Schlaflos in Bochum

Leela Scherbaum, Christina Große, Berlin, Hartung, Julia Schubeis. „Wollte ich eigentlich nie ich sein?“

14.11.2026 20:15 ARD TV-Premiere
14.11.2026 20:15 ARD-Mediathek Streaming-Premiere
Foto: ARD Degeto Film / Martin Rottenkolber
Foto Rainer Tittelbach

Abiturientin Charlie träumt seit Jahren davon, Schauspielerin zu werden. Das Theater hat es ihr angetan. Trotz oder gerade wegen ihrer 1,30 Meter bekommt sie ihre Chance … „Schlaflos in Bochum“ (Degeto / Bantry Bay) erzählt eine klassische Coming-of-Age-Geschichte. Obwohl es so scheint, als ob die Hauptfigur sehr genau weiß, was und wohin sie im Leben will, ist sie mit ihren 19 Jahren noch eine Suchende. Es geht in diesem ARD-Fernsehfilm nicht um die Bretter, die die Welt bedeuten. Das Theater fungiert vielmehr als Projektionsraum für Charlies Wünsche und Erfahrungen. Ihr stellt sich bald die Frage: Will sie eigentlich ein Vorbild für andere sein? Und woher kommt diese Lust am Rollenspielen? Insgesamt ist die Geschichte locker und frisch, nur die pädagogische Absicht ist vielleicht etwas überdeutlich erzählt. Aber „Schlaflos in Bochum“ ist ein Primetime-Fernsehfilm, noch dazu einer, der sein Thema mit dem Unterhaltungsbedürfnis eines Samstagabendpublikums kurzzuschließen versucht. Das gelingt Julia Schubeis (Regie, Buch), Madeleine Hartung (Buch) und den beiden Hauptdarstellerinnen richtig gut.

In jeder freien Minute reklamiert Charlie (Leela Scherbaum) die großen Dramatiker. Die Abiturientin liebt das Theater von klein auf. Schon im Kindergarten träumte sie davon, Schauspielerin zu werden, und im Schultheater konnte sie ihr Talent erstmals unter Beweis stellen. Ihr nächstes Ziel ist die Schauspielschule in Bochum. Volle Unterstützung bekommt sie dabei von ihrer Mutter Silke (Christina Große); die alleinerziehende Änderungsschneiderin näht am liebsten Kostüme für ihre Tochter. In Charlies Körpergröße von nur 1,30 Meter sehen beide kein Problem für deren Ambitionen. Und wie ein Wunder tut sich eine Riesenchance für die kleine Frau mit der großen Klappe auf. Bei der Premiere von „Schwestern“ hat eine Hauptdarstellerin einen Bühnenunfall. Der Regisseur Pascal (Jonathan Berlin) setzte die Figur in einen Rollstuhl: „Bildhaftigkeit der Behinderung“, nennt er das etwas verlegen gegenüber Charlie – und die macht ihm gleich forsch ein Angebot: „Wenn das bei dir so austauschbar ist mit der Behinderung, dann nimm doch einfach mich.“ Die Intendantin (Alexandra von Schwerin) ist angetan von der Idee, spricht von „einer Zeit, in der wir offen und divers sein müssen … wollen“. Der Regisseur ist bald nur noch genervt von dieser „Laiin“, die alles andere als textsicher ist. Irgendwann hat Pascal dann die für ihn ideale Lösung: Er macht aus Charlies Leonie eine menschliche Puppe, passiv, still, stumm. Als Silke davon erfährt, sieht sie rot, die Intendantin noch röter und so muss Pascal, für den „Schwestern“ seine erste Regiearbeit ist, klein beigeben. Wenig später traut er seinen Augen und Ohren nicht.

Schlaflos in BochumFoto: ARD Degeto Film / Martin Rottenkolber
Ein Herz und eine Seele: Charlie (Leela Scherbaum) und Mutter Silke (Christina Große). Es ist an der Zeit, eigene Wege zu gehen.

