Es gibt nur wenige wirklich große Western, die größtenteils im Winter spielen. Selbst bei alpinen Krimis ist das wegen der komplizierten Drehbedingungen eher die Ausnahme, obwohl die Bilder – weiß wie Schnee, rot wie Blut – potenziell von morbider Schönheit sind. Der zweite „Mordach“-Zweiteiler macht sich das schon im Titel zunutze, und so beginnt der Film auch: mit einem Hubschrauberflug über die Berge zu einer weiblichen Leiche, die in einem blutroten Kreis liegt. Toni Brandner (Sarah Bauerett), Leiterin eines Polizeipostens in den Südtiroler Bergen, ist zutiefst erschüttert: Lisa Glauber war ihre beste Freundin. Beide haben einen Kreis mit Punkt am Handgelenk. Mit der Markierung sind im Gebirge sichere Wege gekennzeichnet. Für die Freundinnen war die Tätowierung ein Symbol dafür, dass sie einander immer ein sicherer Ort sein wollten. Vor zwei Jahren haben sie sich jedoch heftig zerstritten, deshalb hat Toni kürzlich auf eine dringende Sprachnachricht Lisas nicht reagiert.
Foto: ARD Degeto / UFA Fiction / Roland Suso Richter
„Mordach – Tod in den Bergen“ (2023) war mit 180 Minuten deutlich zu lang, hatte aber mit Mehmet Kurtuluş als mordverdächtigem BKA-Kommissar eine hochinteressante Hauptfigur. Diese Rolle nimmt in der Fortsetzung Harald Krassnitzer ein, der in Krimis jenseits des „Tatorts“ aus Wien grundsätzlich als schurkischer Gegenspieler besetzt wird: Maximilian Glauber leitet ein Tourismus-Imperium, war der Schwiegervater des Opfers und hätte ein Mordmotiv, denn Lisa war kurz davor, einen hässlichen Sorgerechtsstreit gegen ihren Ex-Mann zu gewinnen. Glauber senior, ungekrönter König der Gegend mit besten Beziehungen in lokale und regionale politische Kreise, würde seine Enkelin womöglich nie wiedersehen.
Das Familiendrama wird jedoch mehr und mehr zur Nebenebene, zumal der Fall aus Sicht der Einheimischen ohnehin klar ist: Sie haben keinen Zweifel daran, dass Bastian Montag der Mörder ist. Er war schon zu Schulzeiten vergeblich in Lisa verliebt, ist jedoch damals von ihr und anderen gemobbt worden und lag bewusstlos in der Nähe ihrer Leiche; angeblich kann er sich an nichts mehr erinnern. Anton Spieker verkörpert den Einzelgänger als schamanischen Sonderling, der zurückgezogen in den mit allerlei mysteriösen Symbolen ausgestatteten Bauten eines fünfzig Jahre alten olympischen Dorfs lebt und von zum Teil ziemlich gruseligen Wahnvorstellungen heimgesucht wird. Weil die Ermittlungen ins Leere laufen und Toni schließlich auf Betreiben von Glauber senior beurlaubt wird, bläst Jakob Brunner (Dominique Horwitz), auch er ein Provinzfürst und Tonis Antagonist aus den ersten beiden Filmen, zur Treibjagd auf Bastian.
Foto: ARD Degeto / UFA Fiction / Roland Suso Richter
Seinen Reiz verdankt „Blutiger Schnee“ neben der komplexen und über weite Strecken auf reizvolle Weise undurchsichtigen Geschichte vor allem der Bildgestaltung. Die Arbeiten von Roland Suso Richter zeichnen sich ohnehin zuverlässig durch ihre stets exzellente Optik aus. Sein Kameramann ist dabei schon seit vielen Jahren fast immer Max Knauer; das Duo arbeitet auch beim „Zürich-Krimi“ zusammen. Dort spielt Ina Paule Klink die weibliche Hauptrolle, hier hat sie die vergleichsweise kleine, aber wichtige Rolle des Mordopfers übernommen. Rückblenden zeigen typische Freundschaftsmomente der beiden Frauen, zu deren Clique auch Glaubers Tochter Marie (Kristina Pauls) gehörte. Eine dieser regelmäßig integrierten Szenen entpuppt sich als eigene, in mehreren Kapiteln erzählte Geschichte, in deren Verlauf sich ein äußerst merkwürdiger Vorfall ereignet. Die Erklärung für dieses Rätsel ist ebenso verblüffend wie die Auflösung des Kriminalfalls.
Auch wenn die Handlung immer weitere Kreise zieht, weil die beiden schon an „Tod in den Bergen“ beteiligten Autoren Thomas André Szabó und Oskar Sulowski ständig neue Zwischen-Ebenen einziehen: Wie bei den meisten Zweiteilern wäre auch in diesem Fall weniger mehr gewesen. Die vielen Kameraflüge über die schneebedeckten Gipfel sind zwar prachtvoll anzuschauen, wirken aber wie Füllmaterial. In den Nebensträngen geht es zudem um Themen (Umweltfrevel, Bauprojekt im Naturschutzgebiet, Streit um ein Jagdgebiet), die in Provinzkrimis allzu gern Verwendung finden. Hinzu kommen diverse komplizierte Zwischenmenschlichkeiten; unter anderem muss sich Toni mit ihrem Ex (David Zimmerschied) herumplagen. Die von einem sorgfältigen Sounddesign unterstützte große Kinomusik (Michael Kadelbach, Martina Eisenreich) ist mitunter fast zu bombastisch. Dank ausstrahlungsstarker Ensemble-Mitglieder wie Krassnitzer, Horwitz sowie Aleksandar Jovanovic als Lisas letzte Liebe ist „Blutiger Schnee“ trotzdem sehenswert.
Foto: ARD Degeto / UFA Fiction / Max Knauer

