„Schattenseite“ droht, die intimsten Geheimnisse von Schülern öffentlich zu machen
Nola (Samirah Breuer) ist mit ihrem Umzug nach Vresow vom Regen in die Traufe gekommen. Irgendwas Schlimmes muss in Berlin vorgefallen sein. Nun könnte sie das Schicksal hier in der Pampa einholen. Aber erst mal stehen andere auf der Abschussliste eines IT-Cracks, der droht, die intimsten Geheimnisse von Schülern öffentlich zu machen. Am Tag der schulischen Trauerfeier für Linus (Philip Günsch), der Selbstmord begangen hat, ploppt auf den Handys aller Schüler eine Website auf, die sich „Schattenseite“ nennt. Der erste Auserwählte ist Womanizer Flavio (Marven Gabriel Suarez-Brinkert). Der ist einer aus der coolen Clique, die die beiden Außenseiter-Freunde Corvin (Florian Geißelmann) und Linus brutal gemobbt haben. Sein größtes Vergehen ist jedoch ein anderes: Der 18-Jährige hat mit Corvins 13-jähriger Schwester (Sophie Paasch) Sex gehabt. Diese „Offenbarung“ entlastet Corvin, den viele als den Leaker vermutet hatten, selbst Nola, die sich mit dem etwas verpeilten Jungen angefreundet hat. Nächstes Opfer ist Patricia (Tanya Nguyen), ein kluges, ehrgeiziges Mädchen, allerdings mit Essstörung und einem Freund, der nicht das beste Image hat. Jener Simon (Ludger Bökelmann), Basketballstar aus reichem Hause, könnte der Nächste sein. Oder dessen Kumpel Nathan (Filip Schnack), dessen Dealerei ein gefundenes Fressen für die „Schattenseite“ sein könnte. Und auch Nola gerät ins Visier des unbekannten Richters. Sie könnte sich freikaufen, wenn sie Corvins Handy liefert.
Foto: Degeto / HR / Dreamtool / Kreyenberg
In einem Klima des Belauerns & Verdächtigens wächst bei potenziellen Opfern die Angst
Die Handlung deutet es an: Die Serie „Schattenseite“ setzt auf mehrfachen Thrill. Wer wird als Nächster durch die digitale Mangel gedreht? Was ist sein oder ihr Geheimnis? Und wer ist der Leaker? Diese Fragen stellen sich auch die Schüler. Ihre Neu-Gier ist der Schlüssel zur „Schattenseite“: Sind die nötigen Klicks erreicht, wird das Geheimnis gelüftet. Jeder ist also indirekt beteiligt an dieser Form des digitalen Mobbings. Dem Zuschauer stellen sich die gleichen Fragen. Hinzu kommt ein weiteres Spannungsmoment, das sich mit dem Suspense, dem Mehrwissen im Krimi, vergleichen lässt: Noch vor dem Lüften weiterer Geheimnisse wird man Augenzeuge diverser Vergehen, die den Betroffenen auf die Füße fallen könnten. Eine Lehrerin hat eine Sexaffäre mit einem Schüler. Ein anderer versorgt die Schule mit Drogen. Und die ganz Coolen zwangen die beiden Außenseiter in eine sexuell prekäre Lage und filmten das Ganze, um ein Druckmittel gegen Linus in der Hand zu haben, der seinerseits ein Masturbier-Video von Simon aufgenommen hatte. Die Frage ist, wann und wie diese Geheimnisse ins Spiel gebracht werden. Hinzu kommt ein Klima des Belauerns, Verdächtigens und des Verrats. Denn wer einen anderen denunziert, indem er der „Schattenseite“ belastendes Material liefert, könnte verschont werden. Und über allem schwebt Nolas Berliner Geheimnis. Sie ist die Hauptfigur; sie und Corvin werden als die einzigen uneingeschränkten Sympathieträger in die Geschichte eingeführt. Aber auch sie sind nicht frei von Schuld, genauso wenig wie einige Eltern und Lehrer. Aus dieser Gemengelage ergibt sich eine sehr dichte Erzählung, die für extreme Spannung sorgt.
