Die Kamera ist die Komplizin des Publikums, gerade im Krimi: Mit ihrer Hilfe kann die Regie das Augenmerk auf Details lenken, die für die Auflösung eines Falls von entscheidender Bedeutung sind. Entsprechend groß ist die Bedeutung der Einstellungsgröße wie auch des Schnitts: Ein Bild kann schnell zum Wink mit dem Zaunpfahl werden. „Wunschkind“, der dreißigste „Usedom-Krimi“, liefert dafür gleich zu Beginn ein anschauliches Beispiel, als die Kamera einen auffälligen Ring in Nahaufnahme zeigt. Am Ende wird dieser Moment auch noch als Rückblende wiederholt. Ähnlich ungelenk wirken einige Augen-Blicke: Eine ungeschriebene Filmregel sieht vor, dass Menschen bei Umarmungen die Augen schließen; wer das nicht tut, hat unlautere Absichten. Wenn eine Person einer anderen auf eine Weise nachschaut, die nichts Böses ahnen lässt, ist das ein nicht minder untrügliches Merkmal. In diesem speziellen Fall hat das zudem einen filmischen Pleonasmus zur Folge, denn Franz Hartwig zählt aus Sicht zumindest des krimiversierten Publikums ohnehin zum Kreis der Verdächtigen; und eigentlich weiß ein erfahrener Regisseur wie Matthias Tiefenbacher, der sämtliche Filme der „Usedom“-Staffel 2026 gedreht hat, all das auch.
Foto: NDR / ARD Degeto / Daria Biliak
Jenseits dieser Einwände ist „Wunschkind“ nicht zuletzt darstellerisch jedoch uneingeschränkt sehenswert. Die Krimi-Ebene beginnt mit dem obligaten Leichenfund: Ein Anwalt ist erst Opfer eines Angriffs geworden und dann ertrunken. Zuvor haben die regelmäßige „Usedom“-Autorin Dinah Marte Golch und Isabell Serauky jedoch Nathalie eingeführt, eine junge Mutter, die fortan das Epizentrum der Geschichte verkörpert. Gespielt wird sie von Hannah Schiller, die hier ihren vielen herausragenden Leistungen eine weitere hinzufügt. Tiefenbacher und Kameramann Hanno Lentz zeigen ihr Gesicht mehrfach in ungewöhnlich naher Großaufnahme. Solche fast aufdringlich anmutenden Momente können leicht einen gegenteiligen Effekt erzielen, erst recht, wenn eine Schauspielerin just in diesem Augenblick auch noch Emotionen mimt. Schiller, die mit Mitte zwanzig bereits eine beeindruckende Filmografie vorzuweisen hat und stets einen ungemein fokussierten Eindruck macht, tut klugerweise das Gegenteil und verlässt sich völlig zu Recht auf ihre Ausdrucksstärke. Allerdings kann sie auch ziemlich finster dreinschauen.
Nathalie ist ohnehin die interessanteste Figur des Films. Sie war vor einigen Jahren schwer depressiv und hat damals ihr wenige Monate altes Baby vor einer Kirche abgelegt. Zum Glück ist die kleine Greta rechtzeitig entdeckt worden und in die Obhut eines kinderlosen Ehepaars gekommen. Mittlerweile ist Nathalie therapiert und will Greta endlich eine richtige Mutter sein. Weil die Pflegeeltern das Kind behalten möchten, kommt es zwangsläufig zu einem Rechtsstreit um das Sorgerecht. Die ehemalige Staatsanwältin Karin Lossow (Katrin Sass) arbeitet vertretungsweise ehrenamtlich für die Usedomer Familienhilfe und wird so zum Rechtsbeistand Nathalies, die zu allem Überfluss nun auch noch unter Mordverdacht steht: Der Tote aus dem Hafenbecken war der Pflegevater.
Foto: NDR / ARD Degeto / Daria Biliak
Neben den Ermittlungen lebt „Wunschkind“ vor allem von den ausnahmslos glaubwürdig entwickelten und überzeugend verkörperten weiblichen Gastrollen. Wichtigste Figur neben Nathalie ist ihre Kontrahentin. Die Aussichten von Anja Wichmann (Bettina Lamprecht), das Sorgerecht für das Kind zu bekommen, sind nach dem Tod ihres Mannes drastisch gesunken; diese Tatsache sowie der immer wieder aufflackernde Zorn Nathalies sind natürlich erhebliche Verdachtsmomente, zumal sie für die Tatzeit kein Alibi hat. Anja steht im Mittelpunkt einer Szene, in der Tiefenbacher zeigt, wie man ohne Ausrufezeichen inszeniert: Nicht ahnend, dass sie seit einigen Stunden Witwe ist, will sie ihren Mann bei der Polizei als vermisst melden. Just in diesem Moment erfährt Kommissarin Norgaard (Rikke Lyllof) die Identität des Toten aus dem Hafenbecken. Als sie den Kollegen Brendel (Rainer Sellien) zu sich ruft, um ihn zu informieren, bleibt die Kamera bei Anja, aber es ist klar, dass das Gespräch der beiden nichts Gutes verheißt. Später bringen die Autorinnen noch eine seltene Erbkrankheit ins Spiel und bescheren der Geschichte damit eine verblüffende Wendung, aber ihre beste Idee war eine andere: Merle, die Tochter von Kommissar Witt (Rainer Firit), macht ein Schulpraktikum bei der Polizei, hat dank ihrer IT-Kenntnisse großen Anteil an der Lösung des Falls und sorgt zudem mit ihrer Keckheit für einige sehr lustige Momente. Ella Krieger spielt das prima.