„Schlaflos in Bochum“ erzählt eine klassische Coming-of-Age-Geschichte. Obwohl es so scheint, als ob Hauptfigur Charlie sehr genau weiß, was und wohin sie im Leben will, ist sie mit ihren 19 Jahren noch eine Suchende. Und so wird dieser ARD-Fernsehfilm, auch wenn es die Dramaturgie nahelegt, nicht zu einer dieser typischen „A Star is born“- oder „Fame“-Geschichten. Es geht nicht um die Bretter, die die Welt bedeuten. Das Theater fungiert vielmehr als Projektionsraum für Charlies Wünsche und Erfahrungen. Je länger die Proben dauern, umso grundlegendere Gedanken macht sich die junge Frau über ihr vergangenes und zukünftiges Leben. „Wollte ich eigentlich nie ich sein?“, fragt sie ihre Mutter, als sie eine Erklärung für ihre Lust am Rollenspielen sucht. Womöglich hängt es doch mit ihrer Körpergröße zusammen: Ablenkung? Ausgleich? Flucht nach vorn? Oder hat ihre Mutter ihn womöglich mehr forciert als sie selbst: den Traum vom Theater, davon, mit großen Gefühlen ihr Manko zu überspielen? Oder wollte Silke ihre Tochter nur bestärken in deren Plänen: Während andere Eltern von Flausen sprechen, hat sie Charlies Träume unterstützt, ja, sie ist es auch, die Charlie auf die Idee bringt, sich als Ersatzschauspielerin anzubieten. Erst ihre bodenständige Freundin Jelena (Nina Vorbrodt) klärt Silke auf, wie schwer es ist, an einer Schauspielschule aufgenommen zu werden, schon ohne Charlies Handicap. So liebevoll auch der Umgang der Mutter mit ihrer Tochter ist, so unrealistisch sind die Erwartungen, die Silke auf ihre Tochter überträgt. Diese naive Blauäugigkeit ist das eine, aber da gibt es noch etwas, was Charlie immer weniger hören mag: „Du kannst ein echtes Vorbild sein. Lass dir das nicht nehmen.“ Will sie das denn: Vorbild sein?

Schlaflos in BochumFoto: ARD Degeto Film / Martin Rottenkolber
Schlaflos über Bochum: Charlie (Leela Scherbaum) und Tim (Yuri Völsch). Auch optisch weiß Julia Schubeis‘ Film zu gefallen.

Ihre Größe habe sie nie gestört, wohl aber, dass sie damit immer auffällt, sagt Charlie zu Tim (Yuri Völsch), am Theater „Mädchen für alles“, der bald mehr als nur ein guter Freund für sie ist. Charlies Spontaneität bringt sie in Situationen, deren Folgen sie nur selten überblickt. Das trägt mit zur Glaubwürdigkeit dieser Figur bei. Ein Kuss, ein Satz zur falschen Zeit beeinflusst zwar auch etwas die Dramaturgie, charakterisiert aber in erster Linie die Hauptfigur, die sich mutig ausprobiert und ihren Weg sucht. Diese Charlie ist das Herzstück des Films. Leela Scherbaum spielt sich nuanciert durch die verschiedensten Stimmungslagen ihrer Figur, sehr beachtlich für einen Neuling. Dabei setzt die Regie erfreulicherweise weder auf das Betonen ihrer Körpergröße noch auf das Verschleiern. Genauso selbstverständlich, wie die Figur damit umgeht, so verhält sich auch die Kamera. Scherbaums Talent zeigt sich immer wieder auch in Großaufnahmen. Vieles, was ihre Figur bewegt, der Umgang mit ihrer Kleinwüchsigkeit, diese Mutmacher-Funktion für andere, die Frage, ob ihr Talent groß genug ist oder sie nur auf der Diversitätswelle mitschwimmt, wird nicht dialogreich verhandelt, sondern oftmals nur mit einer Situation oder einem Satz angedeutet. Früh im Film heißt es etwa „Was man gern macht, muss man nicht gleich beruflich machen“, beiläufig dahingesagt von Tim, der darunter leidet, dass seine Freundin Sara (Déborah Jo), die im Stück die andere Schwester spielt, immer nur proben müsse und kaum Zeit für ihn habe. Erhellend sind auch die Einblicke ins Privatleben des Regisseurs, der mit seiner Frau Carla (Lea Freund) ständig die Fürsorge für ihren Sohn Maxi aushandelt. Der ist schwerhörig, muss „Lauschis“ tragen: Wie umgehen mit dieser Unzulänglichkeit, offen oder sie versteckend? Auch dafür entwickelt der Film eine sympathische Sensibilität.

