Tatort – Wenn man nur einen retten könnte

Bauer, Wolfram, Schneider, Striebeck, Njie, Elisabeth Herrmann, Christine Otto, Ziska Riemann. Leben unter Druck

25.01.2026 20:15 ARD TV-Premiere
25.01.2026 20:15 ARD-Mediathek Streaming-Premiere
25.01.2026 21:45 One
26.01.2026 23:50 ARD
Foto: Radio Bremen / Magdalena Stengel
Foto Martina Kalweit

An der Uni versagt, in der WG gedisst: Studentin Anni kommt nicht mehr klar. Am Morgen nach einer Clubnacht liegt sie mit Genickbruch am Ende der Treppe am Notausgang. Stimmiges Bild für das Ende einer verlorenen Seele. Spuren von Fremdeinwirkung bringen die Bremer Kripo auf den Plan. „Tatort: Wenn man nur einen retten könnte“ (RB / Bremedia) überrascht mit einem Neuzugang und verzichtet auf die bekannt konfliktträchtige Dynamik zwischen den Ermittlerinnen. Die Story stammt aus der Feder zweier Krimi-Expertinnen. Bei aller Traurigkeit schmücken sie den achten Fall auch mit entspannt-witzigen Momenten.

Beton vor kalt-blauem Himmel. Jura-Studentin Anni (Annika Gräslund) hetzt durch die Bremer Uni. Hier kann sie nichts mehr reißen, den Job im Café ist sie los und auch die Nächte im bunkerähnlichen Nachtclub „Blue Moon“ versprechen einer wie Anni kein Glück. Zu kurz wirken die Pillen. Im kalten Morgenlicht beugt sich Gerichtsmedizinerin Edda Bingley (Helen Schneider) über den Körper der jungen Frau. Tod mit Fremdeinwirkung. Bei einer Größe von 1,73 wog das Opfer noch 47,2 Kilo. In Annis Blut schwimmen Ritalin und andere Methylphenidate. Nach dem Leichenfund taucht Regisseurin und Tatort-Debütantin Ziska Riemann in das Vorleben einer Gedopten ein. Zwischen den Tauchgängen holt die Kamera Luft. Über den Dächern von Bremen geht der Blick in einen klaren, kalten Himmel.

Tatort – Wenn man nur einen retten könnteFoto: Radio Bremen / Magdalena Stengel
Tatort-Untersuchung. Gerichtsmedizinerin Edda Bingley (Helen Schneider) und der Neue, Patrice Schipper (Tijan Njie), vom KDD

Liv Moormann (Jasna Fritzi Bauer), die nach einem Knockout von Kollegin Selb (Luise Wolfram) über weite Strecken im Alleingang ermittelt, beginnt in Annis WG. „Zwischen Arm und Reich liegt nur eine Wand“, bringt deren Zimmernachbar Colin (Mitja Over) das „Miteinander“ auf den Punkt. Interessante Gesichter, einige frisch von der Hochschule gecastet, sind unter diesem WG-Dach streng nach Typen sortiert. Neben „Versagerin“ Anni und dem „bunten Vogel“ Colin laufen die kühle Karima und die ahnungslose Neu-Mieterin Laslo über den Flur. Die Miete kassiert Hannes (Michael Schweisser). Seine Zimmertür ist oft verschlossen. Jeder hier hat seine eigene Strategie, um Leben und Studium zu finanzieren. Einige kommen als Verdächtige infrage.

In Annis Elternhaus ist die heile Welt längst zerbrochen. Seit der Trennung von ihrem Mann lebt Gabriele Höpken (Catrin Striebeck) zwischen gepackten Kisten. Die Tage in der Villa sind gezählt. Moormanns Besuch und die Nachricht von Annis Tod sind der finale Schicksalsschlag. In Zeitlupe und ohne Audiospur bewegen sich Mutter und Schwester des Opfers durch eine erdrückende Leere. Striebeck gibt das Wrack famos, sie verkrustet nach innen. Nur in der ersten Szene trägt sie noch Kostüm. Fortan wird es der immergleiche, aufgeribbelte Pulli sein.  Sie muss durchhalten – für Annis jüngere Schwester.