Soundtrack
Folge 1: Eli Raybon („Plutos First Popstar“), La Femme („Si un jour“), Noga Erez („AYAYAY“), Nilüfer Yanya („Hey“), Pink Gloves & Anna Vaverková („What It Feels Like For A Girl“), Laura Dre („If Looks Could Kill“, „I Wanna Be Your Only One“, „Moving Spaces“), Purple Disco Machine („Plaxbox“), The Boy The G („Adrenaline“)
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Ambivalente Charaktere, die nicht zu absoluten Buhmännern gestempelt werden
„Schattenseite“ ist mehr Thriller als Drama. Der Einsatz ist nicht das Leben, sondern der gute Ruf eines jungen Menschen; ist der dahin, kann dies Freundschaften kosten und einem durchaus die Zukunft verbauen. Obwohl einige der Charaktere höchst ambivalente Züge tragen, werden sie von der Dramaturgie nicht zu absoluten Buhmännern gestempelt. Flavio profitiert (anfangs) von seinem guten Aussehen, Simon hilft der enorme, von seinem Vater (Christian Erdmann) geschürte Erfolgsdruck, der auf ihm lastet und ihn ein Stück weit moralisch entlastet, und Nathan hilft die enge, liebevolle Beziehung zu seiner Mutter. Und Patricia und Jessy (Carlotta Weide) können nichts dafür, dass sie mit goldenem Löffel im Mund geboren sind, und dass sie das üble Mobbing von Simon, Flavio & Co gedeckt haben, tut ihnen später zumindest leid. Die moralischen Fragen, die die Serie von Hanna Hribar nach dem Roman von Jonas Ems in die packende Geschichte implementiert, werden sonst nur selten von den Charakteren selbst gestellt. Der aufmerksame Zuschauer kommt allerdings nicht umhin, sich zu dem Gezeigten moralisch zu positionieren. Die Haltung gegenüber Flavio, der Schwächere manipuliert und quält, dürfte eindeutig sein. Bei der Lehrerin, die mit ihrem Schüler schläft, ist die Sache schon komplizierter – egal, ob da Gefühle oder Sexsucht im Spiel sind. Und eine junge Frau wie Patricia, die schon genug gestraft ist mit ihren bulimischen Episoden und einer emotions- und verständnislosen Mutter, kann nur als Opfer gesehen werden. Auch und vor allem aber gilt es, die „Schattenseite“ ethisch einzuordnen: Die Aktionen sind im Gegensatz zu manchen politischen Leaks verwerflich; aber sind sie nicht vielleicht doch in Ausnahmefällen vertretbar? Man könnte sich aber auch persönliche Fragen stellen: Sollte man selbst nicht etwas achtsamer mit den neuen Medien umgehen? Seine Passwörter besser schützen? Intimes der digitalen Welt vorenthalten? Ein besserer, integrer Mensch sein?
Soundtrack
Folge 2: Brothers Keepers („Will We Ever Know“), Ibiza („Blau“), Salvatore Adamo („Tombe la neige“), Coastal feat. Cymatica („Shy Kids“), Berq („Rote Flaggen „)
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Coming-of-Age-Thriller: top besetzt, wild geplottet & effektiv erzählt
„Schattenseite“ ist zwar nur ein Coming-of-Age-Thriller, bei dem die Figuren funktional und sehr effektiv in die Plot-orientierte Handlung eingewoben sind, doch hinter ihnen verbergen sich gleichzeitig mehr als nur die bekannten Teenager-Typen-Klischees von der Sportskanone, der Reiche-Eltern-Tussi oder dem schwulen Jungen von nebenan. Das könnte an der Vorlage liegen. Jonas Ems Roman ist vor sechs Jahren erschienen. Der Autor und Webvideoproduzent ist heute 28, die Drehbuchautorin Hanna Hribar 23 Jahre alt. Beide sind noch nah dran am Klassenzimmer, den Party-Exzessen und diesem Zwang, ein gutes Bild abgeben und unbedingt dazugehören zu wollen. Sie haben noch die Sprache der Jugendlichen im Ohr. Und nichts lag ihnen offenbar ferner, als die Charaktere ihrer Generation zu verraten. Den Rest übernehmen ein Dutzend Jungschauspieler, die durchweg überzeugen – und von denen die meisten schon größere Rollen in Top-Produktionen vorweisen können. Florian Geißelmann ist derzeit in der Arthouse-Überraschung „In die Sonne schauen“ zu sehen und spielt im Oktober-„Tatort“ aus Dresden die Episodenhauptrolle, ähnlich passend verhuscht wie seinen Corvin. Ludger Bökelmann überzeugte in der Fantasy-Drama-Serie „Pauline“ (Disney+) als des Teufels Sohn, während Marven Gabriel Suarez-Brinkert und Philip Günsch – in „Schattenseite“ als Täter und Opfer – im ARD-Zweiteiler „Die Augenzeugen“ noch als enge Freunde glänzten. Und Hauptdarstellerin Samirah Breuer hatte schon in der Ausnahmeserie „Krank Berlin“ (Apple TV+) eine ebenso große wie markante Rolle. Dass das Riesenensemble gut zur Geltung kommt und sich die Charaktere rasch einprägen, liegt auch an der klaren Erzählstruktur. Erster Kontakt zwischen Nola und Corvin, ein Blick in die Schulklasse, die Trauerfeier – und im Nu ist ein Dutzend (und damit die Hälfte) der Figuren eingeführt.
