Tatort – Dunkelheit

Foroutan, Hasanovic, Schaller. Superbe Darsteller und emotionale Wucht im neuen Frankfurter „Cold Case“-Team

Foto: HR / Degeto / Daniel Dornhöfer
Foto Thomas Gehringer

Der „Tatort“ aus Frankfurt stellt sich neu auf und beeindruckt in der Premieren-Episode „Dunkelheit“ (HR, Degeto – Sommerhaus Filmproduktion) mit einer herausragenden Besetzung und einem spannenden, hochemotionalen Serienmord-Krimi. Melika Foroutan und Edin Hasanović spielen in dem Reihenkonzept von Stefan Hafner und Thomas Weingartner ein Zwei-Personen-Team, das sich mit Altfällen beschäftigt. Damit greift auch der „Tatort“ auf das beliebte „Cold Case“-Genre zurück und bringt zugleich mit den multikulturellen Hauptfiguren eine besondere Perspektive ein. Im Zentrum stehen mit Kommissarin Maryam Azadi und Kommissar Hamza Kulina zwei starke Charaktere, die beide als Kinder aus dem Iran beziehungsweise aus Bosnien nach Deutschland kamen – wie Foroutan und Hasanovic selbst. Beide Hauptfiguren haben in der eigenen Biografie mit „Altfällen“ zu tun und bringen deshalb eine besondere Empathie für die Angehörigen eines Verbrechens auf. Ein überzeugender Auftakt.

Der Vater ist gestorben, nun öffnet die trauernde Tochter Michaela Zeller (Anna Drexler) eine mit allerlei Krimskrams und Erinnerungsstücken vollgestopfte Garage. Und landet unversehens in einem Alptraum: Als sie mühsam den Deckel eines Fasses hebt, das eigentlich für Gefahrguttransporte verwendet wird, prallt sie erschrocken zurück. Der Anblick der Leichenteile im Fass bleibt dem Publikum erspart. „Dunkelheit“, der erste Fall des neuen Frankfurter „Tatort“-Teams, bedient jedoch grundsätzlich die Lust am Abgründigen und Bösen. Wahrlich eine Horrorvorstellung: Der Vater, ein scheinbar harmloser Frührentner und Modelleisenbahn-Liebhaber, den die Tochter als ruhig, sanft und sozial in Erinnerung hat, erweist sich in Wahrheit als Serienmörder, als „Main-Ripper“, der seine Opfer zerstückelte, Organe und Zähne entnahm und mit Nägeln symmetrische Muster in den Unterleib trieb. Insofern ist der Auftakt mit „Dunkelheit“ noch zurückhaltend überschrieben. Der Titel bezieht sich – neben dem fensterlosen Kellerraum der Altfälle-Abteilung – freilich vor allem auf die „Dunkelheit“, die die Angehörigen der Opfer umgibt, weil Verbrechen nicht aufgeklärt wurden und das Schicksal von Mutter, Freundin, Tochter oder Sohn ungewiss geblieben ist. Insofern ist die düstere Atmosphäre in den Wohnungen, die Szenenbild (Merle Vorwald), Bildgestaltung (Yunus Roy Imer) und Lichtsetzung (Tilo Ullrich) hervorrufen, folgerichtig – bis die Schlussszene einen symbolischen, optimistischen Akzent setzt, als Kommissar Hamza Kulina (Eden Hasanovic) die Jalousien in der Wohnung seiner Mutter Emina (Gordana Boban) hochzieht.

Tatort – DunkelheitFoto: HR / Degeto / Sommerhaus / Daniel Dornhöfer
Bild des Schreckens: War der verstorbene Frührentner und Familienvater der „Main-Ripper“? Melika Foroutan & Edin Hasanovic

