Ähnlich wie heute Jürgen Werner hat Autor Herbert Lichtenfeld von „Traumschiff“ bis „Tatort“ das gesamte Spektrum abgedeckt. Er ist gleich für sein Debüt („Deutschlandreise“, 1970) mit dem Grimme-Preis geehrt worden und hat später für Wolfgang Petersen mit „Reifezeugnis“ eine der berühmtesten „Tatort“-Episoden überhaupt geschrieben, aber beispielsweise auch sämtliche Drehbücher für die „Die Schwarzwaldklinik“. „Spätlese“, wie „Reifezeugnis“ 1977 erstmals ausgestrahlt, ist ein gutes Beispiel für Lichtenfelds Freude an doppelbödigen Dialogen, für die wiederum Felmy der perfekte Darsteller war. „Ihre Höflichkeit hat was Perfides“, sagt ein Zeuge zu Haferkamp, nachdem ihm der Hauptkommissar subtil, aber deutlich auf den Schlips getreten ist. Die Ehefrau des Opfers fasst er ebenfalls nicht gerade mit Samthandschuhen an, aber dafür entschuldigt er sich später immerhin: Er hat sie im Verdacht, die Ermordung ihres Mannes in Auftrag gegeben zu haben.
Die Handlung beginnt nicht mit dem Fund der Leiche, sondern mit der Überbringung der Todesnachricht. Die ersten Bilder zeigen das Gesicht von Andrea Jonasson, eine ätherische rothaarige Schönheit, die dank ihrer Fragilität und den großen blauen Augen gern engagiert wurde, wenn Beschützerinstinkte geweckt werden sollten. In den Siebzigern pflegten weibliche Filmfiguren bei Überforderung noch grazil niederzusinken; auch Claudia Bernhold zieht irgendwann den Ohnmachtsjoker. Kommissar Haferkamp erweist sich allerdings als immun, zumal er begründeten Anlass hat zu glauben, dass die Dame den Gatten aus dem Weg räumen ließ: Mit Robert Stolp steht der Nachfolger schon bereit; die häufigen Besuche des Hausarztes der Familie gelten ganz offenkundig nicht nur Claudias Schwester (Claudia Wedekind), die im Rollstuhl sitzt. Stolp ist es auch, der sich über Haferkamps Unterstellung echauffiert. Gespielt wird der Mann von Udo Vioff, der in jenen Jahren gewissermaßen das maskuline Gegenstück zu Jonasson war und in Reihen und Serien wie „Tatort“, „Der Alte“ oder „Derrick“ regelmäßig als einer der üblichen Verdächtigen auftauchte.
Erhärtet wird Haferkamps Verdacht, als Claudia Bernhold wenige Tage nach dem Tod ihres Mannes zu einer stillgelegten Zeche fährt. Der Kommissar vermutet, dass sie dort das Geld für den Auftragsmörder deponiert. Tatsächlich ist es genau andersrum: Als sie die Papiere ihres Mannes durchgeht, entdeckt die Witwe, dass der Gatte ein Erpresser war. Neben einer Menge Bargeld findet sie auch eine Wegbeschreibung zum Ort der Geldübergabe. Damit der Erpresste nicht ahnt, dass Bernhold der Täter war, holt sie die letzte Zahlung ab. Geschickt wechselt Lichtenfeld immer wieder die Perspektive. Zunächst beobachtet die Kamera die Witwe beim Ordnen des Nachlasses, dann lässt der Autor die Ermittler im Nebel stochern. Als sich schließlich herausstellt, wem die Erpressung galt, bleibt der Film dieser Erzählweise treu: Bernhold hat sich seit drei Jahren bei einem bekannten und beliebten Essener Großbürger bedient; natürlich will Haferkamp wissen, was der Unternehmer & Stadtrat (Alexander Kerst) auf dem Kerbholz hat; immerhin war ihm das Schweigen jeden Monat 5000 Mark wert.
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Regie führte der kurz zuvor im Rahmen des Deutschen Filmpreises für sein Lebenswerk ausgezeichnete Wolfgang Staudte; er gilt dank seines Defa-Dramas „Die Mörder sind unter uns“ (1946) als einer der wichtigsten deutschen Nachkriegsregisseure. Nach seinem Wechsel in den Westen brauchte er einige Jahre, bis er mit „Rosen für den Staatsanwalt“ (1959), einem der wenigen westdeutschen Filme jener Jahre über die Zeit des Nationalsozialismus, wieder ein Werk von ähnlicher Bedeutung drehen durfte. Als er das Thema mit „Herrenpartie“ (1964) erneut aufgriff, galt Staudte endgültig als Nestbeschmutzer. Gemessen an der politischen Relevanz dieser Arbeiten ist „Spätlese“ ein ganz gewöhnlicher „Gebrauchskrimi“, wie Lichtenfeld sicherlich eingeräumt hätte, aber als solcher dank der dichten Inszenierung und der Darstellerführung dennoch sehenswert; selbst wenn die Spannung aus den naheliegenden Fragen resultiert, woher das viele Bargeld stammt und was sich der Unternehmer hat zu Schulden kommen lassen. Im besten Sinne routiniert erfüllen Buch und Regie auch die Erwartungen: Fester Bestandteil der Haferkamp-Filme war das liebevolle Geplänkel des Kommissars mit seiner nicht nur wegen ihrer Buletten geschätzten Exfrau (Karin Eickelbaum) sowie der freundschaftliche Umgang mit seinem Mitarbeiter Kreutzer (Willy Semmelrogge), der hier allerdings kaum mehr zu tun hat, als die Büropflanzen zu gießen sowie Kaffee und Stichwörter zu servieren. Für die Bildgestaltung war mit Gernot Roll einer der schon damals renommiertesten deutschen Kameramänner zuständig. Interessant ist auch die in den Stabangaben nicht berücksichtigte Musik, ein aus akustischen Instrumenten bestehender Jazz mit vielen Querflöten- und Perkussionselementen, der nach Jam-Session klingt und nicht immer zum Geschehen passt, dem Film aber eine ganz eigene Atmosphäre verleiht.
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Die Musik klang sehr nach Baden Powell und nicht irgendeiner Jamsession. Immerhin einer der größten brasilianischen Gitarristen.