Soundtrack
Folge 3: Metronomy Spilltab („Uneasy“), LUCASV & Isaac Delusion („Let Her Go“), Eli Raybon („Pluto’s First Popstar“), YMMI („That’s What Im Talking About „), Kaleida („Think“), Jeremias („Grune Augen lügen nicht“), JBS (Mo-Fr), Khruangbin („Pelota“), Marcos Valle („Nova Bossa Nova“), ergio Mendes & Brasil ‘66 („S. Dan.o Samba“), Whitey en vouge & Ikkimel („Zoom Call“), MilleniumKid & JBS („Vielleicht, vielleicht“), Amanda Theory & YMMI („Look At That“), Faux Real („Walking Away From my Demons“), Adés the Planet („BI“), o.o Gilberto, lc code („Saudade Fez Um Samba“)
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Die Inszenierung wirkt alltagsnah, realistisch, an den Charakteren orientiert
Die Bildsprache in „Schattenseite“ ist für eine „junge“ Serie eher gemäßigt. Gern spiegelt sich schon mal die Nervosität der Jugendlichen, die Angst, dass ein Geheimnis auffliegt, im Schnitt oder der Kameraführung, insgesamt aber wirkt die Inszenierung alltagsnah, realistisch, an den Charakteren orientiert. Selbst die aufschlussreichen Rückblenden, zu Beginn jeder Folge, werden sachlich, ohne audiovisuelle Effekte in die Chronologie der laufenden Ereignisse (sechs Folgen, sechs aufeinanderfolgende Tage) eingebunden. Dem Genre geschuldet und allzu hochtourig heizt allerdings der Score den dramatischen Situationen des Öfteren ein. Szenisch fallen einige Momente aus dem Rahmen, in denen sich Nolas Geheimnis als Bild gewordenes Trauma blutig und surreal in den Vordergrund schiebt. Özgür Yildrim („4 Blocks“) und Alison Kuhn („WatchMe – Sex sells“) haben also für diese Geschichte ohne Internet-Kauderwelsch die passende Umsetzung gewählt. Kaum IT-Design, nur die Push-Nachrichten, die auf den Handys der Schüler erscheinen. Die Serie hat 270 Minuten lang einen sehr guten Flow: perfekter Binge-Stoff!
Soundtrack
Folge 4: Nura („Ich war’s nicht“), Chromatics („The Sound of Silence“), The Go-Go’s („We Got The Beat“), AURORA („The Devil Is Human“), Labyrinth Ear („Navy Light“), MGMT („Little Dark Age“), Arøne („Fin d’été“), Rundfunk-Sinfonieorchester Berlin („Requiem in D minor, K. 626: Sequence No. 6: Lacrimosa dies illa“), French 79 („Hometown“), Neonschwarz (2015″)
Folge 5: Mina („Il Cielo In Una Stanza“), Eli Raybon („Plutos First Popstar“), Laura Dre („All Day All Night“), Purple Disco Machine („Heartbreaker“, „Wake Up“), DJ Tamay („Stranger in The Club“), Alison Goldfrapp („I Wanna Be Loved“), Club Intl, John Eatherly & Madeline Follin („Lucky Star“)
Folge 6: Amanda Theory, YMMI („Look At That“), Metronomy, Pan Amsterdam („Nice Town“), Poolside („I Feel High“)


3 Antworten
Ich bin am Anfang von Folge 3 „ausgestiegen“. Wenn DAS ALLES heutzutage – auch nur im Ansatz – Schulalltag in Deutschland sein soll, ja dann «gute Nacht». In dieser Serie findet sich kaum jemand, der menschliche Werte verteidigt (ausser Nola in der Szene, als sie in Folge 2 mit Patricia die Bahngleise entlang geht und sich als Gesprächspartner anbietet). Ansonsten wird in dieser Serie ja nur unterstes gesellschaftliches Niveau thematisiert, entweder Dekadenz, übles sexistisches Mobbing, Lehrerin f***t Schüler. Am Anfang von Folge 3 (Toiletten-Szene) hatte ich dann genug. Es reichte, weg mit. Vielleicht bin auch zu alt, für so einen Schei….
Naja, die Jungen haben gut gespielt.
Ansonsten: safe, digga, safe, digga…
3/10
Zitat: »Den Rest übernehmen ein Dutzend Jungschauspieler, die durchweg überzeugen …«
Ich lach’ mich tot! Die agieren mehrheitlich wie eine Laienspielschar, jedenfalls, wenn man sie mal mit dem Hauptdarsteller von „Adolescence“ vergleicht, nur so als Beispiel. Aber wahrscheinlich finden das manche Leute „authentisch“. Ich habe ja schon lange den Verdacht, dass tittelbach.tv von Degeto gesponsert wird und daher auch den größten Mist, den der ÖRR produziert, über den grünen Klee lobt.