Wolfgang Zeller, der „Main-Ripper“, war makabrer Weise Entsorgungs-Unternehmer. Das Gegenstück zu der überquellenden Garage des Serienmörders befindet sich im Keller des Frankfurter Polizeikommissariats: Dort stapelt Maryam Azadi (Melika Foroutan) regalweise die noch nicht digitalisierten Akten, die sie sich unermüdlich aus dem Zentralarchiv herbeischaffen lässt. Wie souverän und unergründlich Melika Foroutan diese Figur im Premierenfilm spielt, ist absolut sehenswert. Das Klischee einer lichtscheuen, in staubigen Akten wühlenden Soziopathin wird keineswegs bemüht. Foroutan deutet stattdessen gekonnt und mit nur wenigen Blicken und Gesten an, dass Kommissarin Azadi ihre guten Gründe dafür hat, warum sie gerade in dieser Abteilung arbeitet. Schon möglich, dass sich hinter der Fassade der ungemein sorgfältigen, hartnäckigen Ermittlerin und etwas unnahbaren Einzelgängerin eine Obsession, tiefer Schmerz und jedenfalls der Wunsch nach Gerechtigkeit oder sogar Rache verbergen. Erneut ein Klasse-Auftritt von Foroutan, die mit Edin Hasanović bereits in der wegweisenden ZDF-Serie „KDD – Kriminaldauerdienst“ vor der Kamera stand und später unter anderem als alkoholkranke Kommissarin Louise Boni in zwei ARD-Krimis nachhaltig beeindruckte.

Azadis neuer Kollege Hamza Kulina wird dagegen zwangsweise in den Cold-Case-Keller versetzt. Mit ausgesucht finsterem Blick beginnt Edin Hasanović seine Karriere als „Tatort“-Kommissar. Kulina, der gerade eine interne Untersuchung am Hals hat, soll für die von Judith Engel gespielte Vorgesetzte Schatz hinter das Geheimnis von Azadi kommen. Schatz vermutet, dass Azadi eine „Privatermittlung“ vorantreibt – womit sie recht haben dürfte. Zugleich könnte Rache im Spiel sein, denn bei zwei Bewerbungen war Schatz von Azadi in der Vergangenheit ausgestochen worden. Es entwickelt sich der in Krimis nicht gerade unübliche interne Konkurrenzkampf. Das ist vorerst nicht sehr originell, aber so wirkt das im Keller weitgehend isoliert arbeitende Cold-Case-Team nicht völlig entrückt – und gleichzeitig noch ehrenhafter, weil es gegen Widerstände zusammensteht. Kulina bemerkt jedenfalls schnell, mit welch vorzüglicher Kollegin er da zusammenarbeitet. Auch die ähnlichen Lebenswege bringen die beiden Hauptfiguren auf dezente Weise näher, wunderbar gespielt in einer gemeinsamen Essens-Szene im Tuzla-Cafe. Bei einem Teller bosnischer Bohnen-Eintopf bemerkt Azadi: „Du bist auch nicht hier geboren. Dafür sprichst du aber gut Deutsch.“ Kulina stutzt, Azadi grinst – den Witz können Menschen, die in Deutschland aufgrund des Namens oder des Aussehens schnell in der „Ausländer“-Schublade landen, wohl besonders gut nachvollziehen.

Tatort – DunkelheitFoto: HR / Degeto / Sommerhaus / Daniel Dornhöfer
„Du bist auch nicht hier geboren. Dafür sprichst du aber gut Deutsch.“ Melika Foroutan & Edin Hasanovic in „Tatort – Dunkelheit“

Interessant auch: Hier ist es die männliche Hauptfigur, die von der weiblichen Kollegin lernt, die weinen und Angehörige in den Arm nehmen darf. Hasanovic spielt die Emotionen seiner Figur deutlicher und offener aus als Foroutan, denn im Gegensatz zu der aus dem Iran stammenden Azadi wird das biografische Trauma des Kommissars Kulina gleich in der Premieren-Episode offen gelegt. Ob es sie nicht störe, am Ende niemandem Handschellen anlegen zu können, fragt Kulina im Tuzla-Cafe. „Wir machen was Anderes. Wir geben den Angehörigen Gewissheit“, antwortet Azadi. Genau diese Arbeit führt den aus der Mordkommission strafversetzten Ermittler mitten hinein in die eigene Familiengeschichte. Die Parallelen zwischen den Biografien von Darstellern und Figuren sind unübersehbar: Auch Foroutan wurde in Teheran geboren und flüchtete als Kind mit ihrer Familie nach Deutschland. Auch Hasanovic‘ Familie musste die Heimat während des Bosnienkriegs verlassen, überdies verschwand Hasanovic‘ Vater und wurde mutmaßlich ermordet. Solche Parallelen lassen eine hohe Identifikation der Darsteller mit ihren Rollen erwarten. Das kann Fluch und Segen zugleich sein. So darf man wohl eine besondere Sensibilität und Genauigkeit bei Themen wie Flucht, Migration und multikulturellem Zusammenleben erwarten. Gleichzeitig dürfte es angesichts der Popularität des „Tatort“-Formats besonders häufig passieren, dass die Schauspieler in der Öffentlichkeit mit ihren Figuren verwechselt werden. Und abzuwarten gilt es, ob der Hessische Rundfunk mit dem neuen Frankfurter „Tatort“-Team eine ähnlich spielerische Genre-Vielfalt und Leichtigkeit bieten kann wie in den Filmen mit Janneke (Margarita Broich) und Brix (Wolfram Koch).

