Die eine einfühlsam, die andere nüchtern: Der zwölfte Zürich-„Tatort – Frei wie ein Adler“ spielt mit den Festlegungen im Rollenprofil der Kommissarinnen. Genauso wie Tessa Ott (Carol Schuler) und Isabelle Grandjean (Anna Pieri Zürcher) die Perspektive(n) wechseln, genauso ungewöhnlich sind die Allianzen unter den Verdächtigen. Spinnefeind sind sich jedenfalls zwei markante Typen aus dem Rockermilieu. Roland Zehrfeld spielt den haftentlassenen Hardliner Simon Bärfuss wie ein wandelndes Pulverfass. Roeland Wiesnekker als dessen Nachfolger im Präsidentenamt überzeugt mit Maske à la Rammsteins Frontmann Lindemann in statischer Kälte. Passend dazu betont die Kameraeinstellung den einen als bildfüllenden Silberrücken und nimmt beim anderen einen kahlen Kopf ins Visier. Die eigentliche Entdeckung sind die Mitglieder des Schauspiel-Ensembles des Zürcher Theaters Hora. Dort stehen Menschen mit und ohne Beeinträchtigung auf der Bühne. Im „Tatort“ rücken die jungen Menschen mit Downsyndrom als zentrale Figuren mit ins Geschehen. Sie justieren den Umgang aller miteinander neu und lassen die Profis der taktischen Kommunikation gern mal ratlos im Regen stehen.
Foto: SRG SSR / Pascal Mora
Drehbuchautor Jürgen Werner hat bisher über dreißig „Tatorte“ geschrieben. Für den WDR konzipierte er die ersten Fälle des Dortmund-Teams um Kommissar Faber. Daneben schrieb er für „Schloss Einstein“, den „Bergdoktor“ und „Das Traumschiff“. Ein Routinier, der genau hinschauen kann. In „Frei wie ein Adler“ übersetzt er das, was die „Downies“ in ihren Gegenübern auslösen in knappe und dabei vielsagende Dialogsätze. Ständig müssen Ott und Grandjean Empathie und Beschützerinstinkt überwinden, um den ungestümen Jugendlichen mit Trisomie 21 gerecht zu werden. Die Tragik: Ernstgenommen kommen auch sie als Täter infrage. Überhaupt nicht ins Konzept passt dem Ermittlerteam die Anwesenheit eines „FedPol“-Teams im Büro und ein testosteron-getränkter Kollege, der sich als Kenner im Rockermilieu ungefragt in die Ermittlungen einmischt. Dem Fall tun diese Parallelstränge sehr gut. Sie bringen Spannung und einen SEK-Einsatz mit sich, sorgen für zusätzliche Verdachtsmomente und verhindern jede Rührseligkeit.
Die Gefahr besteht: „Du machst mich fertig“, seufzt Rocker Simon, wenn Downie Jacob ihn spontan umarmt. Benjamin Raue („Herzstolpern“) als Jacob und Roland Zehrfeld alias Simon bilden das Wärmezentrum von „Frei wie ein Adler“ und das ungewöhnlichste Team im Kampf gegen Anfeindungen und Mordverdacht. Jacobs „Töffi“-Helm fällt in den gemeinsamen Motorrad-Szenen als Reminiszenz an die Verfilmungen der Rico-und-Oskar-Reihe ins Auge. In den Kinofilmen spielt Zehrfeld als erwachsene Bezugsperson des „tiefbegabten“ Rico einen ähnlichen Part wie hier.
Foto: SRG SSR / Pascal Mora
Abzüge gibt es für die eher langweilige Szenenabfolge, die, gerade zu Anfang brav zwischen Schauplätzen und der Aufsicht auf Zürich wechselt. Dynamik kehrt mit Verfolgungsjagden zu Fuß und auf dem Motorrad ein. Aber auch da stören die Leere der Schauplätze und vor allem die billig anmutenden Rückprojektionen bei der Fahrt durch die Stadt. Absolut gelungen dagegen, wie parallele Erzählstränge den Kreis der Verdächtigen vergrößern und das Kripo-Kernteam in seiner besonnenen Art bestätigen. Fabian Römers dezent eingesetzte Musik unterstreicht all diese Farben und hält sich auch in den tragischen Momenten des Falls angenehm zurück.

