Gene lügen nicht
Ines Erdmann traut ihren Augen nicht. Clara, ihre neue Schülerin, sieht aus wie sie einst aussah als Teenager. Der so patent wirkenden Mathematik- und Sportlehrerin zieht es den Boden unter den Füßen weg. Alles kommt wieder hoch, die Situation vor 16 Jahren, ihre Schwangerschaft, der Tod ihres Freundes, ihre Depressionen. Und sie ist es tatsächlich: Clara ist ihre Tochter. Sie weiß nicht, was sie tun soll: sich versetzen lassen? Klarheit schaffen? Nicht einmal ihrem Mann hat sie von ihrem Kind erzählt, das sie nach der Geburt zur Adoption freigegeben hatte. Ines erkennt in ihrer Tochter immer mehr eigene Züge, die Probleme mit dem Selbstwertgefühl, der Drang zu laufen, wegzulaufen; und sie versucht, dem Mädchen zu helfen – schulisch, emotional, privat. Clara weiß nichts von ihrer Herkunft. Als sich die Eltern entschließen, der Tochter die Wahrheit zu sagen, ist das Mädchen geschockt. Und irgendwann muss sie auch noch erfahren, wer ihre leibliche Mutter ist…
Schauspieler lügen nicht
„Alles für meine Tochter“ wagt – und gewinnt. Die Setzung zu Beginn, das Bemühen des Zufalls, übersteht der Film problemlos, weil er es schafft, dass sich der Zuschauer gar nicht daran stoßen mag. Er will vielmehr wissen, was es mit dieser so umgänglich erscheinenden Frau auf sich hat, was das für eine Ehe ist, die so liebevoll wirkt und vielleicht ja doch nur freundliche Fassade ist, und er will auch mehr über dieses hübsche Mädchen und ihre Eltern wissen. Das Geheimnis, dass diese Adoptionsgeschichte einen als Zuschauer schnell für einen Degeto-Freitagsfilm in seinen Bann schlägt, ist neben der klaren Erzählführung und einem angemessenen Tempo die Besetzung. Ann-Kathrin Kramer lässt einen bald erkennen, dass ihre Rolle zu einer ihrer besten der letzten Jahre gehört. Alicia von Rittberg ist durch ihre Leistung in „Und alle haben geschwiegen“ ohnehin die Jungschauspielerin des Jahres; aber auch wer diesen Film nicht gesehen hat, muss ihrem Spiel anmerken, was da noch auf ihn zukommen wird. Das Gleiche gilt für Johanna Gastdorf, die einmal mehr in ihrer Rolle als Adoptivmutter einen Charakter knapp und punktgenau verkörpert. Auch alle tragenden Nebenrollen sind mit Hans-Jochen Wagner, Bernhard Schütz, Elena Uhlig und Felix Eiter nicht nur hochkarätig, sondern nahezu perfekt besetzt. So gelingt es dem Film von René Heisig, ohne sich in braver Konsensdramaturgie zu ergehen, allen Parteien gleichermaßen gerecht zu werden. Die Auseinandersetzungen werden bisweilen hart und kompromisslos geführt. Da ist nichts mit Wohlfühlen beim Zuschauer. Auch wenn man der unaufgeregt erzählten Geschichte gern folgt, spürt man doch, dass dieser Tunnelblick der Heldin eine Katastrophe in sich birgt.
Foto: Degeto / Willi Weber
Soundtrack:
Stromae („Alors on danse“), 5th Dimension („Aquarius / Let the sunshine in“), Procol Harum („A whiter shade of Pale“)
Bilder lügen nicht
Diese Katastrophe hat aber das Mädchen auszubaden. Von allen belogen, weiß sie bald nicht mehr, wem sie eigentlich noch vertrauen kann. Der Perspektivwechsel im Film kurz vor Schluss, für die Qualität der Geschichte von unschätzbarem Wert, ist eines dieser Wagnisse dieser Produktion – dass es glückt, ist vor allem Alicia von Rittberg zu verdanken. Denn eigentlich wäre man geneigt zu sagen, dass das, was sie hier an Gefühlen zu spielen hat, zwei Szenen, in denen das ohnehin angeknackste Selbstbild ihrer Clara in wenigen Sekunden zusammenbricht, für einen Teenager überhaupt nicht spielbar ist. Aber mit Hilfe von Heisigs einfühlsamer Regie und der Kamera von Peter Nix, die sich in die Detailaufnahme des Gesichts einfrisst, werden aus diesen Bildern die eindrucksvollsten (neben dem Blättern von Ines im Fotoalbum der Tochter) in einem eindrucksvollen Film, der viele Wahrheiten streift, ohne mit einer Botschaft zu winken: Es geht um das zarte Gewächs Vertrauen, jenseits des Adoptivthemas um das Mutter-Tochter-Ding, um die heilende Kraft von Kommunikation und die zersetzende Kraft der Sprachlosigkeit. „Alles für meine Tochter“: ein Degeto-Highlight!