„Endlich bin ich hier weg. Alles wird gut sein.“ Die Sprachnachrichten machen deutlich: Hier will jemand ein neues Leben beginnen. Dieser Jemand ist Lilly (Dilara-Aylin Ziem), ein 16-jähriges Heimkind; gemeinsam mit ihrem Freund und Leidensgenossen Pascal (Florian Geißelmann) haut sie eines Nachts ab, keine kleine Flucht zum Steinbruch am See wie sonst, diesmal soll es „für immer“ sein. Am nächsten Morgen ist das Mädchen tot. Ertrunken? Ins Wasser geschubst? Nachdem Pascal eine ehemalige Erzieherin tätlich angegriffen hat, wird nach dem 17-Jährigen die Fahndung ausgerufen. Das Verhalten des Jungen bestätigt, dass er besonders schwierig ist und ohne seine Medikamente schnell aggressiv werden kann. Die Ermittlungen erweisen sich für Leonie Winkler (Cornelia Gröschel) psychologisch als schwierig. Kann sie der Heimleiterin (Silvina Buchbauer), der Erzieherin (Aysha Joy Samuel) und dem Hausmeister (Elmar Gutmann) alles glauben, was sie erzählen? Musste Lilly tatsächlich vor ihrer Mutter (Milena Dreissig) geschützt werden? War das Leben in dieser Familie wirklich die Hölle, wie der Mann vom Jugendamt (Peter Moltzen) bekräftigt? „Irgendwas stimmt hier nicht“, ist sich Winklers Chef Schnabel (Martin Brambach) sicher. Wegen Gorniaks Kündigung muss er jetzt aktiv mit ermitteln. So gut es eben geht; der Mann ist kinderheimgeschädigt, und er macht einen Anfängerfehler. Sein Bauchgefühl aber trügt ihn nicht.
Foto: MDR / MadeFor / Junghans
„Wir haben nichts, kein Geständnis, keine Zeugen. Vielleicht lügt er, vielleicht nicht, vielleicht ist er Opfer, vielleicht Täter, vielleicht aber auch beides.“ Lange tappen die Kommissare im Dunkeln. Das passt zum Reihen-Titel „Siebenschläfer“, dem 19. „Tatort“ aus Dresden: Der kleine Nager ist nachtaktiv. Und er schläft viel: Das wiederum passt zur Geschichte um ein vermeintliches Vorzeigeheim, die Silke Zertz und Frauke Hunfeld, in ihrem vierten gemeinsamen Drehbuch erzählen. Den beiden renommierten Autorinnen gelingt es, die Geschichte auf allen Ebenen mit sozialer Realität zu durchdringen: Im Zentrum steht die staatliche Überforderung, Probleme des Gesundheitssystems, die konfliktreiche Arbeit der Jugendämter, aber es geht auch um die andere Seite, um die (noch vor der Volljährigkeit) von der Gesellschaft Abgehängten, die, die sich subjektiv als Opfer fühlen und die, die es objektiv sind. Damit zeigen die Autorinnen ein Stück vom aktuellen gesellschaftlichen Schlamassel, und sie spiegeln viel von jener Wut, die ungefiltert gegen den Staat und seine Institutionen geschleudert wird. Allen gemeinsam ist, dass sie mehr oder weniger mit Feindbildern operieren und einem vereinfachten Denken: Für die Mutter des toten Mädchens (und nicht nur für sie) sind alle, die ihr das Kind „weggenommen“ haben, „Mörder“. Etwas reflektierter sehen die Erzieher und der Psychiater (Hanno Koffler), mit dem das Heim kooperiert, die Konflikte. Am Ende aber verfolgt jeder nur eigene Interessen. Außerdem fehlt es überall am Geld. Das Heim ist gnadenlos unterbesetzt. Aber nicht nur das Heim. Auch den Kommissaren fehlt Gorniak und nach einem weiteren Mord bräuchten sie eigentlich eine Soko.
Die Mängel haben System, jedenfalls in dem konkret erzählten Fall; als gesellschaftliche Grundsatzkritik soll dieser „Tatort“ jedenfalls nicht verstanden werden: Das machen einige Dialoge deutlich. Wie das System aus Jugendhilfe, Psychiatrie und staatlicher Verantwortung in „Siebenschläfer“ funktioniert, bei dem es nur Verlierer gibt, wird im Schlussdrittel etwas zu ausladend erklärt. Man kann dies notfalls dem ob der belastenden Heimproblematik lange schweigsamen, später dafür umso gesprächigeren Schnabel anrechnen, der ausgerechnet dem Problem-Teenager die eigene Leidensgeschichte erzählt. Er meint es gut, hofft, den Jungen dadurch zu erreichen. Schnabels persönliche Betroffenheit ist prinzipiell ein cleverer Trick, um den Mann, der die Ermittlungen „seiner Frauen“ häufig mehr behindert als unterstützt hat, stärker in den Fall einzubinden. Dass dieser Mann Thomas Brasch liest, ist nach dem bisherigen (rechts)konservativen Bild, das man von diesem Krimi-Klischee-Chef über die Jahre bekommen konnte, kaum anzunehmen. Aber es bedarf wohl einer wundersamen Wandlung dieser Figur, um Leonie Winkler künftig mit Schnabel gemeinsam ermitteln zu lassen. Ob es allerdings diesem Duo möglich sein wird, auf Dauer die hohe narrative Qualität und Genrevielfalt zu erzielen, die Episoden wie „Das Nest“, „Parasomnia“, „Das kalte Haus“ oder „Was ihr nicht seht“ auszeichneten, ist fraglich – und wird eine große Herausforderung an die Autor:innen sein.
Foto: MDR / MadeFor / Junghans
Beim ersten „Tatort“ ohne Karin Hanczewski ist es noch mal gutgegangen. Dank Zertz und Hunfeld, deren Stärken, auch solo, im Bereich Drama und moderner Themenfilm liegen, weniger im Krimi-Reihenfach. Regisseur Thomas Sieben passt sich dem realistischen Erzählkonzept des Drehbuchs kongenial an und verzichtet auf eine allzu auffällige Inszenierung. Auffälliger ist dagegen, dass die Krimihandlung dramaturgisch auf etwas wackeligen Beinen steht und die Auflösung auf der Zielgeraden arg konstruiert wirkt. Zwar wecken der Fall und des Rätsels Lösung – trotz des dominanten Themas – bis zum Schluss großes Interesse (nicht zuletzt durch die immer wieder eingeflochtenen Sprachnachrichten der Toten), doch ein Täter, der erst auf der Zielgeraden aus dem Ärmel geschüttelt wird, ist alles andere als Ausdruck hoher Fernsehkrimikunst. So überzeugt „Siebenschläfer“ vor allem als thematisch relevantes Krimi-Drama, weniger als ausgefeilter Whodunit.


1 Antwort
TATORT „Siebenschläfer“ war gut, Brambach entwickelt sich nach dem Wegfall von Karin Hanczewski in seiner Rolle kriminalistisch und empathisch gut weiter und der Junge, der aus dem Kinderheim geflüchtet ist, wurde von Florian Geißelmann sehr gut gespielt. Durch die prominente Besetzung der Rolle des Psychiaters mit Hanno Koffler, der am Anfang wenig Screentime hatte, war der Ausgang und die Auflösung des Krimis wiedermal frühzeitig vorhersehbar. Leider. 4 von 6 Sterne.