Tatort – Gottesgarten

Thomass, Hinrichs, Wasserscheid, Scheicher, Bresgott, Lieb, Loose ... und die Chemie stimmt

23.10.2026 05:30 ARD-Mediathek Streaming-Premiere
25.10.2026 20:15 ARD TV-Premiere
26.10.2026 23:59 ARD
Foto: BR / Claussen + Putz / Hendrik Heiden
Foto Thomas Gehringer

Zugewandt und selbstbewusst präsentiert sich die Neue im Team des Franken-„Tatorts“: Rosalie Thomass legt in der Episode „Gottesgarten“ (BR / Claussen + Putz) als Emmy Rathgeber einen vielversprechenden Einstieg als Nachfolgerin von Dagmar Manzel hin. Auf sympathisch unspektakuläre Weise gelingt die Eingliederung der aus Oberbayern stammenden Kommissarin in Nürnberg. Die Chemie stimmt zwischen ihr, Felix Voss (Fabian Hinrichs) und Wanda Goldwasser (Eli Wasserscheid). Im spannenden ersten Fall muss das Trio den Tod eines in einem Stundenhotel aufgefundenen jungen Mannes aufklären, der im fränkischen „Gottesgarten“ aufgewachsen ist – ein Rachekrimi, dessen hartes Finale neugierig auf die weitere Entwicklung im Team macht.

Die alte „Tatort“-Regel, dass in den ersten Minuten eine Leiche präsentiert werden muss, gilt auch dann, wenn eine neue Hauptfigur eingeführt wird. Und so hat Emmy Rathgeber (Rosalie Thomass) auf dem Nürnberger Kommissariat gerade erst den frisch erhaltenen Begrüßungs-Blumenstrauß geteilt, um die andere Hälfte an „Geburtstagskind“ Felix Voss (Fabian Hinrichs) weiterzureichen, als beide schon zu ihrem ersten gemeinsamen Tatort gerufen werden. Bei einer freundlichen Blumen-Geste bleibt es nicht – in den folgenden 90 Minuten gibt es nur eine einzige Szene, die auf Spannungen und hierarchisches Positionsgerangel hindeutet: Darin formuliert Rathgeber ihren Anspruch, dass nicht Voss, sondern sie beim nächsten Mal mit der Aufgabenverteilung dran sei – „versprochen?“ Doch statt den möglichen Konflikt auszureizen, lässt Drehbuch-Autor Constantin Lieb auf charmante Weise die Luft raus: Große Versprechen zu machen, liege ihm nicht so, antwortet Voss. „Aber ich kann Ihnen mein Wort geben, wenn Ihnen das wichtig ist.“ „Welches Wort wäre es denn?“, gibt Rathgeber zurück. „Zwetschgenquarkknödel“, antwortet Voss.

Tatort – GottesgartenFoto: BR / Claussen + Putz / Hendrik Heiden
Drei beste Freunde: Toni (Leonard Scheicher), Elias (Moritz Bock) und Marcel (Anselm Ferdinand Bresgott) auf dem Staffelberg

Das könnte man leicht als Veralberung missverstehen, aber seine neue Kollegin nimmt den spielerischen Ton weiter auf. Später wird das Wort zur Brücke für ein erstes privates Gespräch über die eigenen Familien. Und Wanda Goldwasser, die sich wohl ebenfalls auf die Stelle der ausgeschiedenen Paula Ringelhahn (Dagmar Manzel) beworben hatte, bleibt kollegial und ist die Erste, die der Neuen das Du anbietet. Dennoch wirkt diese Harmonie im Team nicht aufgesetzt und künstlich, was gleichermaßen an den Dialogen, der Regie und natürlich dem Spiel des Trios Thomass, Hinrichs und Wasserscheid liegen dürfte. Die Chemie stimmt schon mal, und auch wenn man Dagmar Manzel und die bisweilen ruppige, eigenwillige Ringelhahn aufrichtig vermissen kann, bietet doch der Einstieg einer jüngeren Kollegin neue Erzählmöglichkeiten. Auch für die Figur des Kommissars Voss, der nun der Ältere im Team ist. „Er schaut nicht mehr so steif aus der Wäsch‘“, behauptet Kriminaltechniker Schatz (Matthias Egersdörfer). Ob sich da mehr als eine kollegiale Beziehung anbahnt, bleibt aber völlig offen.

