Die Verpackung mag sich ändern, doch die Inhalte – sprich: die Geschichten – sind häufig ähnlich. Das gilt für den Freitagsfilm im „Ersten“, besonders, wenn Romantik im Spiel ist. „Novemberliebe“ gelingt allerdings eine charmante Variation: Tim Gondi (Idee und erste Drehbuchfassung) und Edda Leesch (Überarbeitung) haben für das Liebesdrama, das einige Parallelen zu dem von und mit Robert Redford verfilmten Roman „Der Pferdeflüsterer“ (1995) von Nicholas Evans aufweist, einen originellen Rahmen gefunden. Im Buch ist es ein tödlicher Unfall, der ein Trauma auslöst, im Film ein Auslandseinsatz: Oberfeldwebel Henrik (Tobias van Dieken) ist mit seiner Gruppe in Mali in einen Hinterhalt geraten. Seither leidet er unter einem Posttraumatischen Belastungssyndrom, das er sich allerdings nicht eingestehen will, obwohl er sich die Schuld an dem Vorfall gibt. Seine seit damals defekte Armbanduhr ist das Sinnbild für die Folgen des Ereignisses: Die Zeit ist für ihn stehen geblieben. Die Dienstuntauglichkeit trifft ihn doppelt hart, denn in der Bundeswehr hat er Familie und Berufung gefunden. Nach mehreren vergeblichen Behandlungsversuchen ist eine pferdegestützte Therapie auf dem Martinushof in der Nähe von Köln seine letzte Chance, um in den Dienst zurückzukehren.
Foto: ARD Degeto Film / Martin Rottenkolber
Auf dem ARD-Sendeplatz am Mittwoch wäre daraus ein PTBS-Drama geworden, mit zumindest akustischen Rückblenden vom Hinterhalt, womöglich gar mit getöteten Soldaten und Panikattacken; letztere werden hier nur kurz angedeutet. „Novemberliebe“ folgt zwar ebenfalls einem seriösen Ansatz, aber der Titel lässt keinen Zweifel daran, worauf die Geschichte hinausläuft: Psychologin Anja (Bettina Zimmermann) hat den Hof ihrer Eltern in ein Gestüt umgewandelt, auf dem sie Menschen mit Hilfe speziell ausgewählter Pferde zurück ins Leben hilft. Henrik sieht allerdings keinen Sinn im „Pferdestreicheln“ und will bloß eine Unterschrift, die er seinem Vorgesetzten vorlegen kann. Nach einigem Hin und Her lässt er sich schließlich auf die Therapie ein. Weil Anja ihm Kost und Logis gewährt und sich die beiden bei der Hofarbeit als gutes Team erweisen, entwickelt sich alsbald eine innige Zuneigung, zumal auch Anjas Kinder den Soldaten in ihr Herz schließen.
Alles in allem entwickelt sich der Film also exakt so, wie das freitags im „Ersten“ zu erwarten ist, zumal auch der unvermeidliche Nebenbuhler nicht fehlen darf: Anjas Mann will nicht einsehen, dass die Ehe endgültig vorbei ist, und arbeitet nach Kräften am Comeback. Janek Rieke gelingt das Kunststück, auf eine Art nett zu sein, die eher gegen als für Gregor spricht, zumal der zukünftige Ex-Gatte den Soldaten instinktiv als Rivalen erkennt und am liebsten vom Hof jagen würde. Dass das von Tomy Wiegand routiniert inszenierte Drama trotz seiner Vorhersehbarkeit sehenswert ist, liegt neben dem überzeugenden zentralen Duo und den gut geführten Kindern nicht zuletzt am Handlungsrahmen: Die Martinsgeschichte ist sehr stimmig in die Handlung integriert. Anjas Sohn Luis (Sammy Schrein) soll an St. Martin ein Referat über den Heiligen halten. Henrik, der ihm dabei hilft, erkennt unerwartete Parallelen, und das nicht nur, weil der spätere Bischof von Tour ebenfalls in sehr jungen Jahren Soldat geworden ist. Als er Luis’ Lehrer, der den Jungen gern vor der ganzen Klasse demütigt, eine Abreibung verpasst, droht das Therapieprojekt vorübergehend zu scheitern. Das Herz der skeptischen Teenagertochter Emily (Cora Trube) gewinnt Henrik, als er ihr aus dem brennenden Stall geflohenes Lieblingspferd einfängt; da wird’s kurz mal dramatisch. Die kleine Mia (Sophia Jahn) findet ihn ohnehin toll, weil der Aufklärungssoldat aus ihrer Sicht so etwas wie ein Spion ist.
Foto: ARD Degeto Film / Martin Rottenkolber
Die Dreharbeiten fanden tatsächlich rund um St. Martin statt, der Herbst zeigt sich von seiner schönsten Seite; die Kamera (René Gorski) schwelgt geradezu im Morgen- wie im Abendrot, gern mit Pferden als Schattenriss im Vordergrund. Auch sonst verbreitet der Film viel Behaglichkeit: Die Dorfkinder dürfen in Anjas passend geschmückter Scheune ihre Laternen basteln, und als sich das Paar den Wonnen des Liebeslebens hingibt, lässt das ansprechende Licht vergessen, dass Sex im Stall ein nur bedingt empfehlenswertes Vergnügen ist: Stroh kann ganz schön piksen. Die Szenen mit den Pferden sind ohnehin eine Freude, und der Moment der geistigen Genesung wird durch eine besonders bewegende Szene illustriert. In seinem Referat sagt Luis, der Heilige habe die Welt mit seiner Hilfsbereitschaft „ein bisschen heller gemacht“ – eine schöne Botschaft, nicht nur an St. Martin.