Tatort – DunkelheitFoto: HR / Degeto / Sommerhaus / Daniel Dornhöfer
Auch optisch weiß der „Tatort – Dunkelheit“ mit dem neuen HR-Duo zu gefallen und macht seinem Titel alle Ehre. Melika Foroutan

Erst einmal gelingt dem Drehbuchteam um Regisseur Stefan Schaller jedenfalls ein packender, hochemotionaler Auftakt in eine superb besetzte Cold-Case-Reihe. Nach 20 Minuten scheint der Fall geklärt, die Beweise überführen den verstorbenen Zeller als Mörder an der im Jahr 2006 vermissten Prostituierten Laura Bianco. Umstände und Vorgehensweise sind zudem identisch bei zwei weiteren unaufgeklärten Mordfällen aus den Jahren 2001 und 2003. Maryam Azadi will nach weiteren Opfern suchen, doch nun wird mit einem Hauch Medienkritik auch ein wenig Zeitdruck ins Drehbuch hineinkonstruiert: Weil ein (nur aus der Ferne präsenter) True-Crime-Influencer den Fall bereits öffentlich gemacht hat, will Schatz die für Montag angesetzte Pressekonferenz nicht verschieben. Azadi und Kulina haben ein Wochenende lang Zeit, weitere Opfer zu finden und die Angehörigen zu informieren, damit diese es nicht aus den Medien erfahren, wie und von wem ihre Mutter, Tochter und Freundin getötet wurden.

In den Rückblicken erzählt Schaller nicht einfach nur den jeweiligen Kriminalfall, sondern auch in kurzen, prägnanten Szenen, welche Verluste die Angehörigen erlitten haben. Aus dem Ensemble ragen Alexandra Finder als Freundin der ermordeten Prostituierten und Sahin Eryilmaz heraus, der den – mittlerweile erwachsenen – Sohn einer von Zeller 1977 ermordeten Frau spielt. Der am 4. November 2024 verstorbene Schauspieler Hans Diehl, Vater von August und Jakob Diehl, ist hier in seiner letzten Rolle als Vater eines weiblichen Opfers zu sehen. Und schließlich sorgt der Fall des 2004 verschwundenen 13-jährigen Tobias noch für klassische Krimispannung. Den bis heute traumatisierten Vater spielt eindrucksvoll Martin Feifel. Am Ende gibt es keine lückenlose Aufklärung, aber ein wenig mehr Licht in der Dunkelheit.

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7 Antworten

  1. Es hat noch kein Tatort geschafft dass ich Rotz und Wasser geheult habe. Es war nicht nur die Handlung, sondern es lag besonders an den beiden Schauspielern, besonders Edin Hasanovic. Ich habe noch nie einen Schauspieler gesehen der so überzeugend und emotional spielt. Wow

  2. Sehr gelungener Tatort, angenehm unaufgeregt spannend und zutiefst menschlich, ohne dabei kitschig zu werden. Bin begeistert vom neuen Ermittler- Duo, sowie von allen anderen Darstellern 👍🏻👍👍🏼

  3. Ich kann den Tatort schon länger nichts mehr abgewinnen.

    Leider. Früher habe ich nichts auf Tatort kommen lassen, habe keinen verpasst.

    Die letzten 4-5 Jahre ging es mit der Qualität immer weiter bergab. Das konnte man sich wirklich nicht mehr antun.

    Ich habe über ein Jahr kein Tatort mehr gesehen.
    Nun habe ich mich nach den Vorschusslorbeeren wieder getraut.

    Ja, er ist im vergleich zu dem was uns die letzten Jahre präsentiert, ja eigentlich zugemutet wurde schon fast ein Quantensprung.

    Das ein Tatort nichts mit der Realität zu tun muss jedem klar sein der sich solchen Krimis hingibt, den Anspruch darf man nicht erheben
    Trotzdem sollten die Produzenten mittlerweile wenigstens die einfachsten Grundlagen in ihre Drehbücher implementiert haben, was leider v immer noch nicht passiert.

    Die Zuschauer heute sind die der vergangenen 30 Jahre.
    Heute sind die Zuschauer nicht mehr so naiv wie noch vor 20 oder 30 Jahren.