Im ersten gemeinsamen Fall werden Voss und Rathgeber zu einem Stundenhotel gerufen, wo die Leiche eines jungen Mannes gefunden wurde. Elias Schaller (Moritz Block) war kurz zuvor noch als Sänger in einer „Open Drag Night“ aufgetreten. Für die nahe liegende Vermutung, dass ihm ein Freier die Kehle durchgeschnitten hat, findet die Polizei mangels Tatwaffe, verwertbarer Spuren und Zeugenaussagen zunächst keine Hinweise. Das Publikum ist den Ermittlern insofern ein Stück weit in der Geschichte voraus, weil Autor Liebe und Regisseur Dustin Loose parallel die Wege eines jungen Mannes mit Kappe und Kapuze verfolgen, der kurz nach Elias‘ Tod vor der Tür seines Stundenhotelzimmers gesehen wurde. Dieser tatverdächtige Toni Steeg (Leonard Scheicher) folgt anschließend einem älteren Mann in einem kleinen Ort auf Schritt und Tritt, bricht schließlich in dessen Wohnung ein und platziert dort einen blutverschmierten Plastikbeutel. Draußen steht Marcel Dahlmann (Anselm Ferdinand Bresgott) Schmiere. Es sind die Freunde von Elias, die man bereits zu Beginn gemeinsam auf einem Felsen hocken sah und von denen die Polizei ein gemeinsames Foto findet. Die enge Freundschaft zwischen dem bipolaren Elias, Toni und Marcel bleibt zwar auf dieses Bild und wenige Rückblenden reduziert, erscheint aber auf diese Weise auch als völlig selbstverständlich. Elias‘ Vorleben in wenigen Szenen zu skizzieren, etwa in der Ablehnung seiner queeren Identität durch den Vater (Horst Kummeth), ist durchaus ausreichend. Und dass sich Elias prostituiert hat, ist angesichts seiner Vorgeschichte plausibel und jedenfalls kein aus der Luft gegriffenes Klischee.

Tatort – GottesgartenFoto: BR / Claussen + Putz / Hendrik Heiden
Nomen est omen: Im Ort Gottesgarten fühlt Emmy Rathgeber (Rosalie Thomass) Elias’ Mutter (Jule Gartzke) auf den Zahn.

Immer kurioser wird die fränkische Lust zum Spiel mit sprechenden Namen: Neben Wanda Goldwasser und neuerdings Emmy Rathgeber wären da der Leiter des Kommissariats, der „Kaiser“ (Stefan Merki) heißt, sowie das Kriminaltechnik-Duo „Schmuck“ (Lisa Sophie Kusz) und „Schatz“ (Matthias Egersdörfer), das ungern einer Meinung ist. Nicht mal der Name „Voss“ für den aus Norddeutschland stammenden Kommissar tanzt aus der Reihe, denn damit verbindet man natürlich eine ehemals bedeutende Werft. Und auch der aus dem Hebräischen stammende Vorname Elias, der „Mein Gott ist Jahwe“ bedeutet, dürfte in einer Episode namens „Gottesgarten“ nicht zufällig gewählt worden sein. Da mag man es kaum glauben, aber den „Gottesgarten“, einen Landstrich im Obermainland, der hier dezent in Szene gesetzt wird, gibt es wirklich.

Wenn ein neues Ermittlerteam eingeführt wird, und sei es nur ein halbes, gerät die Krimihandlung leicht unter die Räder. Das ist hier nicht der Fall, Lieb und Loose gelingt eine gut abgestimmte Mischung aus der Figurenentwicklung und einer spannenden Zuspitzung der Kriminalgeschichte um Missbrauch, Rache und Wut über ein als ungerecht empfundenes Rechtssystem. Dabei spielt ein Urteil des Bundesverfassungsgerichts eine wichtige Rolle: Karlsruhe hatte im Oktober 2023 eine Neuregelung im Strafrecht gekippt, die die Wiederaufnahme von Strafverfahren wegen schwerer Verbrechen bei neuen Beweisen ermöglicht hatte – trotz eines bereits ergangenen Freispruchs. Das Gericht verteidigte somit den Rechtsgrundsatz, dass niemand wegen einer Sache zwei Mal vor Gericht gestellt werden dürfe (lat.: „Ne bis in idem“). Das kommt am Stammtisch nicht so gut an. Dorthin schleppt Rathgeber den widerwilligen Voss, denn das sei der Ort, wo man auf dem Dorf sein muss, wenn man Informationen braucht – „zumindest da, wo i herkumm“, sagt die neue Kollegin. Dass der Franken-„Tatort“ mit Rosalie Thomass alias Emmy Rathgeber (statt der aus Brandenburg stammenden Paula Ringelhahn) deutlich bayerischer sein könnte, wird hier angedeutet. Auch in dieser Hinsicht eröffnet das umgebildete Team noch einige Möglichkeiten.

Tatort – GottesgartenFoto: BR / Claussen + Putz / Hendrik Heiden
Rückblende: Schon im Jahr 2010 hat es Elias (Vitus Glass), Toni (Mats Ludwig) und Marcel (Wanja Kube) der Staffelberg angetan.

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Reihe

BR

Mit Rosalie Thomass, Fabian Hinrichs, Eli Wasserscheid, Leonard Scheicher, Anselm Ferdinand Bresgott, Jörg Witte, Moritz Bock, Stefan Merki, Matthias Egersdörfer, Lisa Sophie Kusz, Horst Kummeth, Jule Gartzke, Anhelina Vlasenko

Kamera: Clemens Baumeister

Szenenbild: Gabriele Wolff

Kostüm: Bine Bockmeyer

Schnitt: Anna Nekarda

Musik: Dürbeck & Dohmen

Redaktion: Claudia Luzius

Produktionsfirma: Claussen + Putz Filmproduktion

Produktion: Uli Putz, Jakob Claussen

Drehbuch: Constantin Lieb

Regie: Dustin Loose

EA: 23.10.2026 05:30 Uhr | ARD-Mediathek

weitere EA: 25.10.2026 20:15 | ARD

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