Oft sind es kleine Personalien, die bei einer langlaufenden Reihe wie „Wolfsland“ eine große Wirkung entfalten. Im besten Fall bringt eine neue Figur nicht nur frischen Wind ins Ensemble, sondern auch eine eigene Agenda mit. In „Das Lied der Tochter“, der 17. Episode der erfolgreichen Donnerstagskrimi-Reihe, kommen noch weitere Elemente hinzu: Die Figur ist nicht gänzlich neu, fügt sich daher nahtlos ein und hat zudem ein Anliegen, das ausgezeichnet zum aktuellen Fall passt. Außerdem hat Anna Bachmann bereits bei ihren früheren Auftritten prägende Akzente gesetzt, denn die von ihr verkörperte Emmy Schulz war bislang weit mehr als bloß die Tochter von Hauptkommissar Burkhard „Butsch“ Schulz (Götz Schubert): In der Episode „Das heilige Grab“ (2019) hat ein religiöser Eiferer Emmy und ihre Freundin Clara entführt, in „Die traurigen Schwestern“ (2021) ist sie aus Berlin nach Görlitz zurückgekehrt, um ihren vorübergehend invaliden Vater zu unterstützen; damals hat sie ihr Studium (Philosophie und Theologie) abgebrochen, um Polizistin zu werden.
Foto: MDR / Molina Film / Oliver Feist
„Wolfsland“ wird in diesem Herbst zehn Jahre alt. Die Reihe zeichnet sich durch einige prägnante Merkmale aus, die sie von den sonstigen Donnerstags-Krimis der ARD unterscheiden. Das gilt neben einer besonderen Ästhetik – die Filme sind auch optisch oft sehr düster – vor allem für das zentrale Duo. Schulz und Viola Delbrück (Yvonne Catterfeld) haben sich zwar nach sechzehn Fällen, in denen es zuweilen auch um Leben und Tod ging, zusammengerauft, aber die Kollegin beharrt nach wie vor auf einer gewissen Distanz, und das nicht nur, weil sie seinem hartnäckigen Du zum Trotz immer noch das Sie bevorzugt. Vor allem jedoch sind beide psychisch versehrt. Ihr jüngstes Trauma hat die einst schon von ihrem Ex-Mann verfolgte Kommissarin ausgerechnet durch die eigene Mutter erlebt. Die erste Szene, als sich Schulz der zusammengebrochenen Kollegin annimmt, ist daher auch nicht der üblichen Thriller-Dramaturgie geschuldet – Auftakt mit dem Spannungshöhepunkt, dann folgt eine ausführliche Rückblende –, sondern ist selbst ein Rückblick.
Die besten „Wolfsland“-Episoden waren ohnehin jene, in denen Schulz oder Delbrück persönlich betroffen waren. Das gilt diesmal allem Anschein nach zumindest zunächst nur bedingt, denn „Das Lied der Tochter“ erzählt vordergründig eine zwar tragische, für einen TV-Krimi jedoch nicht weiter ungewöhnliche Geschichte: Eine Frau ist auf dem Heimweg vom Fitness-Studio in der Nähe einer Kleingartensiedlung vergewaltigt und ermordet worden. Gleich mit der zweiten Szene ziehen die Reihenschöpfer Sönke Lars Neuwöhner und Sven S. Poser, ohnehin zuverlässige Garanten für hochwertige Krimikost, eine zweite Ebene ein: Emmy wird im Bus Zeugin, wie ein Fahrgast eine Frau belästigt. Alle drei steigen an der gleichen Haltestelle aus, der Typ hört nicht auf mit seiner Belästigung, Emmy greift ein, er haut ab, sie rennt ihm hinterher, verliert ihn aus den Augen, holt ihn wieder ein und wirft ihn zu Boden; dummerweise eine Verwechslung. „Fehler passieren“, kommentiert der ansonsten sehr stolze Vater, der sich riesig darüber freut, dass seine Tochter, mittlerweile Kommissarsanwärterin, ein Praktikum bei der Kripo macht. Was er nicht ahnt: Emmy will in Görlitz eine alte Rechnung begleichen.

Ohne diese Nebenhandlung wäre „Das Lied der Tochter“ ein zwar gerade auch dank der überwiegend kühlen und betont unbunten Bildgestaltung (Regie: Constanze Knoche, Kamera: Tim Moritz) auf gutem Niveau inszenierter, inhaltlich aber nicht weiter ungewöhnlicher TV‑Krimi. Als potenzielle Täter kommen alle männlichen Besitzer einer Kleingartenparzelle infrage, sofern sie kein Alibi haben. Delbrück, im Job routiniert, privat jedoch erheblich angeschlagen, ist überzeugt, dass der Vergewaltiger schon lange entsprechende Fantasien gehegt und nun in die Tat umgesetzt hat: Das Opfer ist stets den gleichen Weg durch die Siedlung zum Studio gegangen. Einer der Männer (Leonard Carow) ist etwas kauzig und wird nicht nur dem Publikum als Verdächtiger förmlich aufgedrängt: Der Witwer, Felix Plattner (Johannes Kienast), sieht rot und will Selbstjustiz üben. Neben den Szenen mit Emmy und Schulz, der sich als typischer Helikopter-Papa entpuppt, sind vor allem die Gespräche des Kommissars mit Plattner sehr bewegend, zumal sich der sonst so schroffe, selbst ernannte „Drecksack“ ungewohnt empathisch gibt: Er weiß, wie sich das anfühlt, wenn das Lebensglück von einem Moment auf den anderen zerbricht; aber er hat keine Ahnung, dass Emmy dieses Gefühl ebenfalls kennt.

