiner Art“, „Wer ohne Schuld ist“) ist seit über zehn Jahren im Geschäft; Cem ist seine erste Hauptrolle. Ronja Rath, Jahrgang 1999, kennt nur der, der einmal im Leipziger Theater („SEX – frei nach Mae West“) oder in Dresden im Theater Junge Generation zu Gast war. Nach „Auf der Walz“ sollte es an TV-Angeboten eigentlich nicht mehr mangeln; schade nur, dass der Film fast zwei Jahre auf seine Ausstrahlung warten musste. Als Maria, eine Figur ohne Genre-Korsett, darf sich Rath durch die Gefühlswelten einer jungen Frau spielen. Ob als pragmatische Bürokraft, als burschikose Wandergesellin, als immer selbstbewussterer Walz-Frischling oder einmal in einer nächtlichen Szene am Pool als schön sinnliches Wesen aus einer anderen Welt – „Natürlichkeit“ steht über all diesen Rollen. Spätestens auf der Zielgeraden des Films ist die Zeit für Beschützerinstinkte vorbei. Weibliche Selbstermächtigung ist (mehr als) ein Schlagwort der Zeit. In „Auf der Walz“ wird es in eine wunderbar warmherzige Geschichte verwandelt.


1 Antwort
Schade, dachte ich beim Abspann, gerade jetzt, wo der Film losgeht, hört er auf — da hätte ich gerne weiter zugeguckt.
Allerdings stimmt das natürlich mit den produktionstechnischen Gründen, eine Spanne von drei Jahren (und einem Tag) hätten sie doch sehr stauchen müssen für einen 90-Minüter, und da wäre dann keine Zeit gewesen für die Geschichten am Wegesrand.
Falls noch ein Genre gesucht wird, wie wärs mit „Feldwegmovie“? „Roadmovie“ kann man es ja nicht unbedingt nennen.