    Viele, mehr nicht sogar der Großteil der Krimi interessierten sehen sich nicht nur Krimis, sondern auch Dokus zu Polizei und Ermittlungsarbeit an.

    Vielleicht sollten b die Produzenten und Drehbuchautoren sich das auch mal gönnen.

    Als Zuschauer der weiß was Real passiert, kommt man sich bei dem zusehen vom Tatort wie ein kleines Schulkind das keiner ernst nimmt.

    Haltet die Fans von Tatort nicht für dumm und naiv.

    Woran man sich mittlerweile schon fast gewöhnt hat, aber was ich persönlich als unnötig und unpassend finde,
    Alle Ermittler haben einen tragischen Hintergrund. , ihr Päckchen zu tragen,irgendeine private,belastende Geschichte.
    Meine Güte.
    Muss das sein?

    Wirken die Hauptdarsteller nur dann menschlich und verwundbar wenn sie teilweise gebrochen oder angeschlagen ihren Dienst versehen?

    Können es nicht ganz stinknormale Menschen b sein mit denen sich der Zuseher viel eher identifizieren kann als mit einem psychischen Wrack?

  4. Wegen der guten Rezensionen – auch hier bei Tittelbach – habe ich mir diesen TATORT auch mal angeschaut, obwohl die beiden Hauptdarsteller ansonsten nicht so «mein Fall» sind. Aber beide machen ihre Sache ausgezeichnet und die TATORT-Reihe tut gut daran, auch ColdCases ins Fall-Portfolio aufzunehmen, ohne nicht auch den TrueCrime-Hype in Nebensätzen in diesem Film – zu recht – zu kritisieren.
    Bin gespannt auf die nächsten Fälle dieses Duos aus Frankfurt, wobei bestimmt auch in einem der nächsten TATORTE die Vorgeschichte von Hamza Kulina (Edin Hasanovic) erzählt werden wird, nicht wahr?

  5. Claudia, ich hab auch geweint, besonders bei Mehmet…
    Ein Hauch frischer Luft im Tatort-Universum, ich habe nur Bedenken, ob Krimi so statisch, total ohne Action auf Dauer funktioniert?

  6. Ja, ich frage mich auch diese Frage .Alle Ermittler haben einen tragischen Hintergrund. , ihr Päckchen zu tragen,irgendeine private,belastende Geschichte.
    Meine Güte.
    Muss das sein?
    Nichts desto weniger Trotz war dieser Tatort einer der Sonderklasse,. Aussergewöhnlich.
    Und er kommt Gottseidank ohne das aus was heute in vielen Filmen modern geworden ist., wo Ermittler mit den Toten reden, die Mörder im Geiste herumlaufen sehen, Lösungen auf Grund einer unerklärlichen Eingebung finden, Geisterbegegnungen haben oder dergleichen Schwachsinn der heute so üblich ist. Das braucht auch kein Mensch.

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Reihe

ARD Degeto, HR

Mit Melika Foroutan, Edin Hasanović, Judith Engel, Gordana Boban, Mieke Schymura, Anna Drexler, Martin Feifel, Andreas Schröders, Susanne Bredehöft, Sahin Eryilmaz, Alexandra Finder, Miriam Schiweck, Melodie Simina, Canan Kir, Jonathan Wirtz, Ilkay Yalcin, Hans Diehl, Silvia Schwinger, Hiltrud Hauschke, Denise M’Baye, Cäcilie Andresen, Jean-Luc Bubert, Élodie Theres Toschek, Noémie Ney

Kamera: Yunus Roy Imer

Szenenbild: Merle Vorwald

Kostüm: Katharina Schnelting

Schnitt: Stefan Blau

Licht: Tilo Ullrich

Casting: Nathalie Mischel

Musik: Johannes Lehniger, Sebastian Damerius

Redaktion: Erin Högerle, Jörg Himstedt, Birgit Titze

Produktionsfirma: Sommerhaus Filmproduktion

Produktion: Jochen Laube, Fabian Maubach

Drehbuch: Senad Halilbašić, Stefan Schaller, Erol Yesilkaya – nach einem Reihenkonzept von Stefan Hafner und Thomas Weingartner

Regie: Stefan Schaller

Quote: 9,12 Mio. Zuschauer (33,4% MA)

EA: 05.10.2025 20:15 Uhr | ARD

weitere EA: 05.10.2025 20:15 Uhr | ARD-Mediathek

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