Tatort – Wenn man nur einen retten könnteFoto: Radio Bremen / Magdalena Stengel
Er versucht, sich sein Leben als Künstler zu finanzieren: Colin Trenkner (Mitja Over), ein bunter Vogel, tritt beim Poetry Slam auf.

Jasna Fritzi Bauer spielt die Figur der Liv Moormann einen Tick beherrschter und nachdenklicher als bisher. Zickenkrieg fällt aus, dafür funktionieren Chemie und Hierarchie zwischen ihr und dem zugeteilten KDD-Kollegen Patrice Schipper (Tijan Njie) erfreulich gut. Missverständnisse zwischen den beiden löst das Drehbuch charmant auf. Zu Marvin Gayes „Let´s Get It On“ entlockt der Fall Ermittlerin Moormann ein warmes Lächeln, wo sonst oft nur genervtes Grinsen ist. Die Figur des Schipper bringt eine Portion Leichtigkeit – und Liv Moormann lässt sich darauf ein. Professionalität, Offenheit und menschliche Wärme statt Konkurrenz. Tut gut.

Bleibt das Grundproblem vieler Fälle, in denen es um „die Jugend“ geht. Filmisch übersetzt heißt das: Sprechgesang, Stroboskoplicht und alle Clubs der Republik sehen gleich aus. Auch Bremen wählt diesen Dreiklang zum Einstieg und zieht damit eine Schublade, die nicht ahnen lässt, welche Drehs und Differenzierungen den Fall in den folgenden 85 Minuten sehenswert machen. Der Ausgangspunkt für „Tatort – Wenn man nur einen retten könnte“ war der reale Fall einer jungen Frau, die über Jahre vorgibt, Jura zu studieren und nicht den Mut findet, ihren Eltern zu gestehen, dass sie das Studium nicht schafft. Die Autorinnen Christine Otto und Elisabeth Herrmann zeigen an diesem Fall, unter welchem Druck junge Menschen stehen. Sie zeichnen die WG als Arena und legen die Einsamkeit hinter Fassaden bloß. Otto, die u.a. gemeinsam mit Jakob Hein und Sabine Thor Wiedemann die dritte Staffel „Charité“ konzipierte und Herrmann, die neben der Krimireihe um Joachim Vernau auch Kriminalromane für die jüngere Leserschaft schreibt, brachten genügend Expertise ein, um ein abgenudeltes Thema neu aufzurollen.

Tatort – Wenn man nur einen retten könnteFoto: Radio Bremen / Magdalena Stengel
Auch das noch – Betty (Mathilda Smidt) und ihre Mutter Gabriele Höpken (Catrin Striebeck) bekommen Besuch von der Polizei.

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Reihe

RB

Mit Jasna Fritzi Bauer, Luise Wolfram, Tijan Njie, Catrin Striebeck, Annika Gräslund, Mathilda Smidt, Helen Schneider, Niklas Marian Müller, Michael Schweisser, Mitja Over, Joyce Sanhá

Kamera: Aljoscha Hennig

Szenenbild: Sabine Pawlik

Kostüm: Monika Gebauer

Schnitt: Birgit Gasser

Musik: Martin Glos

Soundtrack: u.a. Marvin Gaye („Let’s Get It On“), AVEC („Waiting For“)

Redaktion: Lina Kokaly (Radio Bremen), Birgit Titze (ARD Degeto)

Produktionsfirma: Bremedia

Produktion: Katharina Wagner

Drehbuch: Elisabeth Herrmann, Christine Otto

Regie: Ziska Riemann

EA: 25.01.2026 20:15 Uhr | ARD

weitere EA: 25.01.2025 20:15 Uhr | ARD-Mediathek

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