Beton vor kalt-blauem Himmel. Jura-Studentin Anni (Annika Gräslund) hetzt durch die Bremer Uni. Hier kann sie nichts mehr reißen, den Job im Café ist sie los und auch die Nächte im bunkerähnlichen Nachtclub „Blue Moon“ versprechen einer wie Anni kein Glück. Zu kurz wirken die Pillen. Im kalten Morgenlicht beugt sich Gerichtsmedizinerin Edda Bingley (Helen Schneider) über den Körper der jungen Frau. Tod mit Fremdeinwirkung. Bei einer Größe von 1,73 wog das Opfer noch 47,2 Kilo. In Annis Blut schwimmen Ritalin und andere Methylphenidate. Nach dem Leichenfund taucht Regisseurin und Tatort-Debütantin Ziska Riemann in das Vorleben einer Gedopten ein. Zwischen den Tauchgängen holt die Kamera Luft. Über den Dächern von Bremen geht der Blick in einen klaren, kalten Himmel.
Foto: Radio Bremen / Magdalena Stengel
Liv Moormann (Jasna Fritzi Bauer), die nach einem Knockout von Kollegin Selb (Luise Wolfram) über weite Strecken im Alleingang ermittelt, beginnt in Annis WG. „Zwischen Arm und Reich liegt nur eine Wand“, bringt deren Zimmernachbar Colin (Mitja Over) das „Miteinander“ auf den Punkt. Interessante Gesichter, einige frisch von der Hochschule gecastet, sind unter diesem WG-Dach streng nach Typen sortiert. Neben „Versagerin“ Anni und dem „bunten Vogel“ Colin laufen die kühle Karima und die ahnungslose Neu-Mieterin Laslo über den Flur. Die Miete kassiert Hannes (Michael Schweisser). Seine Zimmertür ist oft verschlossen. Jeder hier hat seine eigene Strategie, um Leben und Studium zu finanzieren. Einige kommen als Verdächtige infrage.
In Annis Elternhaus ist die heile Welt längst zerbrochen. Seit der Trennung von ihrem Mann lebt Gabriele Höpken (Catrin Striebeck) zwischen gepackten Kisten. Die Tage in der Villa sind gezählt. Moormanns Besuch und die Nachricht von Annis Tod sind der finale Schicksalsschlag. In Zeitlupe und ohne Audiospur bewegen sich Mutter und Schwester des Opfers durch eine erdrückende Leere. Striebeck gibt das Wrack famos, sie verkrustet nach innen. Nur in der ersten Szene trägt sie noch Kostüm. Fortan wird es der immergleiche, aufgeribbelte Pulli sein. Sie muss durchhalten – für Annis jüngere Schwester.
Foto: Radio Bremen / Magdalena Stengel
Jasna Fritzi Bauer spielt die Figur der Liv Moormann einen Tick beherrschter und nachdenklicher als bisher. Zickenkrieg fällt aus, dafür funktionieren Chemie und Hierarchie zwischen ihr und dem zugeteilten KDD-Kollegen Patrice Schipper (Tijan Njie) erfreulich gut. Missverständnisse zwischen den beiden löst das Drehbuch charmant auf. Zu Marvin Gayes „Let´s Get It On“ entlockt der Fall Ermittlerin Moormann ein warmes Lächeln, wo sonst oft nur genervtes Grinsen ist. Die Figur des Schipper bringt eine Portion Leichtigkeit – und Liv Moormann lässt sich darauf ein. Professionalität, Offenheit und menschliche Wärme statt Konkurrenz. Tut gut.
Bleibt das Grundproblem vieler Fälle, in denen es um „die Jugend“ geht. Filmisch übersetzt heißt das: Sprechgesang, Stroboskoplicht und alle Clubs der Republik sehen gleich aus. Auch Bremen wählt diesen Dreiklang zum Einstieg und zieht damit eine Schublade, die nicht ahnen lässt, welche Drehs und Differenzierungen den Fall in den folgenden 85 Minuten sehenswert machen. Der Ausgangspunkt für „Tatort – Wenn man nur einen retten könnte“ war der reale Fall einer jungen Frau, die über Jahre vorgibt, Jura zu studieren und nicht den Mut findet, ihren Eltern zu gestehen, dass sie das Studium nicht schafft. Die Autorinnen Christine Otto und Elisabeth Herrmann zeigen an diesem Fall, unter welchem Druck junge Menschen stehen. Sie zeichnen die WG als Arena und legen die Einsamkeit hinter Fassaden bloß. Otto, die u.a. gemeinsam mit Jakob Hein und Sabine Thor Wiedemann die dritte Staffel „Charité“ konzipierte und Herrmann, die neben der Krimireihe um Joachim Vernau auch Kriminalromane für die jüngere Leserschaft schreibt, brachten genügend Expertise ein, um ein abgenudeltes Thema neu aufzurollen.
Foto: Radio Bremen / Magdalena Stengel

