Früher glich die Gesellschaft einer Pyramide: viele Junge, wenige Hochbetagte. In einigen Jahren, wenn die letzten „Babyboomer“ in Rente sind, wird die Pyramide auf dem Kopf stehen: Die Alten werden immer älter, die Zahl der Jungen nimmt kontinuierlich ab. Die ohnehin unterbesetzten Pflegeheime haben schon jetzt lange Wartelisten, häusliche Pflege kommt oft nicht infrage. Doris Dörrie ist 1955 geboren und gehört somit zum ersten deutschen Boomer-Jahrgang. „Frau Winkler verlässt das Haus“ ist ihre erste Regiearbeit seit „Freibad“ (2022) und nicht nur des Inhalts wegen ein Alterswerk: Der Film wirft einen Blick in unsere Zukunft und strahlt eine große Reife aus.
Foto: Zeitsprung / Wild Bunch / Mathias Bothor
Japan, als Gesellschaft noch stärker überaltert als Deutschland, will den Pflegenotstand mit humanoiden Robotern lösen. Dörrie, stets auch Autorin ihrer Filme, beschreibt, wie das aussehen könnte: Nach einem Sturz braucht die achtzigjährige Hamburgerin Jutta Winkler (Angela Winkler) häusliche Betreuung. Ausgerechnet jetzt hat Tochter Emi (Laura Tonke), Schauspielerin wie ihre Mutter, ein Engagement am Theater Lübeck bekommen; da war auch Jutta beschäftigt, ehe das plötzliche Ableben ihres Mannes Bruno sie aus der Bahn geworfen hat. Weil Frau Winkler keine fremde Person in ihrem Haus duldet, soll ein Roboter die Pflege übernehmen. Ihre Ablehnung des „Schrotthaufens“ wandelt sich allmählich zu Akzeptanz und schließlich sogar zu einer Innigkeit, die jedoch unausweichlich zum Tod führen wird: Die Maschine ist auch Sterbebegleiter. Sinken die Vitalfunktionen, hilft sie beim Freitod. Was wie Science-Fiction klingt, entspricht dem Blick in eine Zukunft, die schon längst begonnen hat. Mal lässt Dörrie den Fortschritt beiläufig durchs Bild wandern, mal sorgt er für kleine Humoresken, wenn Frau Winkler im Lokal der gewünschte Wodka verweigert wird: Weil nur noch bargeldlos bezahlt werden kann, weiß die Robot-Bedienung, dass sie Alkoholikerin ist, doch im Gegensatz zu Menschen lassen sich Maschinen leicht austricksen.
Es gibt mehrere heitere Momente dieser Art, aber „Frau Winkler verlässt das Haus“ ist allenfalls eine Tragikomödie; vor allem dank Anton Tschechow. Viele Hauptfiguren des russischen Dramatikers sehnen sich nach einer besseren Zukunft, bleiben aber passiv und ergeben sich ihrem Schicksal. Eins seiner letzten Werke war „Drei Schwestern“. Emi soll die Olga spielen, just jene Rolle, mit der sich Jutta von der Bühne verabschiedet hat: Nach Brunos Tod beim gemeinsamen Urlaub in den bayerischen Alpen konnte sie nur noch als Souffleuse arbeiten. Das Stück prägt auch den Film, weil Dörrie die Proben der Tochter mit dem Alltag der Mutter verknüpft. Da der Roboter als Künstliche Intelligenz über das Wissen der Welt verfügt, sind ihm die Stücke Tschechows natürlich geläufig. Jutta nennt ihn nach dessen zweitem Familiennamen Pawlowitsch. Gemeinsam rezitieren sie fortan Passagen aus „Drei Schwestern“; Pawlowitsch übernimmt dabei jene Rolle, die einst Bruno innehatte. In den entsprechenden Rückblenden spielt Laura Tonke die junge Jutta. Für die Doppelrolle Pawlowitsch/Bruno hat Dörrie den Österreicher Josef Ellers ausgewählt. Der Bühnenschauspieler ist auch Musical-Darsteller und verfügt daher über das nicht nur in den gelegentlichen Tanzszenen nötige Körpergefühl.
Foto: Zeitsprung / Wild Bunch / Mathias Bothor
Eine dritte Ebene des Films erschließt sich aus der Biografie der Regisseurin: Dörries erster Mann starb, als die gemeinsame Tochter noch klein war; in die Szenen mit Jutta und Emi dürften ihre Erfahrungen mit der Pflege der eigenen Eltern eingeflossen sein. Spätestens seit ihrem vielfach ausgezeichneten Meisterwerk „Kirschblüten – Hanami“ (2008) ist zudem ihre Affinität zu Japan bekannt. Von dort stammt nicht nur der Brauch, der Nachbarschaft mit Hilfe der Vorhänge zu signalisieren, dass man noch lebt, sondern auch die „Ballade von Narayama“, die als Inspiration für den Schluss diente: Weil die Menschen arm sind, werden die Alten, sobald sie siebzig sind, zum Sterben auf den heiligen Berg Narayama gebracht.
Hier zeigt sich zudem der Einfluss der Corona-Zeit: „Volkswirtschaftlich gesehen“, sagt früh im Film die Frau vom Pflegedienst (Via Jikeli), sei selbstbestimmtes Sterben „nur sinnvoll“. Selma ist neben Mutter und Tochter Winkler die dritte weibliche Figur, die im Verlauf der Handlung eine Entwicklung vollzieht: Anfangs bleibt sie kühl und sachlich, später verabschiedet sie sich unter Tränen von der alten Frau. Auch Pawlowitsch wird dank seiner Fähigkeit zur Empathie zunehmend emotional. Die größten Schritte machen jedoch Jutta und Emi: Ihre Mutter, klagt die Tochter zu Beginn, sitze „wie ein Dämon auf ihrem Rücken“; die alte Frau wird später kontern, Emi hänge an ihr wie ein Mühlstein. Ausgerechnet das sprechende Spielzeug ihrer eigenen Tochter öffnet Emi mit einer Frage, die wie die Quintessenz von Döries Lebenswerk klingt, die Augen: „Hast du dich selbst zur Blüte gebracht?“