Schlaflos in BochumFoto: ARD Degeto Film / Martin Rottenkolber
Hin- und hergerissen. Regisseur Pascal (Jonathan Berlin) weiß, wie das ist, mit einer Behinderung zu leben. Sein Sohn hört schwer. Es verstecken oder offen damit umgehen? Und jetzt bekommt er eine kleinwüchsige „Laiin“ von der Intendantin aufoktroyiert.

Die narrativen Spiegelungen sind deutlich. Einige Figuren haben ihre eigenen Geschichten, doch die sind miteinander eng verknüpft. „Ich höre immer nur deine Stimme“, sagt Charlie in ihrem Emanzipationsdialog. Ohne Silkes „Kümmer-Gen“ wäre sie eine andere geworden. Jetzt ist die Zeit des gegenseitigen Loslassens gekommen, beliebter Topos in leichten Filmen, die sich auf Identitätssuche machen. Das gilt auch für die Mutter, die sich ebenfalls auf die Suche begeben muss: nach den eigenen vernachlässigten Bedürfnissen. Ihre nach Jahren der Funkstille wieder aufgetauchte beste Freundin gibt Starthilfe. Auch diese Momente des Wiederfindens sind liebenswert erzählt. Figuren mit realistischer Bodenhaftung sind ohnehin Christina Großes Spezialität. Insgesamt ist die Geschichte locker und frisch, bisweilen – was die pädagogische Ausrichtung der Geschichte(n) betrifft – vielleicht etwas zu gefällig erzählt. Aber „Schlaflos in Bochum“ ist nun mal kein Arthouse-Kinofilm, sondern ein Fernsehfilm zur Primetime, noch dazu einer, der sein Thema mit dem Unterhaltungsbedürfnis eines Samstagabendpublikums kurzzuschließen versucht. Und das gelingt Julia Schubeis (Regie, Buch) und Madeleine Hartung (Buch) richtig gut.

Schlaflos in BochumFoto: ARD Degeto Film / Martin Rottenkolber
Generalprobe: Charlie (Leela Scherbaum) mit Marik (David Rothe) und Sara (Déborah Jo) auf der großen Bühne. Als Schauspielerin macht sie ihre Sache immer besser. Aber es kommen ihr andere Zweifel – und andere Fragen: Wer bin ich, und wer will ich sein?

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Fernsehfilm

ARD Degeto

Mit Leela Scherbaum, Christina Große, Jonathan Berlin, Nina Vorbrodt, Yuri Völsch, Alexandra von Schwerin, Déborah Jo, Lea Freund

Kamera: Borris Kehl

Szenenbild: Stephanie Ernst

Kostüm: Caroline Habicht

Schnitt: Svenja Baumgärtner

Musik: Birger Clausen

Redaktion: Barbara Süßmann, Stefan Kruppa

Produktionsfirma: Bantry Bay Productions

Produktion: Ariane Krampe

Drehbuch: Madeleine Hartung, Julia Schubeis

Regie: Julia Schubeis

EA: 14.11.2026 20:15 Uhr | ARD

weitere EA: 14.11.2026 20:15 Uhr | ARD-Mediathek

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